Rheuma & Schwangerschaft - geht das?

Schwanger und Rheuma – für viele Paare mit Kinderwunsch ist dieses Thema mit vielen Unsicherheiten verbunden. Welche Komplikationen sind zu befürchten und welche Medikamente können weiterhin genommen werden um dem Ungeborenen nicht zu schaden? 

Die gute Nachricht: Es hat sich die letzten Jahre in der Forschung und Behandlung einiges getan. Somit müssen Rheumapatienten nicht unbedingt die Familienplanung ad acta legen. Dr. Peer M. Aries von der Rheumatologie im Struenseehaus in Hamburg räumt mit den gängigen Vorurteilen auf und gibt hilfreiche Einblicke in das Thema Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt. 

Teil 1: Kinderwunsch

NIK e.V.: Viele Patientinnen sind sich unsicher, ob Kinderwunsch und Rheuma zusammenpassen. Wie stehen Sie dazu?

Die Zeit, in der wir unseren Rheumapatienten empfohlen haben, nicht über eine Familienplanung nachzudenken, ist zum Glück vorbei. Seit nunmehr längerer Zeit haben die Rheumatologen Erfahrung mit der Interaktion von Schwangerschaften und Rheuma als auch mit den Rheumatherapien gemacht. Wir können heutzutage unseren Patienten sagen, die Umsetzung eines Familienwunsches ist heutzutage konkret möglich. Sicherlich bedarf es einiger Vorüberlegungen und eventuell auch einiger Untersuchungen im Vorfeld, jedoch gibt es nur sehr wenige Situationen, in denen wir heutzutage Patienten konkret von einer Schwangerschaft abraten.

NIK e.V.: Ist es schwieriger mit Rheuma Schwanger zu werden?

Grundsätzlich ist zu sagen, dass eine anhaltende Entzündung im Körper des Patienten als auch der Patientin zu einer verminderten Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Schwangerschaft führt. Die Spermienqualität als auch die Wahrscheinlichkeit der Einnistung der Einzelzelle ist von der Biologie her offensichtlich vermindert, solange eine anhaltende Entzündung im Körper besteht.

NIK e.V.: Gibt es Spezialisierte Rheumatologische Praxen, die auf Kinderwunsch spezialisiert sind und wenn ja, wie werden die Patientinnen dort betreut?

Das Thema Rheuma und Schwangerschaft spielt heutzutage in jeder rheumatologischen Praxis einer Rolle. Manchmal ist es nur die fehlende Kommunikation, weshalb Patienten wenig über die Möglichkeit einer Schwangerschaft erfahren. Mein Rat ist, den betreuenden Rheumatologen konkret auf den Wunsch der Familienplanung anzusprechen. Sicherlich gibt es Praxen die sich mehr oder weniger mit dem Thema beschäftigen, eine grundlegende Information sollte es jedoch in jeder rheumatologischer Praxis geben. Hochspezialisierte Praxen, die sich ausschließlich mit dem Thema Rheuma und Schwangerschaft beschäftigen, gibt es in Deutschland nicht.

NIK e.V.: Worauf sollte eine Frau mit Rheuma vor einer geplanten Schwangerschaft achten?

Als aller erstes sollten allgemeine Informationen zu dem Thema eingeholt werden. Gespräche mit der Partnerin oder dem Partner sowie der rheumatologischen Praxis sind die Grundlage für die mögliche Entscheidung für eine Schwangerschaft. Als nächstes sollte die Krankheitsaktivität vor dem Hintergrund einer möglichen Schwangerschaft noch einmal genau betrachtet werden. Auch die aktuelle Medikation sollte gegeben falls modifiziert oder umgestellt werden. Möglicherweise kann es bei einzelnen Erkrankung Sinn machen, im Vorfeld anhand von Laboruntersuchungen das Risiko einer möglichen Schwangerschaft besser einschätzen zu können. Nicht zuletzt sollte die gynäkologische Praxis ebenfalls zu dem Thema befragt werden, sodass zum Zeitpunkt der Schwangerschaft möglichst keiner der Beteiligten (werdende Eltern, rheumatologische und gynäkologische Praxis) zu von der Tatsache überrascht werden.

Teil 2: Schwangerschaft & Geburt

NIK e.V.: Kann man während eines akuten Schubs schwanger werden?

Die Wahrscheinlichkeit ist zwar geringer, bei einer aktiven rheumatischen Erkrankung schwanger zu werden, darauf verlassen sollte man sich jedoch nicht. Solange nicht die Voraussetzungen günstig sind und die aktuelle Medikation an den Schwangerschaftswunsch angepasst wurde, sollte eine effektive Verhütung gewährleistet sein. Erfahrungsgemäß sollten die Patientinnen mindestens 3 Monate eine sehr gute Kontrolle der Krankheitsaktivität haben, bevor sie schwanger werden. Dieses ist einer der besten prognostischen Marker, damit die Schwangerschaft komplikationsarm verläuft.

NIK e.V.:Gibt es Besonderheiten beim Impfen, auf die geachtet werden muss? Wenn ja, welche?

Kinder von Patientinnen, die während der Schwangerschaft intensivere Medikamente zur Immununterdrückung eingenommen haben, sollten in den ersten 5 Monaten keine Lebendimpfungen bekommen. Dieses betrifft insbesondere die Impfung von Rotaviren, die normalerweise im Alter von 6 Wochen, sowie im 2. und 4. Monat erfolgt.

NIK e.V.: Wie häufig sollten Frauen in der Schwangerschaft ihren Rheumatologen aufsuchen?

Diesbezüglich gibt es leider keine offiziellen Empfehlungen. Zum anderen hängt die Frequenz sicherlich auch von den individuellen Prognosefaktoren der Schwangeren ab. Wir sehen häufig die Patienten im 6 Wochenrhythmus bei uns in der Sprechstunde.

NIK e.V.: Vor Cortison haben viele Angst, wie stehen sie dazu, Cortison in der Schwangerschaft- ja oder nein?

Das kann man so allgemein tatsächlich nicht beantworten. Generell ist es sicherlich wünschenswert, eine Schwangerschaft ohne Medikamente führen zu können. Sollte jedoch die Krankheitsaktivität nicht ausreichende unter Kontrolle sein, mag es im Einzelfall tatsächlich sinnvoll sein, Cortison einzunehmen, um die Krankheitsaktivität zu verbessern. Dabei sollte natürlich so wenig wie möglich Cortison eingenommen werden, und gerade zu Beginn der Schwangerschaft würden wir höhere Cortisondosen gerne vermeiden.

NIK e.V.: Wie sieht es mit der Medikation aus. Raten sie dazu, die Medikamente einfach abzusetzen?

Das unkontrollierte Absetzen der Medikamente, nur wegen eines nun aktuell bestehenden Schwangerschaftswunsch oder einer eingetretenen Schwangerschaft es sicherlich nicht zu empfehlen. Auch diesbezüglich ist zunächst individuell zu schauen, welche Krankheit liegt vor, welche Krankheitsaktivität besteht zur Zeit und welche Medikamente werden zurzeit eingenommen. Durch eine rechtzeitige Kontaktaufnahme mit den betreuenden rheumatologischen Praxis vor Eintritt der Schwangerschaft lassen sich viele solcher Fragen bereits klären, sodass es gar nicht zu solchen akuten und vielleicht überstürzten Therapieumstellung kommen muss.

NIK e.V.: Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Gynäkologen und wer betreut die Patientin während der Schwangerschaft vorrangig?

Ich halte es für absolut wichtig, dass die Rheumatologen und Gynäkologen zusammen die Schwangerschaft betreuen. Jeder hat seinen aktiven Part in der Betreuung der Schwangerschaft. Der Rheumatologe muss dabei kein Gynäkologe sein und andersrum. Wenn aber beide ihre Erfahrung in die Waagschale legen und sich miteinander austauschen, dann bestehen die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Schwangerschaft. Es ist nicht zwingend notwendig, dass die Rheumatologen die Gynäkologen gemeinsam und gleichzeitig die Patientin sehen oder täglich miteinander telefonieren, wenn Sie jedoch sich zum Beispiel anhand von Arztbriefen regelmäßig austauschen und ihre aktuellen Empfehlung darlegen, sind alle ausreichend informiert und können falls notwendig, miteinander telefonieren um das weitere Procedere in der Betreuung der Schwangerschaft möglicherweise anzupassen.

Teil 3: Nach der Geburt

NIK e.V.: Was ist nach der Geburt für Mutter und Kind wichtig?

Während der Schwangerschaft sollte durch die Gynäkologen über die Möglichkeiten individuelle Möglichkeiten der Geburt gesprochen werden. Dabei ist die rheumatologische Erkrankung selten ein Grund, keine natürliche Geburt sich zu wünschen. Es gibt jedoch einzelne Situation, da wird den Schwangeren wahrscheinlich die Geburt mittels Kaiserschnitt empfohlen. Bei der Beurteilung der Risikosituation ist die Rolle des Rheumatologen deutlich kleiner als die des Gynäkologen.

Bezüglich der ersten Lebenstage des Kindes sollte bereits während der Schwangerschaft auf Prognosefaktoren zum Beispiel in den Laborwerten geachtet werden. Es gibt einzelne Erkrankung bei den kann anhand von Laboranalysen erkannt werden, ob zum Beispiel das Kind möglicherweise in den Tagen nach der Geburt einen Hautausschlag haben könnte, der auf die Rheumawerte der Mutter zurückzuführen sind. Dieser Ausschlag ist per se nicht gefährlich, kann jedoch zu Irritationen führen, wenn man nicht darauf gefasst ist. In den ersten Lebensmonaten verschwindet zum Beispiel dieser Hautausschlag spontan und komplett.

NIK e.V.: Wann sollte man die Therapie nach der Geburt wieder beginnen?

Sollte vor der Schwangerschaft eine rheumatologische Therapie beendet worden sein, gibt es keine Regel die besagt, dass nach der Geburt des Kindes die Therapie automatisch wieder aufgenommen werden sollte. Die Entscheidung sollte in Abhängigkeit von der Tatsache gemacht werden, wie sich die Krankheitsaktivität bei der Mutter nach der Geburt verhält und ob die Mutter stillt. Es kann gegebenenfalls sinnvoll sein, eine Therapie nach der Geburt und während des Stillens wieder aufzunehmen, diese sollte jedoch nur in Absprache mit der betreuenden rheumatologischen Praxis erfolgen.

NIK e.V.: Sollte man während dem Stillen die Therapie pausieren?

Es ist zumeist so, dass wenn die rheumatologischen Medikamente während der Schwangerschaft fortgesetzt worden, können diese Medikamente auch während der Stillzeit fortgesetzt werden. Medikamente die nur während der Schwangerschaft, aber nicht während der Stillzeit eingenommen werden dürfen, sind mir in der Rheumatologie nicht bekannt.

NIK e.V.: Fazit: Welche Erfahrungen haben sie bei/mit ihren Patienten gemacht?

In Anbetracht der Tatsache, dass wir eine Sprechstunde für Rheumaerkrankte mit Kinderwunsch anbieten, betreuen wir viele Patienten vor, während und nach der Schwangerschaft. Unsere Erfahrung ist, dass allein die Tatsache, dass ein Familiengründung und generell realisierbar erscheint, trotz einer rheumatologischen Erkrankung, bei den meisten Patienten zur Erleichterung führt. Wenn man dann die oben beschriebenen Konzepte mit den Patienten und deren Partnern durch spricht, erkennen die meisten zumeist selber, wann ein möglicher richtiger Zeitpunkt für die konkrete Umsetzung des Familienwunsches sein könnte. Zudem ist unsere Erfahrung, dass die Komplikationen während der Schwangerschaft nicht unbedingt mit der Art der rheumatischen Erkrankung eng assoziiert sind, sondern die ausreichende Kontrolle der Krankheitsaktivität in den ersten drei Monaten vor der Schwangerschaft eigentlich die beste Vorhersage gibt, wie viel Schwierigkeiten während der Schwangerschaft auftreten können.

Wichtig ist uns auch, dass wenn eine Schwangerschaft nicht erfolgreich war es eher selten rheumatologische Gründe sind. Auch bei gesunden Müttern brechen Schwangerschaften in den ersten zwölf Wochen nicht selten ab. Das Gefühl, dass die Patientin selber daran schuld sei oder sie nicht alles dafür getan hätte, um die Schwangerschaft erfolgreich fortzusetzen, darf bei den Patientinnen nicht aufkommen.

NIK e.V.: Wofür ist ein Rheuma-Schwangerschafts-Register?

Das Schwangerschaftsregister Rhekiss dient dazu, noch mehr über die Schwangerschaften bei Rheumapatienten zu lernen. Alles das was wir heute dazu wissen, resultiert aus der Betreuung der Schwangerschaften in den vorherigen Jahrzehnten. Es gibt nahezu keine Studien zur individuellen Prognosefaktoren oder der Anwendung von Medikamenten während der Schwangerschaft, da sich dieses ethisch auch nicht vertreten ließe. Um in Zukunft aber noch besser unsere Patienten betreuen zu können, ist es unser Ziel individuelle Prognosefaktoren kennen zu lernen, die noch mehr erfolgreiche Schwangerschaften zur Folge haben.

 

Dr. Peer M. Aries ist Facharzt für Innere Medizin / Rheumatologie und betreibt in Hamburg eine Gemeinschaftspraxis für Rheumatologie und klinische Immunologie. Wesentlicher Bestandteil ist die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Abteilungen für Lungen, Nieren und Bluterkrankungen sowie der Radiologie. Schwerpunkte sind Innere Medizin, Rheumatologie, Klinische Immunologie sowie Rheuma und Schwangerschaft.

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Dr. Peer M. Aries & Partner, Rheumatologie, klinische, Immunologie, Tagesklinik
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