Blog

Ernährungsfragen von NIK e.V. an Nicole Kühling

Nicole Kühling berät Menschen seit über 15 Jahren in Gesundheitsfragen. Das Thema der Ernährung ist eine besondere Herzensangelegenheit für sie. Schon sehr früh wurde bei ihrer Tochter Kinderrheuma diagnostiziert. Dadurch spezialisierte sich Nicole auf die Ernährung bei Rheuma und Gelenkerkrankungen und einer entzündungshemmenden Ernährungsweise, um ihrer Tochter mit eigenen Mitteln helfen zu können.

Nun beantwortet sie unsere Fragen rund um das Thema Ernährung und Rheuma.

 

Ist Ernährung eine „alternative Heilmethode“ für dich?

Über diese Frage habe ich länger nachgedacht, um die richtigen Worte zu finden. Denn als „alternative Heilmethode“ würde ich Ernährungstherapie nicht bezeichnen. Nahrungsaufnahme ist schließlich essentiell, denn ohne Nahrung würden wir verhungern.

Das, was wir essen, hat einen enormen Einfluss auf unserer Gesundheit. Sehr viele Erkrankungen sind Ernährungsbedingt, also durch Fehl- oder Mangelernährung verursacht. Bei diesen Erkrankungen spielt eine Ernährungstherapie eine entscheidende Rolle in der Heilung.

Natürlich gibt es auch Erkrankungen, die nicht durch Ernährungstherapie heilbar sind, da sie einen anderen Ursprung haben. Aber selbst dort stellen sich Forscher immer wieder die Frage, welche Faktoren mit an ihrer Entstehung beteiligt sind. Auch Nährstoffmangel oder Schadstoffe aus Lebensmitteln, die durch die Industrialisierung, Massentierhaltung und Verseuchung der Böden in unseren Organismus gelangen sind immer wieder Gegenstand der Forschung.

Damit unser Körper alle seine Funktionen ausführen kann, braucht es eine Bandbreite an Bausteinen, Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen. Wie ein kompliziertes Uhrwerk greifen komplizierte Abläufe ineinander. Fehlen Nährstoffe, entstehen Schäden. Aus diesen Schäden entwickeln sich Krankheiten.

Deshalb bin ich der Meinung das Ernährung keine „alternative Heilmethode“ ist, sondern der Grundstein, bzw. das Fundament unserer Gesundheit. Die beste „Heilmethode“ wird nicht erfolgreich sein, wenn im Körper nicht die entsprechenden Nährstoffe für Um- und Aufbau, Weiterleitung und Verarbeitung sowie schlicht Energiebereitstellung vorhanden sind.

 

Was ist deiner Meinung nach am Effektivsten bei der Ernährung(sumstellung) für Rheumapatienten?

Es gibt natürlich individuelle Faktoren und Lebensumstände die berücksichtigt werden müssen. Allerdings zeigen sich die besten Erfolge bei einem Großteil der Patienten, wenn sie auf eine vorwiegend pflanzliche Ernährungsweise mit vielen hochwertigen Fetten und moderatem Kohlenhydratverzehr umstellen. Industriezucker und industriell verarbeitete Produkte sollten stark reduziert, Alkohol und Zigaretten komplett gestrichen werden.

Eine gezielte Nährstoffsupplementierung ist in vielen Fällen eine ergänzende Therapieoption.

 

Auf was muss ein Rheumapatient unbedingt verzichten? Gibt es gute Alternativen dazu?

Ich möchte hier nicht generell bestimmte Lebensmittel verbieten, denn es kommt immer auf den großen Rahmen an, in dem Lebens- oder Genussmittel verzehrt werden. Aber Alkohol und Zigaretten sowie zu viele Zusatz- oder Schadstoffe sind absolut schädlich bei Autoimmunerkrankungen.

 

Wie lange dauert es, bis ein Rheumatiker nach der Ernährungsumstellung Veränderungen merkt?

Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt darauf an wie die Ernährung im Vorfeld ausgesehen hat und wie stark der Körper im Allgemeinen belastet ist. Eine Umstellung kann innerhalb weniger Tage erste Verbesserungen zeigen. Ich würde aber mindestens 3 bis 6 Monate am Ball bleiben, um abschließend ein Urteil zu fällen. Ich stelle meine Patienten meist langfristig und nicht radikal um, wenn nicht nötig. Denn eine nachhaltige Ernährungsumstellung sollte Schritt für Schritt erfolgen, damit der Betroffene nicht die Motivation verliert, weil zu viele Dinge auf einmal verändert werden.

 

Welchen praktischen Alltags-Tipps und -Tricks kannst du den Lesern geben?

Neue Dinge Schritt für Schritt verändern. Also zum Beispiel von Kuhmilch auf eine Milchalternative wechseln und das ein paar Tage lang durchhalten. Wenn man es erfolgreich umgebaut hat, die nächste Veränderung angehen und so langsam aber beständig die Ernährung umstellen.

Das Internet nach Rezepten durchforsten. Mittlerweile gibt es so viele tolle Inspirationen für vegetarische oder vegane Rezepte. Da kann nun wirklich niemand mehr sagen, es gäbe keine Abwechslung.

Suche dir Gleichgesinnte. Veränderungen lassen sich leichter Umsetzen, wenn man Menschen um sich hat, die einen verstehen. Es gibt so viele tolle Möglichkeiten sich zu vernetzen und sich zu unterstützen.

 

Wie sollten die Patienten damit umgehen, wenn sie in Bezug auf Ernährung einen Rückfall erleiden und z.B. Heißhungerattacken haben?

Rückfälle vermeidet man am besten, indem man sich keine zu strengen Regeln setzt. Das hält man auf kurz oder lang nicht durch. Neue Ernährungsgewohnheiten brauchen Zeit. Ich bin ein großer Fan der 80/20 Regel. Das heißt: 80% der Ernährung sollten optimal sein und die restlichen 20% sind für den Genuss da. Denn EINE ungesunde Mahlzeit macht genauso wenig krank, wie EINE gesunde Mahlzeit gesund macht.

Kommt es doch einmal zu einem Rückfall oder sogar einem neuen Schub, sollte man sich nicht gleich komplett entmutigen lassen. Autoimmunerkrankungen sind unberechenbar und viele Faktoren können den Verlauf beeinflussen. Man hat es nicht immer in der Hand und nicht immer ist das Essverhalten schuld.

 

Wie organisiert man sich am besten bei einer Ernährungsumstellung? Gibt es hier Hilfsmittel wie Wochenplaner oder Einkaufshilfen etc.?

Ein gutes Grundwissen über Ernährung und die Vorgänge im Körper halte ich für wichtig, denn so ist man immer in der Lage die richtigen Entscheidungen in Bezug auf seine Ernährung zu treffen.

Essenpläne sind eine gute Möglichkeit, um eine Übersicht für die Woche zu behalten und bestimmte Nährstoffe einzuplanen. Es ist so oft einfacher, an die wichtigsten Dinge zu denken, anstatt jeden Tag einfach drauf los zu laufen.

Wenn man unsicher ist, sollte man von Zeit zu Zeit eine Fachkraft über die Ernährungsweise schauen lassen.

 

Welche Buch/Blog/Webseiten-Empfehlung kannst du Rheumapatienten geben?

Für Informationen und Weiterbildung nutze ich gerne die Akademie für Menschliche Medizin. Dort werden regelmäßig Vorträge angeboten und Blogartikel zu neuesten Erkenntnissen aus der Ernährungsmedizin angeboten. Dort findet man auch eine Liste mit empfehlenswerten Büchern.

https://spitzen-praevention.com/

Die Rheumaliga.

Die Ernährungs-Docs aus dem NDR Fernsehen sind immer eine gute Quelle für tolle Videos und Informationen.

 

Wie klappt das deiner Erfahrung nach mit der Selbstmotivation am bestens?

Mit einer chronischen Erkrankung sollte man sich bewusst machen, dass es immer ein Auf und Ab sein kann. Es lohnt sich, sich mit seiner Einstellung zu bestimmten Themen zu beschäftigen und sich ein „Warum“ zu schaffen. „Warum“ möchte ich bestimmte Ziele erreichen. Was möchte ich erreichen oder wie möchte ich mich fühlen? Man kann lernen, sich ein starkes „Warum“ zu schaffen. Und dies trägt einen dann auch durch ein Tal und ist meiner Meinung nach, die beste Motivation.

 

Schlusswort:

Fazit, Rat an Betroffene, Motto etc.

Ich stelle immer wieder fest, dass viele Rheumapatienten noch nie etwas von den Möglichkeiten einer Ernährungsumstellung gehört haben. Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen für dieses Thema begeistern können und es einfach mal versuchen. Man kann ja nur profitieren. Im schlechtesten Fall hat man sich einfach nur gesund ernährt und etwas für seine allgemeine Gesundheit getan. Im Idealfall bekommt man ein großes Stück Lebensqualität zurück.

Mein Rat ist, sich einfach mal auf den Weg zu machen oder sich Hilfe zu holen. Auch unabhängig von der negativen Meinung einiger Ärzte in Bezug auf Ernährung. Denn die vielen Beispiele zeigen, dass es definitiv möglich ist, seine Beschwerden begleitend zu verbessern, wenn man wirklich dranbleibt und bereit ist, etwas zu verändern!

Aber der erste Schritt beginnt bei sich selber, denn man muss häufig erstmal ein wenig über seine Komfortzone treten. Aber es lohnt sich definitiv!

Post a comment