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Interview Dr. Tatsis: Keine Angst bei Rheuma

Rheuma geht fast immer mit Schmerzen einher. Meistens haben die Schmerzen ihre Ursache in einer Entzündung im Körper. Um einer akuten Entzündung entgegenzuwirken, die Schmerzen zu lindern und die entzündeten Gelenke zu schonen, werden Schmerzmittel eingesetzt – vor allem bei einem Schub kommen Rheumatiker nicht um Schmerzmedikamente herum. Für den dauerhaften Schutz der Gelenke und um die Krankheitsaktivität im Körper langfristig so gering wie möglich zu halten, gibt es mehrere Behandlungsformen, die sich nach den individuellen Symptomen richten und die häufig auch erfolgreich miteinander kombinierbar sind. Wie der Weg zum richtigen Therapieplan aussieht, wie lang er dauern kann und warum es für Rheumatiker wichtig ist, schon bei frühen Anzeichen einen Spezialisten aufzusuchen, erläutert uns heute die Hamburger Rheumatologin Dr. Tatsis.

 

Warum habe ich eine chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung bekommen?

Warum es genau Sie betrifft und nicht Ihren Nachbarn, weiß man nicht. Es wird davon ausgegangen, dass eine angeborene Neigung für eine Autoimmunerkrankung besteht und dann von außen ein Auslöser dazu kommt, um die Erkrankung in Gang zu setzen. So ein Auslöser kann eine Infektionserkrankung sein wie eine Grippe oder eine Lungenentzündung, es kann ein persönliches Ereignis sein, welches sehr belastend ist oder eine sehr stressreiche Lebensphase. Diese Auslöser sind nicht der Grund für die Erkrankung, können aber den ersten Krankheitszeichen vorausgehen. Sie selber oder ein anderer Mensch sind nicht schuld an der Erkrankung.

Für manche Patienten ist die Diagnose zunächst wie ein Schock, der verarbeitet werden muss. Man möchte es nicht wahrhaben und hadert mit seinem Schicksal. Hierbei sollten Sie sich Zeit nehmen, sich in die neue Situation einzugewöhnen. Bedenken Sie, dass die Erkrankung nicht nur nimmt, sondern auch gibt. Sie bietet Ihnen die Chance, Ihr Leben und Ihre Werte neu zu überdenken und zu ordnen. Sie können Ihre Ziele überprüfen und anpassen. Sie lernen achtsamer mit sich und Ihrem Umfeld umzugehen.

 

Muss es unbedingt eine medikamentöse Dauertherapie mit Spritzen oder Tabletten sein, die man regelmäßig einnimmt?

Ja, das ist nötig, weil es sich um eine chronische Erkrankung handelt, die über Jahre läuft. Eine Dauererkrankung erfordert eine Dauertherapie. Leider ist es nicht möglich Autoimmunerkrankungen zu heilen. Man kann aber die Krankheitsaktivität sehr gut unterdrücken durch die medikamentöse Therapie. So ist es für die meisten Patienten möglich, ein Leben zu führen, bei dem sie von der Erkrankung nichts spüren. Für viele Medikamente ist auch nachgewiesen, dass sie ein Voranschreiten der Erkrankung verhindern können. Um dies zu erzielen, ist es erforderlich, dauerhaft die sogenannte „Basistherapie“ einzunehmen.

Da die rheumatischen Erkrankungen meistens nicht gleichbleibend aktiv sind, sondern wechseln zwischen Phasen der Krankheitsruhe und der Krankheitsaktivität (Schübe), wird versucht, die Therapie der Aktivitätsphase der Erkrankung anzupassen. Dies geschieht in Absprache mit dem Rheumatologen durch Anpassung der Dosierung, Änderung der Medikamente oder sogar -wenigstens zeitweise- Pausierung der Medikamente. Diese Anpassung nach unten erfolgen zumeist nicht schnell, sondern allmählich, also im Laufe von Wochen und Monaten. Im Falle eines Krankheitsschubes ist es erforderlich, rasch Kontakt mit dem Rheumatologen aufzunehmen, um zumindest kurzzeitig die Therapie zu intensivieren.

Patient und Arzt legen gemeinsam Ziele fest, die mit der Therapie erreicht werden sollen. Völlige Krankheitsruhe ist das am häufigsten angestrebte Ziel und es gelingt oft dieses Ziel zu erreichen. Selbstverständlich sollte die Therapie nicht unangenehmer sein als die Erkrankung. Mittlerweile gibt es so viele Medikamente, dass es in den meisten Fällen gelingt, ein gut wirksames und verträgliches Medikament für jeden Patienten zu finden. Die Therapie soll Ihr Freund sein, sie soll Ihnen freundlich entgegenkommen und Sie begleiten auf Ihrem Weg.

Natürlich sind unterstützend eine gesunde Ernährung und viel Bewegung in Form von Ausdauersport und Krankengymnastik weitere wichtige Bausteine der Gesamttherapie. Eine medikamentöse Basistherapie ersetzen können diese Maßnahmen jedoch nicht. Sie wirken im Zusammenklang.

Wenn Sie auf eine medikamentöse Therapie komplett verzichten, obgleich diese angezeigt ist, läuft die Erkrankung frei weiter. Es besteht das hohe Risiko, dass Gelenke beschädigt und zerstört werden oder innere Organe dauerhaft geschädigt werden. Unter Umständen sind diese Schäden nicht mehr rückgängig zu machen, wenn Sie Ihre Meinung hinsichtlich der Therapie ändern. Man weiß auch, dass eine dauerhafte Entzündung das Risiko von Infektionen, Tumoren, Herz-Kreislauferkrankungen, Thrombosen und das Risiko früher zu sterben erhöht.

Insgesamt gesehen ist das Risiko einer medikamentösen Therapie weitaus geringer als das Risiko einer unbehandelten Erkrankung.

 

Was sind „Biologika“ und wann kommen Sie zum Einsatz?

Biologika sind Antikörpertherapie, die in lebenden Zellen „hergestellt“ werden. Das bedeutet, dass Zellen angeregt werden, diese Antikörper zu bilden. Seit dem Jahr 2000 werden solche Antikörper in der Therapie chronisch entzündlich rheumatischer Erkrankungen eingesetzt, wie bei vielen anderen Autoimmunerkrankungen auch. Die Antikörper müssen unter die Haut gespritzt oder auch als Tropfinfusion zugeführt werden. Für die meisten Patienten ist es praktisch diese Therapie selbsttätig unter die Haut zu spritzen mit „Pens“ oder Fertigspritzen. Der Spritzabstand schwankt zwischen einmal pro Woche und einmal alle 4 Wochen oder sogar alle 3 Monate, je nach Präparat. Das Spritzen ist sehr einfach und gut zu erlernen. Die medizinischen Fachassistenten in der Praxis üben die Injektion mit den Patienten. Die Antikörpertherapien sind sehr teuer, der Preis pro Jahr und Patient liegt zwischen ca. 6000 und 24000 Euro. In Deutschland sind wir in der glücklichen Lage, dass unsere Krankenversicherung für die hohen Kosten aufkommt. Für die Verordnung dieser hochpreisigen Therapien gibt es Regeln, die vom verordnenden Arzt eingehalten werden müssen. Dies gilt für alle, sowohl für Kassenpatienten wie für Privatpatienten.

Seit wenigen Jahren gibt es auch neue Medikamente, sogenannte „JAK-Hemmer“, die in ihrer Wirkung der Antikörpertherapie vergleichbar sind, aber als Tablette einmal täglich geschluckt werden. Der Preis für diese neue Medikamententherapie ist genauso hoch wie der für die Antikörpertherapie.

 

Bekomme ich Krebs von der Biologikatherapie?

Nein. Um dies zu klären, haben sehr viele Länder Europas und die USA im Jahr 2000 Register eingerichtet, in denen diese Therapien überwacht werden. Für die als erstes eingeführten Biologika, die TNF-alpha-Blocker wie Infliximab, Etanercept oder Adalimumab, überblickt man mittlerweile 20 Therapiejahre von mehreren zehntausend Patienten. In Deutschland führt das Deutsche Rheumaforschungszentrum Register wie das RABBIT-Register und beobachtet alle neueren Therapien. Dieses Register wird sehr sorgfältig geführt und die Daten werden regelmäßig veröffentlicht. Es nehmen seit 2001 bislang etwa 20000 Patienten allein in Deutschland teil an diesem Register. Auch für Kinder mit Rheuma werden solche Register geführt. Auch für Schwangere.

Die Ergebnisse dieser Beobachtungen in den Registern zeigen, dass eine unkontrolliert laufende chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung mit hoher Krankheitsaktivität das Risiko für Krebs, für Infektionen, für Herzinfarkte und Schlaganfälle, für Thrombosen deutlich erhöht. Auch die Gefahr zu sterben ist erhöht. Alle diese Risiken werden gesenkt durch eine effektive entzündungshemmende Therapie. Dies wurde in vielen Studien mehrfach nachgewiesen. Das allgemeine Krebsrisiko durch Therapie mit Biologika ist nicht erhöht. Eine kleine Ausnahme für den nicht streuenden weißen Hautkrebs wie das Basaliom muss gemacht werden. Die Patienten sollten sich sicherheitshalber einmal im Jahr dem Hautarzt vorstellen, um im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung die Haut absuchen zu lassen. Ein erhöhtes Risiko für den gefürchteten schwarzen Hautkrebs, das maligne Melanom, besteht nicht.

Es konnte auch gezeigt werden, dass bei Patienten, die in ihrer Vorgeschichte eine Krebserkrankung haben, diese nicht wieder aktiv wird, wenn eine Biologikatherapie begonnen wird.

 

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