Schluss mit Ernährungsmythen: Abnehmen, heilen und vorbeugen

Was Sie mit Ernährungstherapie erreichen können.

Von Dr. Matthias Riedl: Gesund zu bleiben – auch im Alter – ein unerfüllter Traum? Für die Tsimane-Indianer im Amazonas Regenwald ist dieser Traum Wirklichkeit – zumindest für die Todesursache Nummer eins in den Industrienationen Herzinfarkt und Schlaganfall. Selbst im hohen Alter bis über 90 Jahre konnten Forscher bei den 700 Indianern selten verkalkte Herzkrankgefäße eststellen. Und das betraf 85% des Stammes. Nur 13 % hatten ein mittleres Risiko für Herzinfarkte. Infarkte sind für diesen Stamm eher eine Rarität, während sie bei uns eine wesentliche Rolle spielen, wo sich die Zahlen genau andersherum darstellen. Chronisch entzündliche Erkrankungen wie Psoarias, Rheuma oder Colitis sind bei den Tsiname fremd, während bei uns rheumatische Erkrankungen in den letzten Jahren um 40% zugenommen haben! Der gute Gesundheitszustand der Amazonas -Indianer Tsimane hat große Beachtung in Medizinfachzeitschriften und Kongressen gefunden, denn hier vermuten die Forscher eine Antwort auf die Frage nach der optimalen Lebensweise von Menschen. Rund 80 % der Krankheiten und 40% der Krebsfälle sind in Europa verhaltensbedingt. Und dabei spielt die Ernährung die wichtigste Rolle. Allerdings gibt es auch in Europa Länder, wie die Mittelmeeranrainer, die sich statisch doch etwas besser stellen: Weniger Herzinfarkte und Krebs in Südeuropa. Stichwort rheumatische Erkrankungen: Sie kommen bei den Tsiname gar nicht erst vor. Warum? Der hohe Pflanzenanteil – ohne Kulturweizen, geschältem Reis oder gar Nudeln –  wirkt durch sein hohes Volumen im Magen  nicht nur stark sättigend und damit gegen das entzündungsfördernde bauchbetonte Fettgewebe, sondern versorgt die Menschen auch mit entzündungslindernden Pflanzenstoffen. Dazu gehören natürlich auch jede Menge Pflanzenöle aus Fischen und Nüssen. Mehr Bewegung und weniger Stress wirken in die gleiche entzündungslindernde Richtung.  

Woran liegt das? Und welche Ernährung hält uns gesund?

Wer die Ernährung dieser langlebigen Volksgruppen studiert kommt  immer wieder zu diesen Ergebnissen: Das Essen dieser Menschen ist pflanzlich basiert. Pflanzen wie Gemüse, Nüsse und Obst  liefern weniger Kohlenhydrate und viel Ballaststoffe sowie sekundäre Pflanzenstoffe. Beides beugt den Zivilisationskrankheiten Diabetes, Bluthochdruck, erhöhten Blutfetten, Krebs, Arthrose vor – und natürlich dem Grundübel Übergewicht und Fettleber.  Nussesser liegen in diesen Disziplinen übrigens auf den Bestplätzen und das obwohl sie mehr Kalorien aufgenommen haben. Das zeigt, dass es weniger auf die Kalorien als auf die Nahrungsauswahl ankommt. Vielfach unbekannt ist, dass die sekundären Pflanzenstoffe (Aromen, Farben oder Bitterstoffe) in Pflanzen bei uns geradezu Wunder vollbringen: Krebshemmend, entzündungslindernd, blutdrucksenkend, wie etwa Knoblauch, dessen Substanzen ähnlich aber nicht so stark wie der Blutdrucksenker Ramipril im Körper wirkt.Vegetariern werden diese Botschaft gern hören. Fleisch kann, muß aber nicht sein. Zuviel rotes Fleisch, ab 80 g am Tag, steht außerdem im Verdacht Krebs zu fördern. Die richtige Menge an sattmachendem Eiweiß (rund 1 g pro Kilogramm Körpergewicht am Tag verteilt auf zwei bis drei Mahlzeiten) macht dann satt und erhält unsere Muskulatur. Und wiederum wirkt Diabetes,  Bluthochdruck und erhöhten Blutfetten entgegen – natürlich umso mehr, wenn sie durch Bewegung aktiviert wird.Wer dann noch Sport macht, darf auch bei den klassischen Kohlenhydratträgern wie Brot, Nudel, Reis und Co zugreifen. Wer hier zu sehr zulangt, dem drohen Übergewicht und eine ganze Latte von Zivilisationskrankheiten.  Faustregel: Gemüse muß, Fleisch kann, die sogenannten Sättigungsbeilagen müssen nicht. Die Kartoffeln dürfen also  auf dem Teller liegen bleiben, das Gemüse nicht.Im Kern geht es aber  darum, welche Ernährung für uns Menschen artgerecht ist. Für unsere Haustiere kennen wir das. Aber für uns Menschen scheint es die nicht zu geben. Angesichts  widersprechender Meldungen aus den Medien überbordender Diäten ist es außerdem doppelt schwer  im Diätdschungel den Durchblick zu behalten.

Wenn klar ist, welche Ernährung die gesündeste ist, kommt das Schwierigste, die Umsetzung. Veränderungen fallen uns Gewohnheitstieren besonders schwer.

In meinem Zentrum, das mittlerweile in Europa vielen als Vorbild gilt, gehen wir nach dem 20:80 Prinzip vor. Das heißt unter anderem mit wenigen Veränderungen (20%) viel zu erreichen (80- 100 %) unter Beibehalten der meisten Gewohnheiten (80%). Wenn das gut geklappt hat, höre ich von unseren Patienten immer wieder drei Aussagen:

  • „Ich habe gar nicht viel geändert, komisch und habe doch 5 kg in einem Monat abgenommen!“
  • „Es schmeckt mir sogar besser als vorher“
  • „Es geht mir jetzt viel besser und ich fühle mich fitter“

Warum höre ich das immer wieder? Wenn ein Großteil unserer Erkrankungen durch die nicht artgerechte Ernährung entsteht, dann ist die logische Konsequenz, die Revolution in der Küche. Aber Vorsicht: Nur in kleinen Schritten. Verändern Sie nicht zu viel auf einmal. Und beachten Sie Ihre Geschmacksvorlieben. An denen kommen Sie auf Dauer nicht vorbei. Allerdings können wir Vorlieben auch über Monate verändern.  Brechen Sie nichts über das Knie – das fördert das Scheitern.

Und es ist nie zu spät: Schon nach 5 Jahren Ernährungsoptimierung mit mehr gesunder pflanzenreicher Ernährung kann sogar schon nach 5 Jahren die Lebenserwartung um 30 % erhöht werden – und zwar auch im höheren Alter! Auch das ist durch eine Studie belegt.

Mein Tipp:

Wer seine Ernährung nicht allein nach dem „20:80 Prinzip“ umstellen kann, sollte sich einen Termin bei einer Schwerpunktpraxis Ernährungsmedizin machen – wie dem medicum Hamburg.

20:80 Prinzip: Hier die Grundzüge

  • Höchtens 20 % Stück für Stück ändern 80% beibehalten
  • Sie müssen satt werden: Eiweißgehalt beachten
  • Der Mensch ist ein Pflanzenesser: Gemüse, Pilze, Nüsse und Co.
  • Ausreichend Wasser trinkenum 2 Liter
  • 2-3 Hauptmahlzeiten

Dr. med. Matthias Riedl ist Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe sowie in der Ernährungsmedizin tätig. Er hat 2008 als ärztlicher Leiter die Schwerpunktpraxen Diabetes und Ernährungsmedizin zum MVZ Medicum Hamburg erweitert. Es bündelt die Kompetenzen von Ärzten verschiedener Fachrichtungen und geht die Behandlung von Patienten ganzheitlich an. Matthias Riedl ist Autor mehrerer Bucher zum Thema Diabetes und Ernährung, tritt als Dozent bei universitären Lehr- und Fortbildungsveranstaltungen sowie Kongressen auf und engagiert sich auch im Vorstand des Bundesverbands der Deutschen Ernährungsmediziner (BDEM). 2013 nahm das Magazin „Focus“ Matthias Riedl in seine Empfehlungsliste „Topmediziner“ auf.

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Was gehört in die Reiseapotheke?

Ob am Strand in fernen Ländern oder einfach ein paar Tage in der Region entspannen: Sommerzeit ist Reisezeit.
Um das Reisen unbeschwert genießen zu können, sollte eine gut ausgestattete Reiseapotheke nicht fehlen. Menschen mit Autoimmunerkrankungen müssen hier ein bisschen vorausschauender planen. Laura Koniarski ist Apothekerin bei der antares-apotheken oHG – Schwerpunktapotheke für Autoimmunerkrankungen und erzählt uns, was in der Reiseapotheke nicht fehlen sollte.

Was gehört generell in eine Reiseapotheke?

Die Reiseapotheke sollte immer individuell auf die Art der Reise, die Reisenden und das Reiseziel abgestimmt sein.

Wichtige Medikamente sind aber in jedem Fall: 

bei Fernreisen je nach Reiseland ggf. Malariamittel und Insektenschutzmittel.

Schmerz und Fiebermittel

Medikamente gegen Durchfall, Übelkeit, Sodbrennen, Verstopfung

Medikamente gegen Erkältung (Hustenlöser, abschwellendes Nasenspray)

Cremes bei Sonnenbrand, Insektenstichen

Alle dauerhaft benötigten Medikamente (individuell zusammengestellt)

Desinfektionsmittel, Wundsalbe, Pflaster, Blasenpflaster, sterile Wundkompressen

Kühlkompressen bei Verletzungen

bei Fernreisen je nach Reiseland ggf. Malariamittel und Insektenschutzmittel.

Muss ich mit einer Autoimmunerkrankung etwas Besonderes beachten?

Vor der Reise sollten alle notwendigen Medikamente in ausreichender Menge besorgt werden, auch Notfallmedikamente, die Patienten z.B. während eines akuten Schubs benötigen. Außerdem ist es wichtig im Vorfeld gemeinsam mit dem behandelnden Arzt zu prüfen, ob Impfungen aufgefrischt werden müssen. Hier ist jedoch zu beachten, dass Patienten mit Autoimmunerkrankungen unter bestimmten Therapien keine Impfungen mit Lebendimpfstoffen erhalten dürfen. Wenn es im Reiseland eine Zeitverschiebung gibt, kann es bei einigen Medikamenten notwendig sein, den Einnahmezyklus an die Ortszeit anzupassen.

Wann brauche ich einen Medikamentenausweis? (Bescheinigung nach Artikel 75 des Schengener Durchführungsübereinkommens)

Bei allen Medikamente, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und bei Spritzen oder Pens, die im Flugzeug transportiert werden, sind Patienten dazu verpflichtet einen entsprechenden Ausweis mitzuführen. Empfohlen wird ein Ausweis außerdem bei Patienten, die mehr als drei Medikamenten dauerhaft einnehmen und wenn größeren Mengen an Arzneimitteln transportiert werden, um eventuelle Probleme am Zoll zu vermeiden.

Wie befördere ich Medikamente die gekühlt werden müssen?

Für Reisen mit dem Auto gibt es elektrische Kühlboxen, die über den Zigarettenanzünder betrieben werden. Für kurze Strecken (Dauer unter 2 Stunden) sind auch isolierte Styropor-Boxen mit Kühlakkus ausreichen.

Bei Flugreisen sollten generell alle Medikamente im Handgepäck transportiert werden, damit die Patienten im Falle eines Gepäckverlustes trotzdem versorgt sind.

Vor allem temperaturempfindliche Medikamente wie Biologika oder bestimmte MS-Therapeutika gehören ins Handgepäck, da es im Laderaum zu starken Temperaturschwankungen kommen kann. Medikamente können bei einigen Fluggesellschaften im Bordkühlschrank gelagert werden oder je nach Länge des Fluges in einer Kühltasche/-box mit Kühlakkus transportiert werden. Viele Fluganbieter erlauben nur die Verwendung von mit Wasser gefüllten Kühlakkus und benötigen zusätzlich auf der Medikamentenbescheinigung einen Vermerk vom Arzt, dass eine Kühlpflicht besteht. Es gibt alternativ auch Kühltaschen, die ohne Kühlmittel über den Effekt der Verdunstung funktionieren.

Was muss ich beim Flughafen beachten?

Um einen möglichst reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, empfiehlt es sich den Transport und die Menge der Medikamente im Vorfeld bei der jeweiligen Airline anzumelden. Hier können Patienten auch erfragen, wie die Kühlmöglichkeiten im Flugzeug sind. Am Flughafen müssen Patienten dann die entsprechenden Bescheinigungen des Arztes (Medikamentenausweis und Kühlpflicht) vorzeigen. Außerdem ist wichtig, die jeweilige Fahrzeit zum Flughafen und vom Flughafen ins Hotel in die Kühlzeit mit einzuberechnen.

Was mache ich, wenn ich im Urlaub bin und mein Medikament beschädigt ist oder ich es vergessen habe?

Einige (Auslandsreise-)Versicherungen bieten die Übernahme der Kosten für die Organisation und den Transport der Medikamente ins Ausland an (z.B. der ADAC). Der Patient hat ebenfalls die Möglichkeit sich das Rezept im Ausland ausstellen zu lassen und vor Ort einzulösen: Ein in der EU ausgestelltes Rezept ist in allen EU-Ländern gültig, manche Arzneimittel sind aber unter anderem Namen oder gar nicht verfügbar. Medikamente müssen im Ausland in einer Apotheke möglicherweise erst vom Patienten komplett selbst bezahlt werden, können aber nach dem Urlaub bei der Krankenkasse eingereicht werden. Hierfür unbedingt das Rezept, eine Kopie vom Rezept und den Beleg mitnehmen. Die Europäische Krankenversicherungskarte (EHIK) verleiht einem dieselben Rechte auf notwendige medizinische Versorgung wie den Staatsangehörigen des besuchten EU Landes. Diese ist auf der Rückseite der normalen Gesundheitskarte vermerkt. Wichtig ist auch, das Medikament beim Erhalt genau zu überprüfen (unbeschädigte Verpackung, richtige Dosierung, Beipackzettel liegt bei, Verfalldatum nicht überschritten).

Gibt es eine Reisecheckliste und wenn ja, wo?

ja es gibt Reisechecklisten, diese sind aber meistens sehr allgemein gehalten und nicht auf individuelle Bedürfnisse der Patienten abgestimmt. Diese Anpassung sollten Patienten mit ihrem Arzt und Apotheker besprechen.

Checklisten gibt es z.B. von der ABDA und einigen Versicherungen (z.B. ADAC, Allianz, AOK).

Was qualifiziert eine Apotheke, die sich auf Autoimmunerkrankungen spezialisiert hat?

Wir bei der antares-apotheke arbeiten seit Jahren mit betroffenen Patienten und konnten so viel Erfahrung im Bereich der Autoimmunerkrankungen sammeln. Einige unserer Mitarbeiter sind speziell ausgebildete Indikationsapotheker, die sich über 3 Jahre in den Bereichen Rheuma, MS, Psoriasis und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen qualifiziert haben. So gibt es für jedes Anliegen immer einen kompetenten Ansprechpartner. Unsere Mitarbeiter nehmen sich viel Zeit für die persönliche Beratung der Patienten und finden so für jeden eine individuelle Lösung. Außerdem haben unsere Apotheken alle gängigen Medikamente im Bereich der Autoimmunerkrankungen vorrätig, sodass Patienten auch kurz vor Reisebeginn noch schnell und flexibel versorgt werden können. Auf unseren regelmäßig stattfindenden Informationsveranstaltungen können sich Patienten über neueste Themen informieren wie z.B. Vorträge über Reisen mit Rheuma oder MS.

Laura Koniarski ist Apothekerin bei der antares-apotheken oHG. Die antares-apotheke ist eine Schwerpunktapotheke für Autoimmunerkrankungen und widmet sich der Versorgung, pharmazeutischen Betreuung und Beratung von Menschen mit Multipler Sklerose, Rheuma, Psoriasis und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen.

Kontakt
antares-apotheke Hohe Weide
Hohe Weide 17b
20259 Hamburg

Tel: 040-43 27 28 42 50
E-Mail: sp@antarespharma.de

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Die Rheumaliga.

Die Ernährungs-Docs aus dem NDR Fernsehen sind immer eine gute Quelle für tolle Videos und Informationen.

Ernährungsfragen von NIK e.V. an Nicole Kühling

Nicole Kühling berät Menschen seit über 15 Jahren in Gesundheitsfragen. Das Thema der Ernährung ist eine besondere Herzensangelegenheit für sie. Schon sehr früh wurde bei ihrer Tochter Kinderrheuma diagnostiziert. Dadurch spezialisierte sich Nicole auf die Ernährung bei Rheuma und Gelenkerkrankungen und einer entzündungshemmenden Ernährungsweise, um ihrer Tochter mit eigenen Mitteln helfen zu können.

Nun beantwortet sie unsere Fragen rund um das Thema Ernährung und Rheuma.

Ist Ernährung eine „alternative Heilmethode“ für dich?

Über diese Frage habe ich länger nachgedacht, um die richtigen Worte zu finden. Denn als „alternative Heilmethode“ würde ich Ernährungstherapie nicht bezeichnen. Nahrungsaufnahme ist schließlich essentiell, denn ohne Nahrung würden wir verhungern.

Das, was wir essen, hat einen enormen Einfluss auf unserer Gesundheit. Sehr viele Erkrankungen sind Ernährungsbedingt, also durch Fehl- oder Mangelernährung verursacht. Bei diesen Erkrankungen spielt eine Ernährungstherapie eine entscheidende Rolle in der Heilung.

Natürlich gibt es auch Erkrankungen, die nicht durch Ernährungstherapie heilbar sind, da sie einen anderen Ursprung haben. Aber selbst dort stellen sich Forscher immer wieder die Frage, welche Faktoren mit an ihrer Entstehung beteiligt sind. Auch Nährstoffmangel oder Schadstoffe aus Lebensmitteln, die durch die Industrialisierung, Massentierhaltung und Verseuchung der Böden in unseren Organismus gelangen sind immer wieder Gegenstand der Forschung.

Damit unser Körper alle seine Funktionen ausführen kann, braucht es eine Bandbreite an Bausteinen, Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen. Wie ein kompliziertes Uhrwerk greifen komplizierte Abläufe ineinander. Fehlen Nährstoffe, entstehen Schäden. Aus diesen Schäden entwickeln sich Krankheiten.

Deshalb bin ich der Meinung das Ernährung keine „alternative Heilmethode“ ist, sondern der Grundstein, bzw. das Fundament unserer Gesundheit. Die beste „Heilmethode“ wird nicht erfolgreich sein, wenn im Körper nicht die entsprechenden Nährstoffe für Um- und Aufbau, Weiterleitung und Verarbeitung sowie schlicht Energiebereitstellung vorhanden sind.

Was ist deiner Meinung nach am Effektivsten bei der Ernährung(sumstellung) für Rheumapatienten?

Es gibt natürlich individuelle Faktoren und Lebensumstände die berücksichtigt werden müssen. Allerdings zeigen sich die besten Erfolge bei einem Großteil der Patienten, wenn sie auf eine vorwiegend pflanzliche Ernährungsweise mit vielen hochwertigen Fetten und moderatem Kohlenhydratverzehr umstellen. Industriezucker und industriell verarbeitete Produkte sollten stark reduziert, Alkohol und Zigaretten komplett gestrichen werden.

Eine gezielte Nährstoffsupplementierung ist in vielen Fällen eine ergänzende Therapieoption.

Auf was muss ein Rheumapatient unbedingt verzichten? Gibt es gute Alternativen dazu?

Ich möchte hier nicht generell bestimmte Lebensmittel verbieten, denn es kommt immer auf den großen Rahmen an, in dem Lebens- oder Genussmittel verzehrt werden. Aber Alkohol und Zigaretten sowie zu viele Zusatz- oder Schadstoffe sind absolut schädlich bei Autoimmunerkrankungen.

Wie lange dauert es, bis ein Rheumatiker nach der Ernährungsumstellung Veränderungen merkt?

Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt darauf an wie die Ernährung im Vorfeld ausgesehen hat und wie stark der Körper im Allgemeinen belastet ist. Eine Umstellung kann innerhalb weniger Tage erste Verbesserungen zeigen. Ich würde aber mindestens 3 bis 6 Monate am Ball bleiben, um abschließend ein Urteil zu fällen. Ich stelle meine Patienten meist langfristig und nicht radikal um, wenn nicht nötig. Denn eine nachhaltige Ernährungsumstellung sollte Schritt für Schritt erfolgen, damit der Betroffene nicht die Motivation verliert, weil zu viele Dinge auf einmal verändert werden.

Welchen praktischen Alltags-Tipps und -Tricks kannst du den Lesern geben?

Neue Dinge Schritt für Schritt verändern. Also zum Beispiel von Kuhmilch auf eine Milchalternative wechseln und das ein paar Tage lang durchhalten. Wenn man es erfolgreich umgebaut hat, die nächste Veränderung angehen und so langsam aber beständig die Ernährung umstellen.

Das Internet nach Rezepten durchforsten. Mittlerweile gibt es so viele tolle Inspirationen für vegetarische oder vegane Rezepte. Da kann nun wirklich niemand mehr sagen, es gäbe keine Abwechslung.

Suche dir Gleichgesinnte. Veränderungen lassen sich leichter Umsetzen, wenn man Menschen um sich hat, die einen verstehen. Es gibt so viele tolle Möglichkeiten sich zu vernetzen und sich zu unterstützen.

Wie sollten die Patienten damit umgehen, wenn sie in Bezug auf Ernährung einen Rückfall erleiden und z.B. Heißhungerattacken haben?

Rückfälle vermeidet man am besten, indem man sich keine zu strengen Regeln setzt. Das hält man auf kurz oder lang nicht durch. Neue Ernährungsgewohnheiten brauchen Zeit. Ich bin ein großer Fan der 80/20 Regel. Das heißt: 80% der Ernährung sollten optimal sein und die restlichen 20% sind für den Genuss da. Denn EINE ungesunde Mahlzeit macht genauso wenig krank, wie EINE gesunde Mahlzeit gesund macht.

Kommt es doch einmal zu einem Rückfall oder sogar einem neuen Schub, sollte man sich nicht gleich komplett entmutigen lassen. Autoimmunerkrankungen sind unberechenbar und viele Faktoren können den Verlauf beeinflussen. Man hat es nicht immer in der Hand und nicht immer ist das Essverhalten schuld.

Wie organisiert man sich am besten bei einer Ernährungsumstellung? Gibt es hier Hilfsmittel wie Wochenplaner oder Einkaufshilfen etc.?

Ein gutes Grundwissen über Ernährung und die Vorgänge im Körper halte ich für wichtig, denn so ist man immer in der Lage die richtigen Entscheidungen in Bezug auf seine Ernährung zu treffen.

Essenpläne sind eine gute Möglichkeit, um eine Übersicht für die Woche zu behalten und bestimmte Nährstoffe einzuplanen. Es ist so oft einfacher, an die wichtigsten Dinge zu denken, anstatt jeden Tag einfach drauf los zu laufen.

Wenn man unsicher ist, sollte man von Zeit zu Zeit eine Fachkraft über die Ernährungsweise schauen lassen.

Welche Buch/Blog/Webseiten-Empfehlung kannst du Rheumapatienten geben?

Für Informationen und Weiterbildung nutze ich gerne die Akademie für Menschliche Medizin. Dort werden regelmäßig Vorträge angeboten und Blogartikel zu neuesten Erkenntnissen aus der Ernährungsmedizin angeboten. Dort findet man auch eine Liste mit empfehlenswerten Büchern. https://spitzen-praevention.com/ Die Rheumaliga.

Die Ernährungs-Docs aus dem NDR Fernsehen sind immer eine gute Quelle für tolle Videos und Informationen.

Wie klappt das deiner Erfahrung nach mit der Selbstmotivation am bestens?

Mit einer chronischen Erkrankung sollte man sich bewusst machen, dass es immer ein Auf und Ab sein kann. Es lohnt sich, sich mit seiner Einstellung zu bestimmten Themen zu beschäftigen und sich ein „Warum“ zu schaffen. „Warum“ möchte ich bestimmte Ziele erreichen. Was möchte ich erreichen oder wie möchte ich mich fühlen? Man kann lernen, sich ein starkes „Warum“ zu schaffen. Und dies trägt einen dann auch durch ein Tal und ist meiner Meinung nach, die beste Motivation.

Schlusswort:

Fazit, Rat an Betroffene, Motto etc.

Ich stelle immer wieder fest, dass viele Rheumapatienten noch nie etwas von den Möglichkeiten einer Ernährungsumstellung gehört haben. Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen für dieses Thema begeistern können und es einfach mal versuchen. Man kann ja nur profitieren. Im schlechtesten Fall hat man sich einfach nur gesund ernährt und etwas für seine allgemeine Gesundheit getan. Im Idealfall bekommt man ein großes Stück Lebensqualität zurück.

Mein Rat ist, sich einfach mal auf den Weg zu machen oder sich Hilfe zu holen. Auch unabhängig von der negativen Meinung einiger Ärzte in Bezug auf Ernährung. Denn die vielen Beispiele zeigen, dass es definitiv möglich ist, seine Beschwerden begleitend zu verbessern, wenn man wirklich dranbleibt und bereit ist, etwas zu verändern! 

Aber der erste Schritt beginnt bei sich selber, denn man muss häufig erstmal ein wenig über seine Komfortzone treten. Aber es lohnt sich definitiv!

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Die Rheumaliga.

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Interview Dr. Tatsis: Keine Angst bei Rheuma

Warum es genau Sie betrifft und nicht Ihren Nachbarn, weiß man nicht. Es wird davon ausgegangen, dass eine angeborene Neigung für eine Autoimmunerkrankung besteht und dann von außen ein Auslöser dazu kommt, um die Erkrankung in Gang zu setzen. So ein Auslöser kann eine Infektionserkrankung sein wie eine Grippe oder eine Lungenentzündung, es kann ein persönliches Ereignis sein, welches sehr belastend ist oder eine sehr stressreiche Lebensphase. Diese Auslöser sind nicht der Grund für die Erkrankung, können aber den ersten Krankheitszeichen vorausgehen. Sie selber oder ein anderer Mensch sind nicht schuld an der Erkrankung.

Für manche Patienten ist die Diagnose zunächst wie ein Schock, der verarbeitet werden muss. Man möchte es nicht wahrhaben und hadert mit seinem Schicksal. Hierbei sollten Sie sich Zeit nehmen, sich in die neue Situation einzugewöhnen. Bedenken Sie, dass die Erkrankung nicht nur nimmt, sondern auch gibt. Sie bietet Ihnen die Chance, Ihr Leben und Ihre Werte neu zu überdenken und zu ordnen. Sie können Ihre Ziele überprüfen und anpassen. Sie lernen achtsamer mit sich und Ihrem Umfeld umzugehen.

Muss es unbedingt eine medikamentöse Dauertherapie mit Spritzen oder Tabletten sein, die man regelmäßig einnimmt?

Da die rheumatischen Erkrankungen meistens nicht gleichbleibend aktiv sind, sondern wechseln zwischen Phasen der Krankheitsruhe und der Krankheitsaktivität (Schübe), wird versucht, die Therapie der Aktivitätsphase der Erkrankung anzupassen. Dies geschieht in Absprache mit dem Rheumatologen durch Anpassung der Dosierung, Änderung der Medikamente oder sogar -wenigstens zeitweise- Pausierung der Medikamente. Diese Anpassung nach unten erfolgen zumeist nicht schnell, sondern allmählich, also im Laufe von Wochen und Monaten. Im Falle eines Krankheitsschubes ist es erforderlich, rasch Kontakt mit dem Rheumatologen aufzunehmen, um zumindest kurzzeitig die Therapie zu intensivieren.

Rheuma geht fast immer mit Schmerzen einher. Meistens haben die Schmerzen ihre Ursache in einer Entzündung im Körper. Um einer akuten Entzündung entgegenzuwirken, die Schmerzen zu lindern und die entzündeten Gelenke zu schonen, werden Schmerzmittel eingesetzt – vor allem bei einem Schub kommen Rheumatiker nicht um Schmerzmedikamente herum. Für den dauerhaften Schutz der Gelenke und um die Krankheitsaktivität im Körper langfristig so gering wie möglich zu halten, gibt es mehrere Behandlungsformen, die sich nach den individuellen Symptomen richten und die häufig auch erfolgreich miteinander kombinierbar sind. Wie der Weg zum richtigen Therapieplan aussieht, wie lang er dauern kann und warum es für Rheumatiker wichtig ist, schon bei frühen Anzeichen einen Spezialisten aufzusuchen, erläutert uns heute die Hamburger Rheumatologin Dr. Tatsis.

Warum habe ich eine chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung bekommen?

Patient und Arzt legen gemeinsam Ziele fest, die mit der Therapie erreicht werden sollen. Völlige Krankheitsruhe ist das am häufigsten angestrebte Ziel und es gelingt oft dieses Ziel zu erreichen. Selbstverständlich sollte die Therapie nicht unangenehmer sein als die Erkrankung. Mittlerweile gibt es so viele Medikamente, dass es in den meisten Fällen gelingt, ein gut wirksames und verträgliches Medikament für jeden Patienten zu finden. Die Therapie soll Ihr Freund sein, sie soll Ihnen freundlich entgegenkommen und Sie begleiten auf Ihrem Weg.

Natürlich sind unterstützend eine gesunde Ernährung und viel Bewegung in Form von Ausdauersport und Krankengymnastik weitere wichtige Bausteine der Gesamttherapie. Eine medikamentöse Basistherapie ersetzen können diese Maßnahmen jedoch nicht. Sie wirken im Zusammenklang.

Wenn Sie auf eine medikamentöse Therapie komplett verzichten, obgleich diese angezeigt ist, läuft die Erkrankung frei weiter. Es besteht das hohe Risiko, dass Gelenke beschädigt und zerstört werden oder innere Organe dauerhaft geschädigt werden. Unter Umständen sind diese Schäden nicht mehr rückgängig zu machen, wenn Sie Ihre Meinung hinsichtlich der Therapie ändern. Man weiß auch, dass eine dauerhafte Entzündung das Risiko von Infektionen, Tumoren, Herz-Kreislauferkrankungen, Thrombosen und das Risiko früher zu sterben erhöht.

Insgesamt gesehen ist das Risiko einer medikamentösen Therapie weitaus geringer als das Risiko einer unbehandelten Erkrankung.

Was sind „Biologika“ und wann kommen Sie zum Einsatz?

Biologika sind Antikörpertherapie, die in lebenden Zellen „hergestellt“ werden. Das bedeutet, dass Zellen angeregt werden, diese Antikörper zu bilden. Seit dem Jahr 2000 werden solche Antikörper in der Therapie chronisch entzündlich rheumatischer Erkrankungen eingesetzt, wie bei vielen anderen Autoimmunerkrankungen auch. Die Antikörper müssen unter die Haut gespritzt oder auch als Tropfinfusion zugeführt werden. Für die meisten Patienten ist es praktisch diese Therapie selbsttätig unter die Haut zu spritzen mit „Pens“ oder Fertigspritzen. Der Spritzabstand schwankt zwischen einmal pro Woche und einmal alle 4 Wochen oder sogar alle 3 Monate, je nach Präparat. Das Spritzen ist sehr einfach und gut zu erlernen. Die medizinischen Fachassistenten in der Praxis üben die Injektion mit den Patienten. Die Antikörpertherapien sind sehr teuer, der Preis pro Jahr und Patient liegt zwischen ca. 6000 und 24000 Euro. In Deutschland sind wir in der glücklichen Lage, dass unsere Krankenversicherung für die hohen Kosten aufkommt. Für die Verordnung dieser hochpreisigen Therapien gibt es Regeln, die vom verordnenden Arzt eingehalten werden müssen. Dies gilt für alle, sowohl für Kassenpatienten wie für Privatpatienten.

Seit wenigen Jahren gibt es auch neue Medikamente, sogenannte „JAK-Hemmer“, die in ihrer Wirkung der Antikörpertherapie vergleichbar sind, aber als Tablette einmal täglich geschluckt werden. Der Preis für diese neue Medikamententherapie ist genauso hoch wie der für die Antikörpertherapie.

Bekomme ich Krebs von der Biologikatherapie?

Nein. Um dies zu klären, haben sehr viele Länder Europas und die USA im Jahr 2000 Register eingerichtet, in denen diese Therapien überwacht werden. Für die als erstes eingeführten Biologika, die TNF-alpha-Blocker wie Infliximab, Etanercept oder Adalimumab, überblickt man mittlerweile 20 Therapiejahre von mehreren zehntausend Patienten. In Deutschland führt das Deutsche Rheumaforschungszentrum Register wie das RABBIT-Register und beobachtet alle neueren Therapien. Dieses Register wird sehr sorgfältig geführt und die Daten werden regelmäßig veröffentlicht. Es nehmen seit 2001 bislang etwa 20000 Patienten allein in Deutschland teil an diesem Register. Auch für Kinder mit Rheuma werden solche Register geführt. Auch für Schwangere.

Die Ergebnisse dieser Beobachtungen in den Registern zeigen, dass eine unkontrolliert laufende chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung mit hoher Krankheitsaktivität das Risiko für Krebs, für Infektionen, für Herzinfarkte und Schlaganfälle, für Thrombosen deutlich erhöht. Auch die Gefahr zu sterben ist erhöht. Alle diese Risiken werden gesenkt durch eine effektive entzündungshemmende Therapie. Dies wurde in vielen Studien mehrfach nachgewiesen. Das allgemeine Krebsrisiko durch Therapie mit Biologika ist nicht erhöht. Eine kleine Ausnahme für den nicht streuenden weißen Hautkrebs wie das Basaliom muss gemacht werden. Die Patienten sollten sich sicherheitshalber einmal im Jahr dem Hautarzt vorstellen, um im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung die Haut absuchen zu lassen. Ein erhöhtes Risiko für den gefürchteten schwarzen Hautkrebs, das maligne Melanom, besteht nicht.

Es konnte auch gezeigt werden, dass bei Patienten, die in ihrer Vorgeschichte eine Krebserkrankung haben, diese nicht wieder aktiv wird, wenn eine Biologikatherapie begonnen wird.

Ja, das ist nötig, weil es sich um eine chronische Erkrankung handelt, die über Jahre läuft. Eine Dauererkrankung erfordert eine Dauertherapie. Leider ist es nicht möglich Autoimmunerkrankungen zu heilen. Man kann aber die Krankheitsaktivität sehr gut unterdrücken durch die medikamentöse Therapie. So ist es für die meisten Patienten möglich, ein Leben zu führen, bei dem sie von der Erkrankung nichts spüren. Für viele Medikamente ist auch nachgewiesen, dass sie ein Voranschreiten der Erkrankung verhindern können. Um dies zu erzielen, ist es erforderlich, dauerhaft die sogenannte „Basistherapie“ einzunehmen.

Experteninterview mit dem TFS Studienzentrum

Wirksame und sichere Therapien gehört mit zu den Eckpunkten einer erfolgreichen medizinischen Behandlung verschiedener Krankheiten. Doch bis solch eine Therapie oder ein Medikament auf den Markt kommen kann, sind viele Schritte nötig. Ein wichtiger Punkt gilt hierbei den klinischen Studien, um das Medikament in der Praxis weiter erforschen zu können. Die Dermatologie konnte in den letzten Jahren wie kaum ein anderer Fachbereich zahlreiche hochwirksame Therapien entwickeln. Die TFS Trial Form Support GmbH in Hamburg beantwortet uns die häufigsten Fragen zu klinischen Studien.

Was sind klinische Studien?

Noch immer gibt es Erkrankungen, für die es keine optimalen Behandlungen gibt. Fortlaufend werden aber durch intensive medizinische Forschung neue Medikamente entwickelt, um die Therapiemöglichkeiten für diese Erkrankungen zu verbessern. Nachdem ein neu entwickeltes Medikament zunächst im Labor und an geeigneten Tiermodellen diversen Testungen unterzogen wurde und sein Potential bzw. seine Eignung bewiesen hat, werden in klinischen Studien mit freiwilligen Teilnehmern weitere wichtige Erkenntnisse zu diesen neuen Medikamenten gewonnen. So wird vor allem die Wirksamkeit und Sicherheit des Medikaments – oft auch im Vergleich zu schon bestehenden Therapiemöglichkeiten – untersucht. Aber auch andere Aspekte wie Einfluss der neuen Medikation auf die Lebensqualität oder Wechselwirkung mit anderen Medikamenten werden erforscht.

Klinische Studien finden in mehreren Phasen statt. An den ersten Studien (Phase-I-Studien) nimmt nur eine kleine Gruppe gesunder Probanden teil. Erst in Phase-II-Studien wird das neue Medikament auch Erkrankten verabreicht. Durch Erkenntnisse aus diesen Studien soll unter anderem die beste Dosierung für das Medikament festgelegt werden. In den sich anschließenden großen Phase-III-Studien mit vielen Teilnehmern soll die Sicherheit und Wirksamkeit eines Prüfmedikaments bestätigt werden und nach Möglichkeit genug Informationen gesammelt werden, um die Zulassung des Medikamentes zu beantragen. In Phase-IV-Studie schließlich werden spezielle Fragestellung nach der Zulassung untersucht.

Warum sollte ich mich bei einer klinischen Studien anmelden?

Als Teilnehmer einer Studie profitieren Sie davon, Zugang zu modernen Therapien zu bekommen, die noch nicht auf dem Markt erhältlich sind, und die anderen Erkrankten in der normalen Versorgung zum Teil noch Jahre lang verschlossen sind.

Studienteilnehmer erhalten eine sehr umfassendere Betreuung. Da neue Medikamente oder neue Dosierungen untersuchen werden, ist eine intensive Überwachung durch spezialisierte Ärzte notwendig und sogar gesetzlich vorgeschrieben, um Ihre Risiken so gering wie möglich zu halten. Jeder Patient wird daher sehr gründlich untersucht – auch über sein Krankheitsbild hinaus – um die Auswirkung des Medikamentes auf den gesamten Organismus festzustellen.

Alle Behandlungen und Untersuchungen im Rahmen einer Studie sind kostenlos, zudem erhalten die Studienteilnehmer in der Regel eine Aufwandsentschädigung für die entstandenen Fahrtkosten. Nicht zuletzt unterstützen Probanden durch Teilnahme an einer klinischen Studie die medizinische Forschung und tragen dazu bei, verbesserte Behandlungen für „ihre“ Erkrankung zu erreichen. Es ist in der Medizin nur dann möglich, die bestehenden Heilungsmöglichkeiten zu verbessern und schonendere Alternativen zu entwickeln, wenn sich immer wieder Menschen bereit erklären, für klinische Studien zur Verfügung zu stehen. Probanden helfen durch ihre Studienteilnahme nicht nur sich selbst, sondern letztlich auch vielen weiteren Erkrankten.

Wann darf man an einer klinischen Studie teilnehmen und wann nicht? Wo finde Informationen über eine Studienteilnahme?

Grundsätzlich kann jeder als Proband an klinischen Studien teilnehmen, solange nicht gerichtliche oder behördliche Gründe dagegensprechen. Bei einem Großteil der Studien dürfen jedoch Schwangere und stillende Frauen sowie Kinder nicht teilnehmen. Grundvoraussetzung für eine Teilnahme ist das Vorliegen der jeweils zu behandelnden Erkrankung (sog. Indikation) und der Wunsch nach einer Behandlung. Die genauen Kriterien, die über eine Teilnahme bestimmen, werden als Ein- und Ausschlusskriterien bezeichnet und sind für jede klinische Studie unterschiedlich definiert.

Forschungsinstitute, die eine klinische Studie durchführen, informieren zumeist auf Ihrer Internetseite oder durch gezielte Anzeigen (z.B. in Tageszeitungen) über den Beginn einer neuen Studie. Zudem gibt es einige kostenlose Websites (z.B. ClinLife), in denen nach Studien zu bestimmten Indikationen gesucht werden kann. Hilfreich kann zudem sein, den behandelnden Facharzt direkt auf Behandlungsmöglichkeiten im Rahmen einer Studie anzusprechen.

TFS Trial Form Support GmbH
SCIderm – Zentrum für klinische Studien –

www.sciclinics.de

Interview Dr. Knop: Multiple Sklerose

Ich freue mich riesig, Herrn Dr. Knop als neuen Partner unseres Netzwerkes begrüßen zu dürfen.

Herr Dr. Knop ist Neurologe in der Hamburger Praxis „Neurologie am Neuen Wall“, eine der wohl schönsten Praxen der Stadt mit einem tollen Blick über unsere hanseatische Innenstadt.

In Hamburg studiert, hat er über ein paar Schlenker von Bad Pyrmont über die Schweiz und England den Weg wieder in unsere schöne Stadt zurückgefunden.

Seine Fachgebiet umfasst die Neuroimmunologie, Multiple Sklerose, Immunneuropathien, Myasthenia gravis und Myositis.

Nicht unerwähnt sollten ich lassen, dass unter seiner Leitung das Muskellabor, in der Fachsprache Neuromuskuläres Zentrum, im AK St. Georg aufgebaut wurde.

Herr Dr. Knop, schön, dass Sie NIK e.V. mit Antworten zur Seite stehen. Lassen Sie uns direkt mit der ersten Frage einsteigen: Gibt es das typische Anzeichen für eine MS?

Typische MS Symptome sind sensible Störungen, Koordinationsstörungen, Gangstörungen oder eine auch eine einseitige Sehstörung. Letztlich sind diese Beschwerden aber nicht spezifisch für eine MS und können bei einer Vielzahl von neurologischen und nicht neurologischen Erkrankungen auftreten. Viele MS Patienten klagen darüber hinaus über rasche Erschöpfbarkeit und Blasenentleerungsstörungen. Charakteristisch ist auch, dass sich Symptome nicht so plötzlich wie bei einem Schlaganfall, sondern meist über ein bis sieben Tage zunehmend entwickeln und teils auch von alleine wieder abklingen können. Nach Diagnosestellung lassen sich so teilweise erste Symptome schon lange zurück liegend erfragen.

Hat der Hausarzt Möglichkeiten zur Diagnose?

Bei Verdacht auf eine MS Diagnose kann vom Hausarzt, so wie von jedem Facharzt ein MRT veranlasst werden. Damit allein kann die Diagnose zwar nicht bestätigt werden, aber eine wichtige und frühe Weichenstellung erfolgen – und vor allem findet eine Abgrenzung von anderen Hirnerkrankungen, zum Beispiel Schlaganfall statt.

Warum ist es so wichtig, schnellstmöglich zu einem Neurologen zu gehen? Und auch zu therapieren?

Der Neurologe ist der Facharzt, der die MS Diagnose in der Regel absichert und bestätigt und er entscheidet zusammen mit dem Patienten ob, ab wann und wie eine verlaufsmodifizierende Immuntherapie erfolgen soll oder muss. Ferner kann es notwendig sein, eine schnelle Schubtherapie, meist mit hochdosiertem Methylprednisolon intravenös einzuleiten. Vor allem passiert das bei sehr ausgeprägten Schüben, beispielsweise bei einer schweren Sehnervenentzündung (Opticusneuritis) mit Blindheit oder einer Halbseitenlähmung oder auch Querschnitts-Rückenmarksentzündung (transverse Myelitis).

Was passiert, wenn ich meine Schübe ignoriere?

Ein Großteil der Schübe bildet sich von allein nach einiger Zeit wieder zurück, teilweise komplett, teilweise auch nur unvollständig. Wir wissen heute, dass der Langzeitverlauf der MS durch die Schubtherapie mit Kortison nicht beeinflusst wird. Allerdings können sich Schübe schneller zurückbilden und es steigt die Chance einen Schub ohne oder mit nur geringen Beschwerden zu überstehen

Hatten Sie schon Covid 19 MS Patienten? Wenn ja, was können Sie uns zum Verlauf sagen?

Ja, zwei jüngere Patientinnen, die die Infektion glücklicherweise ohne gravierende Symptome oder Nachwirkungen überstanden haben. Insgesamt stellt die MS an sich bei jüngeren Betroffenen ohne andere Begleiterkrankungen kein erhöhtes Risiko dar für einen schwereren COVID19 Verlauf. Die Situation kann sich aber ändern, bei bestimmten (aber nicht allen) Immuntherapien, bei langem MS Verlauf mit stärkerer körperlicher Beeinträchtigung, fortgeschrittenem Lebensalter und Begleiterkrankungen, so wie Übergewicht, Diabetes mellitus, Herz-Kreislauferkrankungen.

Gibt es etwas, um die MS positiv zu beeinflussen?

Es gibt einen wissenschaftlichen Konsens, die MS heute früh immuntherapeutisch zu behandeln, häufig schon mit dem ersten Ereignis. Das Ansprechen auf diese Therapien bei kurzem Verlauf und jungem Diagnosealter ist sehr viel besser, als wenn erst in höherem Lebensalter und längerem Krankheitsverlauf behandelt wird. Die meisten MS Patienten haben eine entzündlich-dominierte, schubförmige Verlaufsform, deren Beeinflussung auch auf die nächsten 10-20 Jahre nach Diagnosestellung maßgeblich durch diese frühe Therapie erfolgt.

Neben einer spezifischen MS Therapie sind auch Lebensstil modifizierende Faktoren wichtig. Erwiesen ist der positive Effekt auf neurologische Erkrankungen im Allgemeinen durch regelmäßige Bewegung und Sport, erholsamen – und regenerierenden Schlaf, eine ausgewogene, abwechslungsreiche und nicht so zuckerlastige Ernährung, sowie Nikotinkarenz.

Wir suchen alle nach dem einen Satz. Haben Sie ein Rezept um Ihren Patienten Mut zu machen?

MS ist die häufigste neurologische Autoimmunerkrankung, es gibt ca. 240.000 Betroffene in Deutschland und Sie sind nicht allein!

Das Wissen um die Erkrankung und deren Therapie ist in den letzten 20 Jahren dramatisch gewachsen und wir können einem Großteil der Betroffenen inzwischen ermöglichen, trotz MS ein vielfach normales, in jedem Fall erfülltes und selbstbestimmtes Leben zu führen.

Warum ist es für Autoimmunerkrankte besonders wichtig mit dem Rauchen aufzuhören?

Bereits seit 1987 findet jedes Jahr am 31. Mai der Welt-Nichtraucher-Tag statt. Die Vorteile eines Rauchstopps für die Gesundheit sind heute unbestritten. Betroffene mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen – wie beispielsweise chronisch-entzündlichem Gelenkrheuma, Acne inversa oder der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn – können von einem Rauchstopp ganz besonders profitieren.
Hier geht es zum Interview mit Rheumatologe Dr. Aries zum Thema Rauchen und Autoimmunerkrankugen. Wer mit dem Rauchen aufhören will, findet auch Unterstützung bei Hypnosetherapie und Akupunktur.

Warum ist es für Autoimmunerkrankte besonders wichtig mit dem Rauchen aufzuhören?

Nikotin, das in Zigaretten enthalten ist, kann den Verlauf von Autoimmunerkrankungen verschlechtern und die Symptome verschlimmern. Nikotin kann auch die Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen beeinträchtigen und das Ansprechen auf Therapien verringern. Einige Studien haben gezeigt, dass Nikotin die Produktion von entzündungsfördernden Zytokinen erhöht und die Aktivität von Immunzellen wie T-Zellen und B-Zellen verstärkt, die an der Entstehung von Autoimmunerkrankungen beteiligt sind. Dies kann zu einer erhöhten Krankheitsaktivität und einem schnelleren Fortschreiten der Erkrankung führen.

Einige Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes und Multiple Sklerose sind besonders empfindlich gegenüber den Auswirkungen von Nikotin. Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis kann das Rauchen den Verlauf der Erkrankung verschlechtern und das Ansprechen auf die Therapie beeinträchtigen. Bei Patienten mit Lupus erythematodes kann das Rauchen das Risiko von Herzkreislauferkrankungen deutlich erhöhen. Bei Patienten mit Multipler Sklerose kann das Rauchen das Risiko von Schüben und neurologischen Defiziten erhöhen.

Bei welchen Autoimmunerkrankungen ist das Rauchen ein besonders großer Trigger-Faktor?

Es gibt einige Autoimmunerkrankungen, bei denen der Nikotin-Konsum ein besonders großes Risiko darstellt.:

z.B. Rheumatoide Arthritis: Der Verlauf kann sich durch das Rauchen verschlimmern und Raucher mit Rheumatoider Arthritis haben ein schlechteres Ansprechen auf die Behandlung und eine höhere Krankheitsaktivität.
z.B. Lupus erythematodes: Rauchen und Nikotinkonsum kann das Fortschreiten der Erkrankung beschleunigen und haben auch ein höheres Risiko für Herzkreislauferkrankungen.
z.B. Morbus Crohn: Raucher mit Morbus Crohn haben auch ein höheres Risiko für Komplikationen wie Darmverschlüsse und Darmperforationen.
z.B. Multiple Sklerose: Raucher mit Multipler Sklerose haben auch ein höheres Risiko für Schübe und neurologische Defizite.

Kann Rauchen Autoimmunerkrankungen auslösen?

Es gibt zahlreiche Studien, die einen Zusammenhang zwischen Rauchen und der Entstehung von Autoimmunerkrankungen belegen. Einige dieser Studien haben gezeigt, dass Rauchen das Risiko für die Enthebung von Autoimmunerkrankungen erhöhen kann, während andere gezeigt haben, dass Rauchen den Verlauf verschlechtern kann. Größere Studien ergaben, dass Rauchen mit einem erhöhten Risiko für rheumatoide Arthritis; SLE, MS und Morbus Crohn verbunden ist.

Kann Rauchen die Wirksamkeit von Medikamenten beeinflussen?

Nikotin kann die Aktivität von Immunzellen wie T-Zellen und B-Zellen verstärken, die an der Entstehung von Autoimmunerkrankungen beteiligt sind. Wenn diese Zellen durch Nikotin aktiviert werden, können sie gegen Medikamente wirken, die darauf abzielen, diese Zellen zu hemmen oder zu blockieren. Nikotin kann die Wirksamkeit von Immunsuppressiva wie Methotrexat, Azathioprin und Biologika verringern und die Wirksamkeit von Glukokortikoiden (Kortison) beeinträchtigen.

Haben Sie Tipps zur Raucherentwöhnung?

Legen Sie ein Datum fest, an dem Sie das Rauchen aufgeben möchten, und halten Sie daran fest. Setzen Sie sich realistische Ziele, um sich nicht zu überfordern. Finden Sie alternative Wege, um Ihren Drang zu rauchen zu lindern, wie z.B. das Kauen von Kaugummi, das Essen von Obst oder das Trinken von Wasser. Vermeiden Sie Situationen, die normalerweise zum Rauchen führen, wie z.B. das Trinken von Alkohol oder der Aufenthalt in Raucherumgebungen. Suchen Sie Unterstützung von Familie und Freunden, die Sie bei Ihrem Entwöhnungsprozess unterstützen können. Sie können auch eine Beratungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe aufsuchen. Nikotinersatztherapien können Ihnen helfen, Entzugserscheinungen zu lindern und den Übergang zum Nichtrauchen zu erleichtern. Es gibt verschiedene Formen wie z.B. Pflaster, Kaugummi oder Inhalatoren. Und ändern Sie Ihre Routine und versuchen Sie, alternative Aktivitäten zu finden, um sich abzulenken. Zum Beispiel können Sie Sport treiben, ein Buch lesen oder ein Hobby ausüben. Es ist normal, dass Entwöhnungsprozesse schwierig sind. Seien Sie geduldig mit sich selbst und feiern Sie kleine Erfolge. Stellen Sie sich positiv auf den Entwöhnungsprozess ein und glauben Sie an sich selbst.

Sauna und Autoimmunerkrankungen – Geht das?

Sauna und Autoimmunerkrankungen: 

Bei Autoimmunerkrankungen gibt es keine generelle Empfehlung für oder gegen die Verwendung von Saunen. Es hängt von der spezifischen Autoimmunerkrankung und dem individuellen Gesundheitszustand ab.
Einige Autoimmunerkrankungen wie z.B. Lupus oder Sklerodermie können zu Hautempfindlichkeiten oder Bluthochdruck führen, was das Saunieren unangenehm oder sogar gefährlich machen kann. Bei anderen Autoimmunerkrankungen wie z.B. rheumatoider Arthritis kann die Wärme der Sauna jedoch helfen, Schmerzen und Entzündungen zu lindern.

Es ist wichtig, dass Sie mit Ihrem Arzt sprechen, bevor Sie eine Sauna besuchen, insbesondere wenn Sie eine Autoimmunerkrankung haben. Ihr Arzt kann Ihre spezifische Erkrankung und Ihren individuellen Gesundheitszustand berücksichtigen und Ihnen Empfehlungen geben, ob Sie eine Sauna besuchen sollten und wie Sie sicher und angenehm darin bleiben können.

Rheuma & Sauna:

Es gibt eine begrenzte Anzahl von wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Rheuma und Sauna befassen. Einige Studien haben jedoch gezeigt, dass der regelmäßige Besuch der Sauna bei rheumatischen Erkrankungen vorteilhaft sein kann.

Eine kleine Studie aus dem Jahr 2010, die in der Fachzeitschrift „Clinical Rheumatology“ veröffentlicht wurde, untersuchte den Einfluss der Sauna auf Schmerzen und Entzündungen bei rheumatoider Arthritis. Die Studie ergab, dass die Teilnehmer, die regelmäßig in die Sauna gingen, signifikant weniger Schmerzen und Entzündungen hatten als diejenigen, die nicht in die Sauna gingen.

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2014, die in der Fachzeitschrift „Complementary Therapies in Medicine“ veröffentlicht wurde, untersuchte den Einfluss der Sauna auf Fibromyalgie-Patienten. Die Studie ergab, dass die Patienten, die regelmäßig in die Sauna gingen, signifikant weniger Schmerzen, Steifigkeit und Müdigkeit hatten als diejenigen, die nicht in die Sauna gingen.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass nicht alle Formen von Rheuma gleich sind, und dass die Auswirkungen der Sauna auf Rheuma je nach Art und Schweregrad der Erkrankung variieren können. Daher sollten Patienten mit Rheuma vor Beginn eines Saunabesuchs immer ihren Arzt konsultieren.

Interview mit Dr. Peer M. Aries zum Tag der Zahngesundheit

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den Zähnen und Autoimmunerkrankungen? 

Die medizinische Betrachtung des Zusammenhangs der Zahngesundheit mit Autoimmunerkrankungen ist tatsächlich einer gewissen Schwankung unterlegen. Während man früher sicher davon ausging, dass nahezu alle Autoimmunerkrankungen, insbesondere aber die entzündlich rheumatische Erkrankung, mit Entzündungen der Zähne zusammenhängen, war man zwischenzeitlich von der Vorstellung gänzlich abgekommen. In den letzten Jahren gab es dagegen wieder zunehmend neue Erkenntnisse, dass es einen direkten und indirekten Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen gibt. Es wurde beobachtet, dass Patienten mit einer Parodontitis und dem Nachweis von den Bakterien Porphyromonas gingivalis ein 2-8-fach höheres Risiko für die Entwicklung einer entzündlichen Gelenkserkrankung haben. Dabei ist der genaue Zusammenhang tatsächlich noch nicht ganz verstanden. Man geht aber davon aus, dass die Bakterien die Bildung rheumaspezifischer Antikörper fördern und so an der Entstehung von Autoimmunerkrankungen beteiligt sind. Inzwischen weiß man, dass es auch bei anderen Autoimmunerkrankungen offensichtlich in mehrfacher Weise einen Zusammenhang zwischen der Entzündung im Körper und der Zahngesundheit gibt. Auf der einen Seite fördert die Entzündung im Körper die Entstehung der Parodontitis, auf der anderen Seite aktiviert die Parodontitis selbst das Immunsystems und fördert damit eine systemische Entzündung.

Wie wirkt sich Behandlungsmethoden auf Autoimmunerkrankung aus?

Da ist sicherlich noch nicht das letzte Wort gesprochen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es noch keine Beweise, dass z.B. eine antibiotische Therapie nicht nur einen positiven Effekt auf die Parodontitis hat, sondern damit auch indirekt eine Auswirkung auf die Entzündung der Autoimmunerkrankung. Empfehlung zur antibiotischen oder chirurgischen Therapie der Parodontitis allein aufgrund einer bekannten Autoimmunerkrankung gibt es deshalb nicht, dennoch wird häufig eine regelmäßige professionelle Zahnreinigung empfohlen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind allerdings diesbezüglich noch so schwach, dass nicht auf eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse bestanden werden kann.

Haben sie Tipps für die Zahngesundheit, um zusätzliche Schwierigkeiten mit einer Autoimmunerkrankung zu vermeiden?

Als Rheumatologe und Immunologe bin ich wahrscheinlich nicht der perfekte Ansprechpartner, für die Prävention einer Parodontitis. Die Kollegen der Zahnmedizin haben aber bestimmte Risikofaktoren identifiziert, die die Entstehung einer Parodontitis offensichtlich fördern. Dazu gehören

  • Unregelmäßige oder unzureichende Mundhygiene
  • Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder Übergewicht
  • Ungesunder Lifestyle (ungesunde Ernährung, Rauchen und Alkoholkonsum)

Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Zahn und Zahnfleischproblemen und Autoimmunerkrankungen?

Die Parodontitis bedeutet übersetzt „Entzündung des Zahnhalteapparates“ und kann durchaus mit Folgeerkrankungen einhergehen: Neben der Entstehung von Rötungen und Schwellungen des Zahnfleisches kann es zur Entwicklung von Mundgeruch, einem Rückgang des Zahnfleisches und damit zu freiliegenden Zahnhälse mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit sowie auch Lockerung der Zähne und im schlimmsten Fall zum Ausfall der Zähne führen. Die unbehandelte Parodontitis gilt zudem heutzutage als zusätzlicher Risikofaktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Dr. med. Peer Aries
Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologie, Immunologie und Ernährungsmediziner

Interview: Dr. Peer M. Aries über Vitamin D, Wärme, Sonne & rheumatische Erkrankungen

Der Sommer ist da! Des einen Freud, des anderen Leid – Rheumatologe Dr. Peer M. Aries über Vitamin D und die Auswirkungen von Wärme und Sonne auf die verschiedenen rheumatischen Erkrankungen und den Umgang mit UV-Strahlung.

Endlich steht der Sommer vor der Tür. Die Stimmung steigt und viele von uns sehnen sich nach unbeschwerten Stunden am Strand oder haben bereits ihren Urlaub im sonnigen Süden gebucht.

Durch das Sonnenlicht können wir unseren Vitamin D Speicher wieder aufladen. Das sorgt nicht nur für gute Laune, sondern ist gerade im Rahmen von Autoimmunerkrankungen besonders relevant für den Kalziumhaushalt und starke Knochen. Durch Sonnenlicht zugeführtes Vitamin D gilt als besonders nachhaltig für unseren Körper. Bereits einige Minuten am Tag draußen genügen damit der Körper Vitamin D produziert.

Herr Dr. Aries, warum wird Autoimmunerkrankten trotzdem auch im Sommer oftmals zu einer Vitamin D Substitution geraten? 

Vitamin D wird insbesondere dann empfohlen regelmäßig in Tablettenform einzunehmen, wenn eine Therapie mit Cortison besteht. Dieses dient zum Schutz einer Osteoporose. Da die Sonneneinwirkung in Deutschland meistens zu gering bzw. zu kurz ist, und die Menschen hier selten mit freiem Oberkörper in der Mittagssonne sitzen, reicht es meist nicht aus, sich auf die eigene Vitamin D Produktion zu verlassen.

Kann es auch zu einer Überdosierung von Vitamin D kommen?

Durch die unkontrollierte Einnahme von dem fettlöslichen Vitamin D kann es insbesondere auch deshalb zu Nebenwirkungen kommen, da Vitamin D im Gegensatz zu anderen Vitaminen nicht ausgeschieden sondern im menschlichen Körper gespeichert wird. Sorgen muss man sich allerdings nur machen, wenn über einen längeren Zeitraum so viel Vitamin D eingenommen wurde, dass es dadurch bedingt zu einem Ungleichgewicht des Kalziumshaushaltes gekommen ist. Akute Beschwerden können Übelkeit, Erbrechen oder auch Herzrhythmusstörungen sein, während ein chronischer Zustand z.B. zu Nierenschäden (Nierensteine) oder einer Osteoporose führen kann

Es gibt Autoimmunerkrankungen wie beispielsweise die rheumatoide Arthritis, bei der Patienten in der wärmeren Jahreshälfte subjektiv weniger unter Gelenkbeschwerden leiden als im Winter. Patienten mit einem systematischen Lupus Erythematodes hingegen versuchen die Sonnenexposition so gut es geht zu vermeiden, um keinen Nährboden für Schübe zu liefern. 

Lassen sich generell Aussagen zu Wärme und Sonne in Bezug auf Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis treffen oder ist hier jede Erkrankung und jede Person individuell zu betrachten?

Tatsächlich ist das Empfinden für Wärme und Kälte sehr individuell. Bei den von Ihnen angesprochenen Erkrankungen verhält es sich so, dass Klima mit niedrigen Temperaturen und hoher Feuchtigkeit für die Beschwerden im Bewegungsapparat (Muskel- und Gelenkschmerzen) meistens eher ungünstig empfunden werden. Hierzu gibt es auch interessante Untersuchungen aus der Notaufnahme, dass z.B. in solchen Monaten häufiger Patienten mit rheumatischen Gelenkserkrankungen Notfall-Sprechstunden aufsuchen.
Für den systemischen Lupus erythematodes gilt, dass die UV-Strahlen der Sonne zu einer immunologischen Reaktion in der Haut führen und somit einen Schub auslösen können. Diese Patienten vermeiden bereits aus Ihrer Erfahrung heraus das Sonnenlicht, da sie gemerkt haben, dass nicht nur die Haut lichtempfindlicher geworden ist, sondern es Ihnen auch allgemein weniger bekommt.

In welchem Maß beeinflussen Medikamente die Sensibilität gegenüber Sonneneinstrahlung? (MTX, Chloroquin, Kortison)

Viele der Medikamente, die autoimmune Patienten einnehmen, können bei Sonneneinstrahlung zu einer fotoallergischen Reaktion bzw. eine zu einer Fototoxizität führen. Durch die UV-Strahlen kommt es zur Veränderungen der chemischen Moleküle aus denen die Medikamente  bestehen. Dieses kann zu strukturellen Veränderung oder damit verbunden auch zu einer veränderten Reaktivität der Moleküle führen. Sie verhalten sich deshalb sowohl was die Wirkung als auch Nebenwirkung angeht plötzlich anders. Viele der Reaktionen werden insbesondere durch UV-A Strahlen ausgelöst, die, anders als die UV-B Strahlen, nicht von Glas oder dünner Kleidung abgehalten werden. Deshalb können die Reaktionen z. B. auch beim Autofahren und geschlossenen Fenstern auftreten.

Viele wissen, der beste Schutz vor zu viel Sonneneinstrahlung ist die Vermeidung. Doch mit einem gezielten Umgang lässt sich der Sommer auch für Autoimmunerkrankte angenehm gestalten. So kann eine gezielt ausgesuchte Sonnencreme nicht nur vor UV-A-, sondern auch vor UV-B-Strahlung schützen. Eine Kopfbedeckung oder eine Sonnenbrille können nicht nur Schutz, sondern auch modische Hingucker sein. Zudem gibt es ein zunehmendes Angebot an spezieller UV-Kleidung.

Gibt es darüber hinaus Empfehlungen, die sie ihren Patienten mit auf den Weg geben?

Es geht tatsächlich nicht darum, dass sich Patienten mit Autoimmunerkrankungen verstecken und komplett die Sonne meiden sollten. Freizeitaktivitäten im Freien wie z. B. Sport oder soziale Kontakte pflegen ist auch und manchmal gerade für Patienten wichtig. Es kommt eben auf die Dosierung und den vorsorglich in Schutz an.

Viele Patienten mit einer Autoimmunerkrankung werden erfolgreich mit Biologika therapiert. Diese sollten in den meisten Fällen gekühlt aufbewahrt werden. Plant man jedoch einen längeren Urlaub bzw. eine lange oder komplizierte Urlaubsanreise im Flugzeug oder mit der Bahn, gestaltet es sich unter Umständen schwierig die Kühlung dauerhaft zu gewährleisten.

Wie kann am besten sichergestellt werden, dass das Medikament ausreichend gekühlt transportiert wird?

Es gibt zum einen die Möglichkeit in den Wochen vor der Reise die Zeitpunkte der Applikation so zu verschieben, dass möglicherweise am Abreisetag die letzte Spritze appliziert wird und die nächste Spritze erst nach der Rückkehr wieder notwendig ist. Sollte dieses aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich sein, können diese Medikamente natürlich auch gekühlt mit zum Urlaubsort transportiert werden. Wichtig ist eine relativ kontinuierliche Kühlung, hierbei behilflich sind zum Teil Kühltaschen, die von den Herstellerfirmen zur Verfügung gestellt werden. Schauen Sie ruhig auch mal in dem Beipackzettel ihres Biologikum nach, weil einige wenige Präparate auch ungekühlt bzw. bei Raumtemperatur über 28 Tage stabil bleiben. Dabei ist es allerdings wichtig, dass die Medikamente nicht aus dem Kühlschrank genommen, bei Raumtemperatur transportiert und am Urlaubsort wieder in den Kühlschrank eingelagert werden. Im Zweifel sollte es so sein wie in der Werbung, fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

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