Alopecia areata

Alopecia areata ist eine autoimmunvermittelte Erkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen die eigenen Haarfollikel richtet.

Das bedeutet: Der Körper erkennt Teile der Haarwurzel fälschlicherweise als „fremd“ und startet eine Entzündungsreaktion. Diese führt dazu, dass das Haarwachstum gestört wird und Haare ausfallen.

Typisch sind plötzlich auftretende, runde kahle Stellen. Wichtig ist: Die Haarwurzeln werden dabei nicht zerstört – sie bleiben erhalten. Deshalb ist ein Nachwachsen grundsätzlich möglich.

Alopecia areata ist eine eigenständige Erkrankung, tritt aber häufig im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen auf – insbesondere mit:

  • Autoimmunerkrankungen (z. B. Schilddrüse, Vitiligo)
  • atopischen Erkrankungen (z. B. Neurodermitis)

Das zeigt: Das Immunsystem ist nicht nur lokal beteiligt, sondern Teil eines größeren Zusammenhangs im Körper.

Was ist Alopecia areata?

Alopezie ist der medizinische Begriff für Haarausfall. Alopecia areata ist eine Form des nicht vernarbenden Haarausfalls. Das bedeutet:

  • Die Haarfollikel bleiben intakt
  • die Haare können grundsätzlich wieder nachwachsen

Die Erkrankung kann:

  • plötzlich auftreten
  • schubweise verlaufen
  • sich zurückbilden oder fortschreiten

Typische Erscheinungsformen:

  • einzelne runde kahle Stellen
  • mehrere Areale gleichzeitig
  • vollständiger Haarverlust

Formen:

  • Alopecia areata (umschriebene Areale)
  • Alopecia totalis (gesamte Kopfhaut)
  • Alopecia universalis (gesamte Körperbehaarung)

Auch Nägel können betroffen sein.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf ist individuell sehr unterschiedlich und nicht zuverlässig vorhersagbar.

  • ca. 40 %: ein einzelnes Areal, spontane Rückbildung innerhalb von 6 Monaten
  • ca. 27 %: mehrere Areale, vollständige Erholung innerhalb von 12 Monaten
  • ca. 33 %: chronischer Verlauf

Wenn nach einem Jahr weiterhin Symptome bestehen, spricht man von einer chronisch persistierenden Alopecia areata.

Wichtig:

  • Auch nach vollständigem Nachwachsen kann es jederzeit zu neuen Schüben kommen
  • der Verlauf kann sich im Laufe des Lebens verändern

Die Chancen auf Nachwachsen sind besser:

  • bei geringem Haarverlust zu Beginn
  • bei kürzerer Krankheitsdauer

Bei stärkerem Haarverlust sinkt die Wahrscheinlichkeit deutlich.

Was passiert im Körper?

Alopecia areata ist eine fehlgeleitete Immunreaktion.

Normalerweise besitzt die Haarwurzel einen Schutzmechanismus („immune privilege“), der sie vor Angriffen des Immunsystems schützt.

Bei Alopecia areata geht dieser Schutz verloren.

Es entsteht ein Kreislauf:

  • Immunzellen (T-Zellen) lagern sich um die Haarwurzel
  • der Haarfollikel sendet Entzündungssignale
  • Immunzellen verstärken die Reaktion
  • das Haarwachstum wird gestoppt

Ein zentraler Mechanismus ist der sogenannte JAK-STAT-Signalweg, über den Entzündungsprozesse gesteuert werden. Man kann sich das wie einen „Dauerdialog“ zwischen Haarwurzel und Immunsystem vorstellen, der außer Kontrolle geraten ist.

Wichtig: Die Haarwurzel wird nicht zerstört, sondern vorübergehend in ihrer Funktion gestört

Ursachen und Auslöser

Alopecia areata ist eine multifaktorielle Erkrankung.

  • ca. 70 % genetische Veranlagung
  • ca. 30 % Umweltfaktoren

Die genetische Anlage bleibt lebenslang bestehen – ob die Erkrankung ausbricht, hängt von zusätzlichen Faktoren ab.

Mögliche Auslöser:

  • Infektionen (z. B. Viren)
  • hormonelle Veränderungen
  • Medikamente
  • entzündliche Prozesse
  • psychischer oder körperlicher Stress
  • Veränderungen im Mikrobiom

Wichtig:

Oft ist nicht ein einzelner Auslöser entscheidend, sondern die Summe mehrerer Faktoren. Die individuelle „Reizschwelle“ kann sich im Laufe des Lebens verändern.

Zusammenhang mit anderen Erkrankungen

Alopecia areata tritt häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen auf.

Dazu gehören:

Autoimmun:

  • Schilddrüsenerkrankungen
  • Vitiligo
  • Typ-1-Diabetes

Atopisch:

  • Neurodermitis
  • Asthma
  • Heuschnupfen

Psychisch:

  • Depressionen
  • Angststörungen

Diese Zusammenhänge sind wichtig, da sie:

  • Diagnostik beeinflussen
  • Therapieentscheidungen beeinflussen
  • Hinweise auf Auslöser geben können

Diagnose

Diagnose

Die Diagnose erfolgt meist durch:

  • klinische Untersuchung
  • Trichoskopie

Typische Befunde:

  • Yellow Dots
  • Black Dots
  • Ausrufezeichenhaare

Laboruntersuchungen:

Nicht notwendig für die Diagnose, aber wichtig für:

  • Begleiterkrankungen
  • Therapieplanung

Merksatz:

„Zur Diagnosestellung nicht nötig – zur Therapieplanung oft entscheidend.“

Behandlung

Alopecia areata ist derzeit nicht heilbar.

Ziel der Behandlung ist:

  • Entzündung kontrollieren
  • Haarwachstum ermöglichen
  • Rückfälle reduzieren

Lokale Therapien

  • Kortison
  • Minoxidil
  • Injektionen

Systemische Therapien

  • Kortikosteroide
  • JAK-Inhibitoren
  • Immunsuppressiva

Neue Therapien setzen gezielt am Immunsystem an und können die Entzündung wirksam unterbrechen.


Wichtig:

  • Wirkung braucht Zeit (oft 3–6 Monate oder länger)
  • zu früher Therapieabbruch ist ein häufiger Fehler

Ein modernes Therapiekonzept berücksichtigt:

  • Immunsystem
  • Haarfollikel
  • Auslöser
  • Lebensstilfaktoren

Leben mit Alopecia areata

Alopecia areata betrifft nicht nur die Haare, sondern oft auch das emotionale Erleben.

Viele Betroffene berichten von:

  • Unsicherheit
  • Scham
  • Rückzug
  •  sozialer Belastung

Wichtig:

Die sichtbare Ausprägung sagt nichts über die emotionale Belastung aus.

Unterstützend können sein:

  • Austausch mit anderen Betroffenen
  • psychologische Unterstützung
  • Haarersatz

Es geht nicht darum, „stark zu sein“ – sondern gut für sich zu sorgen.

Patient:innenleitlinie

Literatur

Conic RZ et al. Comorbidities in alopecia areata: a systematic review. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2017.

Lee S et al. Comorbidities in alopecia areata: a systematic review and meta-analysis. J Am Acad Dermatol. 2020.

Villasante Fricke AC, Miteva M. Epidemiology and burden of alopecia areata. Clin Cosmet Investig Dermatol. 2015.

Petukhova L, Duvic M, Hordinsky M et al. (2010). Genome-wide association study in alopecia areata implicates both innate and adaptive immunity. Nature, 466(7302), 113–117.

Colombe BW, Lou CD, Price VH. (1995). The genetic basis of alopecia areata: HLA associations with patchy alopecia areata versus alopecia totalis and alopecia universalis. Journal of Investigative Dermatology, 104(5), 19S–23S. https://doi.org/10.1111/1523-1747.ep12323721


Hinweis zum Text:

Der Inhalt wurde von Dr. med. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Spezialistin für Haarausfall, erstellt. Er basiert auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und dient der Orientierung. Er ersetzt kein individuelles ärztliches Aufklärungsgespräch.

Dr. med. Karin Beyer
Dr. Karin Beyer ist Fachärztin für Dermatologie mit der Zusatzbezeichnung Allergologie
Dr. med. Karin Beyer
Dr. Karin Beyer ist Fachärztin für Dermatologie mit der Zusatzbezeichnung Allergologie.

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