Interview mit Dr. Peer M. Aries zum Tag der Zahngesundheit

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den Zähnen und Autoimmunerkrankungen? 

Die medizinische Betrachtung des Zusammenhangs der Zahngesundheit mit Autoimmunerkrankungen ist tatsächlich einer gewissen Schwankung unterlegen. Während man früher sicher davon ausging, dass nahezu alle Autoimmunerkrankungen, insbesondere aber die entzündlich rheumatische Erkrankung, mit Entzündungen der Zähne zusammenhängen, war man zwischenzeitlich von der Vorstellung gänzlich abgekommen. In den letzten Jahren gab es dagegen wieder zunehmend neue Erkenntnisse, dass es einen direkten und indirekten Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen gibt. Es wurde beobachtet, dass Patienten mit einer Parodontitis und dem Nachweis von den Bakterien Porphyromonas gingivalis ein 2-8-fach höheres Risiko für die Entwicklung einer entzündlichen Gelenkserkrankung haben. Dabei ist der genaue Zusammenhang tatsächlich noch nicht ganz verstanden. Man geht aber davon aus, dass die Bakterien die Bildung rheumaspezifischer Antikörper fördern und so an der Entstehung von Autoimmunerkrankungen beteiligt sind. Inzwischen weiß man, dass es auch bei anderen Autoimmunerkrankungen offensichtlich in mehrfacher Weise einen Zusammenhang zwischen der Entzündung im Körper und der Zahngesundheit gibt. Auf der einen Seite fördert die Entzündung im Körper die Entstehung der Parodontitis, auf der anderen Seite aktiviert die Parodontitis selbst das Immunsystems und fördert damit eine systemische Entzündung.

Wie wirkt sich Behandlungsmethoden auf Autoimmunerkrankung aus?

Da ist sicherlich noch nicht das letzte Wort gesprochen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es noch keine Beweise, dass z.B. eine antibiotische Therapie nicht nur einen positiven Effekt auf die Parodontitis hat, sondern damit auch indirekt eine Auswirkung auf die Entzündung der Autoimmunerkrankung. Empfehlung zur antibiotischen oder chirurgischen Therapie der Parodontitis allein aufgrund einer bekannten Autoimmunerkrankung gibt es deshalb nicht, dennoch wird häufig eine regelmäßige professionelle Zahnreinigung empfohlen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind allerdings diesbezüglich noch so schwach, dass nicht auf eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse bestanden werden kann.

Haben sie Tipps für die Zahngesundheit, um zusätzliche Schwierigkeiten mit einer Autoimmunerkrankung zu vermeiden?

Als Rheumatologe und Immunologe bin ich wahrscheinlich nicht der perfekte Ansprechpartner, für die Prävention einer Parodontitis. Die Kollegen der Zahnmedizin haben aber bestimmte Risikofaktoren identifiziert, die die Entstehung einer Parodontitis offensichtlich fördern. Dazu gehören

  • Unregelmäßige oder unzureichende Mundhygiene
  • Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder Übergewicht
  • Ungesunder Lifestyle (ungesunde Ernährung, Rauchen und Alkoholkonsum)

Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Zahn und Zahnfleischproblemen und Autoimmunerkrankungen?

Die Parodontitis bedeutet übersetzt „Entzündung des Zahnhalteapparates“ und kann durchaus mit Folgeerkrankungen einhergehen: Neben der Entstehung von Rötungen und Schwellungen des Zahnfleisches kann es zur Entwicklung von Mundgeruch, einem Rückgang des Zahnfleisches und damit zu freiliegenden Zahnhälse mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit sowie auch Lockerung der Zähne und im schlimmsten Fall zum Ausfall der Zähne führen. Die unbehandelte Parodontitis gilt zudem heutzutage als zusätzlicher Risikofaktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Dr. med. Peer Aries
Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologie, Immunologie und Ernährungsmediziner

Interview: Dr. Peer M. Aries über Vitamin D, Wärme, Sonne & rheumatische Erkrankungen

Der Sommer ist da! Des einen Freud, des anderen Leid – Rheumatologe Dr. Peer M. Aries über Vitamin D und die Auswirkungen von Wärme und Sonne auf die verschiedenen rheumatischen Erkrankungen und den Umgang mit UV-Strahlung.

Endlich steht der Sommer vor der Tür. Die Stimmung steigt und viele von uns sehnen sich nach unbeschwerten Stunden am Strand oder haben bereits ihren Urlaub im sonnigen Süden gebucht.

Durch das Sonnenlicht können wir unseren Vitamin D Speicher wieder aufladen. Das sorgt nicht nur für gute Laune, sondern ist gerade im Rahmen von Autoimmunerkrankungen besonders relevant für den Kalziumhaushalt und starke Knochen. Durch Sonnenlicht zugeführtes Vitamin D gilt als besonders nachhaltig für unseren Körper. Bereits einige Minuten am Tag draußen genügen damit der Körper Vitamin D produziert.

Herr Dr. Aries, warum wird Autoimmunerkrankten trotzdem auch im Sommer oftmals zu einer Vitamin D Substitution geraten? 

Vitamin D wird insbesondere dann empfohlen regelmäßig in Tablettenform einzunehmen, wenn eine Therapie mit Cortison besteht. Dieses dient zum Schutz einer Osteoporose. Da die Sonneneinwirkung in Deutschland meistens zu gering bzw. zu kurz ist, und die Menschen hier selten mit freiem Oberkörper in der Mittagssonne sitzen, reicht es meist nicht aus, sich auf die eigene Vitamin D Produktion zu verlassen.

Kann es auch zu einer Überdosierung von Vitamin D kommen?

Durch die unkontrollierte Einnahme von dem fettlöslichen Vitamin D kann es insbesondere auch deshalb zu Nebenwirkungen kommen, da Vitamin D im Gegensatz zu anderen Vitaminen nicht ausgeschieden sondern im menschlichen Körper gespeichert wird. Sorgen muss man sich allerdings nur machen, wenn über einen längeren Zeitraum so viel Vitamin D eingenommen wurde, dass es dadurch bedingt zu einem Ungleichgewicht des Kalziumshaushaltes gekommen ist. Akute Beschwerden können Übelkeit, Erbrechen oder auch Herzrhythmusstörungen sein, während ein chronischer Zustand z.B. zu Nierenschäden (Nierensteine) oder einer Osteoporose führen kann

Es gibt Autoimmunerkrankungen wie beispielsweise die rheumatoide Arthritis, bei der Patienten in der wärmeren Jahreshälfte subjektiv weniger unter Gelenkbeschwerden leiden als im Winter. Patienten mit einem systematischen Lupus Erythematodes hingegen versuchen die Sonnenexposition so gut es geht zu vermeiden, um keinen Nährboden für Schübe zu liefern. 

Lassen sich generell Aussagen zu Wärme und Sonne in Bezug auf Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis treffen oder ist hier jede Erkrankung und jede Person individuell zu betrachten?

Tatsächlich ist das Empfinden für Wärme und Kälte sehr individuell. Bei den von Ihnen angesprochenen Erkrankungen verhält es sich so, dass Klima mit niedrigen Temperaturen und hoher Feuchtigkeit für die Beschwerden im Bewegungsapparat (Muskel- und Gelenkschmerzen) meistens eher ungünstig empfunden werden. Hierzu gibt es auch interessante Untersuchungen aus der Notaufnahme, dass z.B. in solchen Monaten häufiger Patienten mit rheumatischen Gelenkserkrankungen Notfall-Sprechstunden aufsuchen.
Für den systemischen Lupus erythematodes gilt, dass die UV-Strahlen der Sonne zu einer immunologischen Reaktion in der Haut führen und somit einen Schub auslösen können. Diese Patienten vermeiden bereits aus Ihrer Erfahrung heraus das Sonnenlicht, da sie gemerkt haben, dass nicht nur die Haut lichtempfindlicher geworden ist, sondern es Ihnen auch allgemein weniger bekommt.

In welchem Maß beeinflussen Medikamente die Sensibilität gegenüber Sonneneinstrahlung? (MTX, Chloroquin, Kortison)

Viele der Medikamente, die autoimmune Patienten einnehmen, können bei Sonneneinstrahlung zu einer fotoallergischen Reaktion bzw. eine zu einer Fototoxizität führen. Durch die UV-Strahlen kommt es zur Veränderungen der chemischen Moleküle aus denen die Medikamente  bestehen. Dieses kann zu strukturellen Veränderung oder damit verbunden auch zu einer veränderten Reaktivität der Moleküle führen. Sie verhalten sich deshalb sowohl was die Wirkung als auch Nebenwirkung angeht plötzlich anders. Viele der Reaktionen werden insbesondere durch UV-A Strahlen ausgelöst, die, anders als die UV-B Strahlen, nicht von Glas oder dünner Kleidung abgehalten werden. Deshalb können die Reaktionen z. B. auch beim Autofahren und geschlossenen Fenstern auftreten.

Viele wissen, der beste Schutz vor zu viel Sonneneinstrahlung ist die Vermeidung. Doch mit einem gezielten Umgang lässt sich der Sommer auch für Autoimmunerkrankte angenehm gestalten. So kann eine gezielt ausgesuchte Sonnencreme nicht nur vor UV-A-, sondern auch vor UV-B-Strahlung schützen. Eine Kopfbedeckung oder eine Sonnenbrille können nicht nur Schutz, sondern auch modische Hingucker sein. Zudem gibt es ein zunehmendes Angebot an spezieller UV-Kleidung.

Gibt es darüber hinaus Empfehlungen, die sie ihren Patienten mit auf den Weg geben?

Es geht tatsächlich nicht darum, dass sich Patienten mit Autoimmunerkrankungen verstecken und komplett die Sonne meiden sollten. Freizeitaktivitäten im Freien wie z. B. Sport oder soziale Kontakte pflegen ist auch und manchmal gerade für Patienten wichtig. Es kommt eben auf die Dosierung und den vorsorglich in Schutz an.

Viele Patienten mit einer Autoimmunerkrankung werden erfolgreich mit Biologika therapiert. Diese sollten in den meisten Fällen gekühlt aufbewahrt werden. Plant man jedoch einen längeren Urlaub bzw. eine lange oder komplizierte Urlaubsanreise im Flugzeug oder mit der Bahn, gestaltet es sich unter Umständen schwierig die Kühlung dauerhaft zu gewährleisten.

Wie kann am besten sichergestellt werden, dass das Medikament ausreichend gekühlt transportiert wird?

Es gibt zum einen die Möglichkeit in den Wochen vor der Reise die Zeitpunkte der Applikation so zu verschieben, dass möglicherweise am Abreisetag die letzte Spritze appliziert wird und die nächste Spritze erst nach der Rückkehr wieder notwendig ist. Sollte dieses aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich sein, können diese Medikamente natürlich auch gekühlt mit zum Urlaubsort transportiert werden. Wichtig ist eine relativ kontinuierliche Kühlung, hierbei behilflich sind zum Teil Kühltaschen, die von den Herstellerfirmen zur Verfügung gestellt werden. Schauen Sie ruhig auch mal in dem Beipackzettel ihres Biologikum nach, weil einige wenige Präparate auch ungekühlt bzw. bei Raumtemperatur über 28 Tage stabil bleiben. Dabei ist es allerdings wichtig, dass die Medikamente nicht aus dem Kühlschrank genommen, bei Raumtemperatur transportiert und am Urlaubsort wieder in den Kühlschrank eingelagert werden. Im Zweifel sollte es so sein wie in der Werbung, fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Weltgesundheitstag am 7. April 2021 – „Gesundheitliche Chancengleichheit“

Anlässlich des Gründungsdatums der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1948 findet jährlich am 7. April der Weltgesundheitstag statt. Der diesjährige Weltgesundheitstag steht unter dem Motto “Gesundheitliche Chancengleichheit”. Wir haben Herrn Dr. Peer M. Aries, Spezialist für Rheumatologie in Hamburg, dazu ein paar Fragen gestellt.

Der Weltgesundheitstag steht dieses Jahr unter dem Motto „Gesundheitliche Chancengleichheit“. Wo sehen Sie bei der medizinischen Versorgung in Deutschland ein Ungleichgewicht? Wo müsste ihre Meinung nach noch verbessert werden?

Die in Deutschland angebotene medizinische Versorgung ist hochwertig und steht Allen zur Verfügung. Theoretisch. Letztendlich reicht es aber nicht nur ein Hochleistung – System zur Verfügung zu stellen, wenn die Hürden dieses System in Anspruch zu nehmen, für viele Bürger eben dann doch unüberwindbar sind. Viele denken dabei an kleinere Randgruppen, die in Relation zu den anderen großen Gruppen vielleicht zu vernachlässigen sein.

Praktisch ist es aber so, dass jeder von uns relativ schnell zu einer Randgruppe gehören kann und ihm damit der Zugang zu dem Gesundheitssystem eben auch verwehrt bleibt. Denken wir an die Gruppen, die entweder nicht der deutschen Sprache mächtig sind, die sehbehinderten, die gehbehinderten oder auch den Jugendlichen, die manchmal Eltern mit den zuvor genannten Einschränkungen haben. Heute mag es uns vielleicht nicht interessieren, ob die Praxis Treppenstufen hat, Morgen oder in 10 Jahren könnte es aber auch uns davon abhalten zum Hausarzt zu gehen. Gerade habe ich selber miterlebt, wie ausländische Familien einen negativen Corona Test beim Amt vorlegen sollten, um ihren Aufenthaltsstatus zu klären, aber keine 25 € für jedes einzelne Familienmitglied für einen Corona -Antigenschnelltest zahlen konnten. Ändern sollte sich neben der „Awarness“ eben auch die Zugangsmöglichkeiten zu dem Gesundheitssystem.

Wie kann man präventiv vorarbeiten, um benachteiligte Zielgruppen rechtzeitig zu erreichen?

Die besondere Schwierigkeit ist, dass die benachteiligten Zielgruppen sich eben nicht in den gleichen Räumen bewegen, wie die übrige Gesellschaft. Somit sind sie auch mit den klassischen Instrumenten wie den klassischen Medien oder den sozialen Medien nicht zu erreichen. Niedrigschwellige Zugangsmöglichkeiten gibt es nur durch die Präsenz in den gleichen Räumen, in denen sich die benachteiligten Zielgruppen bewegen. Dieses können soziale oder kirchliche Einrichtungen oder auch die Ämter an sich.

Der Sozialstatus hat einen starken Einfluss auf die Gesundheit und resultiert in ungleich verteilten Gesundheitschancen. Wie wirkt sich das ganz spezifisch bei Autoimmunerkrankungen aus? Sehen sie da große Unterschiede bei Behandlungserfolgen
etc.?

Letztendlich ist der Einfluss des Sozialstatus auf die Autoimmunerkrankungen nicht viel anders als bei den anderen chronischen Erkrankungen. Das Thema der späten Erkennung der Erkrankung und späten Einleitung der Therapie bzw. die Notwendigkeit der kontinuierliche medizinische Betreuung ist für alle chronischen Erkrankungen vergleichbar. Ob es nun der Diabetes mellitus ist, die Rheumatoide Arthritis oder der hohe Blutdruck, letztendlich führen alle chronischen Erkrankungen
zu einer mittleren langfristigen weiteren Schädigung der Organsysteme.

Nicht selten überschneiden sich die chronischen Erkrankungen, der Patient mit der Psoriasis vulgares z.B. hat proportional häufiger einen hohen Blutdruck bzw. der Patient mit chronischen Schmerzen hat proportional häufiger depressive Episoden. Somit ergibt sich eigentlich kein spezifischer Einfluss des Sozialstatus auf die einzelne autoimmune Erkrankung.

Glauben Sie, dass das gesundheitliche Ungleichgewicht durch die Corona – Pandemie noch größer geworden ist und warum?

Dieses ist leider zu befürchten. Für viele Randgruppen ist es die einzige Chance die Leistung des Gesundheitssystems abzurufen, indem andere Menschen Ihnen dabei helfen. Durch die deutliche Reduktion der sozialen Kontakte entsteht eine größere Distanz
innerhalb der Gesellschaft. Die größten Nachteile haben deshalb die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, die nicht eigenständig in der Lage sind, sich zu organisieren oder medizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen. Das gefährliche ist, dass die Folgen nicht sofort erkennbar sind, sondern erst am Verlauf der nächsten Monate und Jahre. Die dadurch resultierende Ungleichheit führt zu einer größeren Frustration und noch größerer sozialer Distanz der einzelnen Bevölkerungsgruppen. Der Vergleich mit einem Pulverfass ist wahrscheinlich nicht ganz falsch.

Lupus erythematodes: Experteninterview mit Dr. Peer M. Aries

Laut Angaben der Berliner Charité leiden in Deutschland rund 20.000 Menschen an der Autoimmunerkrankung Lupus erythematodes oder auch „Schmetterlingsflechte“ genannt. Die Ausprägung der Krankheit reicht dabei von Gesichtsrötungen bis zu Gelenkschmerzen und hat eine Vielfalt an Symptomen. Dr. Peer M. Aries von der Rheumatologie im Struenseehaus in Hamburg erzählt uns, welche Therapieformen und Behandlungsmöglichkeiten es gibt, was Betroffene selbst tun können und was man bei Kinderwunsch beachten sollte.

Was ist Lupus erythematodes (LE)?

Der Lupus erythematodes gehört zu den Formen des Weichteilrheuma, auch genannt Kollagenosen. Es ist eine Autoimmunerkrankung, die insbesondere die Haut und Schleimhäute betreffen kann. Bei der systemischen Verlaufsform kann es auch zu entzündlichen Veränderungen der Gelenke bzw. der inneren Organe (Herz, Lunge und Niere) kommen. Für die Patienten ist es wichtig zu wissen, dass nicht jeder Patient mit einem Lupus einen schweren Verlauf mit Beteiligung aller Organe haben wird. Die meisten Patienten haben eine mildere Verlaufsform.

Was ist die Ursache von LE und wie entsteht er?

Einen einzelnen Auslöser für den Lupus erythematodes gibt es – wie für viele andere Autoimmunerkrankung – tatsächlich nicht. Wir wissen heute, dass offensichtlich einige Gene zu dieser Erkrankung prädisponieren, das heißt die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Patient diese Erkrankung bekommt. Diese Gene sind jedoch nicht allein entscheidend. Es gibt viele Menschen mit solchen Genen, die keine Autoimmunerkrankung bekommen. Es müssen also noch andere Faktoren hinzu kommen, wie z.B. Umweltfaktoren oder auch Infektionen. Auch dabei spielt es eine wichtige Rolle das nicht der einzelne Umweltfaktoren oder die einzelne Infektion letztendlich für die Autoimmunerkrankung entscheidend ist, es scheint in der Hinsicht aber eine Rolle zu spielen, dass es das Immunsystem durcheinanderbringt und zu einer autoaggressiven handelsweise verleitet.

Welche Formen des LE gibt es?

Wir unterscheiden grob zwischen dem auf die Haut begrenzten Lupus erythematodes und der systemischen Verlaufsform, bei dem auch außerhalb der Haut entzündliche Veränderungen auftreten können.

Welche Therapieformen und Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Bei der Therapie hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel getan. Dabei ist es nicht nur wichtig, dass wir eine Vielzahl von Medikamenten inzwischen zur Verfügung stehen haben, sondern auch das Konzept, wann man welche Therapie einsetzt ist heutzutage von entscheidender Bedeutung. Wir richten uns dabei nach dem Verlauf der Erkrankung. Es gibt nicht eine Therapie, die allen Patienten grundsätzlich zu empfehlen ist.

Wir unterscheiden zwischen einer milden und schweren Verlaufsform und versuchen auch die individuellen Unterschiede der Patienten dabei zu berücksichtigen. Dazu gehört natürlich auch, wie es z.B. mit einem Schwangerschaftswunsch aussieht oder welche Vortherapien die Patientin bereits gehabt hat. Tatsächlich empfehlen wir sehr vielen Patienten die Einnahme von Quensyl, da gerade bei der systemischen Verlaufsform bekannt ist, dass wir mit dieser Therapie Schübe bzw. einen schweren Verlauf vermeiden können. In Anbetracht der Tatsache, dass das Risiko von Nebenwirkungen relativ gering ist, sind wir sehr großzügig mit der Empfehlung der Therapie insbesondere auch bei Patientinnen, die in näherer Zeit schwanger werden wollen.

Was können Betroffene selbst tun?

Die Frage ist natürlich besonders häufig, da viele Patienten nicht alleine abhängig sein wollen von den Medikamenten. Grob gesagt, und sicherlich nicht erstaunlich, ist eine gesunde Lebensweise für solche Autoimmunerkrankung zuträglich. Eine ausgewogene Ernährung oder auch Vermeidung von viel Stress ist von Vorteil. Zweites ist nicht immer in der Entscheidung der Patienten, und wir wollen unserer Patienten auch nicht in einen Glaskasten sperren. Letztendlich soll unsere Therapie den Patienten ermöglichen, ein ganz normales Leben zu führen. Dazu gehört eben auch mal Stress.

Auf der anderen Seite sollten die Patienten sich freizeitliche Aktivitäten suchen, die z.B. zum Stressabbau führen können. Der Schlagwort ist heutzutage Achtsamkeit, dieses kann z.B. beinhalten mehr Sport und Bewegung zu machen, oder auch sonstige Entspannungstechniken zu lernen. Bezüglich der Ernährung ist es mir wichtig, dass die wissenschaftliche Grundlage für solche Empfehlungen tatsächlich sehr begrenzt ist. Dennoch kann man all unseren Patienten empfehlen, dass die Berücksichtigung einer mediterrane Kost sicherlich von Vorteil ist. Dieses beinhaltet möglichst wenig Fleisch und Alkohol und viel Omega 3 Fettsäuren, z.B. in entsprechenden Ölen wie Walnussöl oder Leinsamenöl oder auch in Form von Fischen. Die Einnahme von Omega 3 Fettsäurenkapseln ist sicherlich auch möglich, wird aber von den meisten Rheumatologen gegenüber der grundsätzlichen Ernährungsumstellung nicht bevorzugt.

Müssen Lupus Patienten bei bestehenden Kinderwunsch etwas beachten und kann die Therapie während der Schwangerschaft weiter geführt werden?

Es ist zu empfehlen, dass das Thema mit dem Rheumatologen im Vorwege besprochen wird. Dieses ist sicherlich nicht besonders Romantisch, kann aber für eine erfolgreiche Schwangerschaft von besonderer Bedeutung sein. In diesem Gespräch geht es darum, wann ein guter Zeitpunkt für eine Schwangerschaft ist. Wir wissen z.B. das Patienten mindestens 3-6 Monate vor der Empfängnisschutz einen kontrollierten Krankheitszustand (sogenannte Remission) haben sollten, weil damit das Risiko für eine zunehmende Krankheitsaktivität während der Schwangerschaft vermieden werden kann.

Außerdem muss geschaut werden, welche Medikamente die Patienten zu dem Zeitpunkt des Kinderwunsches einnehmen. Einige Medikamente verbieten sich bei einem Schwangerschaftswunsch, andere Medikamente werden explizit empfohlen. Zudem sollten noch individuelle Risikofaktoren für eine Schwangerschaft untersucht werden, dabei sind z.B. Antikörper zu berücksichtigen, die z.B. für das Kind und die Entwicklung einer Hautveränderung von Bedeutung sein könnten, oder auch Antikörper, die etwas mit der Blutgerinnung zu tun haben.

Dr. Peer M. Aries ist Facharzt für Innere Medizin / Rheumatologie und betreibt in Hamburg eine Gemeinschaftspraxis für Rheumatologie und klinische Immunologie. Wesentlicher Bestandteil ist die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Abteilungen für Lungen, Nieren und Bluterkrankungen sowie der Radiologie. Schwerpunkte sind Innere Medizin, Rheumatologie, Klinische Immunologie sowie Rheuma und Schwangerschaft.

Gemeinsam stark: Wie du aktiv deine Rheuma-Behandlung unterstützen kannst

Die Diagnose einer Autoimmunerkrankung, wie etwa Rheuma, stellt Betroffene oft vor viele Fragen und Unsicherheiten. Gerade zu Beginn ist der Weg nicht immer leicht, doch umso wichtiger ist es, gut informiert zu sein und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem behandelnden Rheumatologen/der behandelnden Rheumatologin aufzubauen. Claudia, die selbst vor kurzem die Diagnose Rheuma erhalten hat und ihre Erfahrungen auf unserem Instagram-Account teilt, kennt diese Herausforderungen nur zu gut. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie entscheidend es ist, den richtigen Umgang mit der Erkrankung zu finden und zum Experten für die eigene Gesundheit zu werden.

Um es anderen (Neu-)Betroffenen zu erleichtern, hat Claudia unserem Rheumatologen Dr. Aries ein paar zentrale Fragen gestellt. In diesem Interview sprechen sie über die ersten Schritte nach der Diagnose, die Bedeutung einer aktiven und informierten Rolle in der Therapie und wie wichtig der vertrauensvolle Austausch zwischen Arzt*in und Patient*in ist.

Wie kann ich selbst aktiv dazu beitragen, dass meine Behandlung erfolgreich verläuft?

Sie können viel tun, um Ihre Behandlung zu unterstützen! Halten Sie sich an Ihren Therapieplan und nehmen Sie Ihre Medikamente wie verordnet ein. Achten Sie auf eine gesunde Lebensweise: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ausreichend Schlaf helfen Ihrem Körper, die Therapie besser zu verarbeiten. Seien Sie offen und engagiert – je aktiver Sie an Ihrer Gesundheit arbeiten, desto erfolgreicher kann die Behandlung sein.

Welche Informationen oder Beobachtungen sollte ich Ihnen regelmäßig mitteilen, um die Therapie bestmöglich zu unterstützen?

Ihr Feedback ist für die Therapie sehr wichtig! Informieren Sie uns über Veränderungen Ihrer Symptome, neue oder ungewöhnliche Schmerzen, Nebenwirkungen von Medikamenten und alle anderen gesundheitlichen Veränderungen. Auch wenn es Ihnen gut geht, sind diese Informationen wertvoll. Das hilft uns, Ihre Therapie laufend anzupassen und zu optimieren.

Welche Fragen sollte ich mir selbst stellen, um meine Diagnose besser zu verstehen und meine Behandlungsmöglichkeiten zu erkennen?

Überlegen Sie: „Was genau ist meine Diagnose und was bedeutet sie für mich?“ Fragen Sie sich auch: „Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es, und was sind die Vor- und Nachteile?“ und „Was kann ich selbst dazu beitragen, dass es mir besser geht?“ Diese Überlegungen helfen Ihnen, Ihre Erkrankung besser zu verstehen und aktiv in die Behandlung einzubringen.

Wie kann ich Ihnen helfen, die richtige Behandlung für mich zu finden?

Die beste Behandlung zu finden, ist ein gemeinsamer Prozess. Teilen Sie uns mit, wie Sie sich fühlen, welche Nebenwirkungen Sie erleben und was Ihnen im Alltag wichtig ist. Sprechen Sie auch über Ihre persönlichen Ziele und Erwartungen an die Therapie. So können wir gemeinsam eine individuell passende Behandlung finden.

Was kann ich tun, wenn ich unsicher bin oder Fragen zur vorgeschlagenen Behandlung habe?

Ihre Unsicherheiten und Fragen sind völlig normal und wichtig! Scheuen Sie sich nicht, alles offen anzusprechen. Fragen Sie nach weiteren Erklärungen, wenn etwas unklar ist, und informieren Sie sich, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Es ist wichtig, dass Sie sich mit Ihrem Behandlungsplan wohlfühlen.

Was kann ich zusätzlich zur Medikation machen, um meine rheumatische Erkrankung einzudämmen?

Neben der Medikation gibt es viele Möglichkeiten, Ihre Gesundheit zu unterstützen. Regelmäßige Bewegung, sei es durch leichte Gymnastik, Schwimmen oder Spazierengehen, hilft, die Gelenke beweglich zu halten. Achten Sie auch auf eine entzündungshemmende Ernährung, Stressbewältigung und ausreichend Schlaf. Jede kleine Veränderung kann eine große Wirkung haben!

Wie sinnvoll ist es, mit einer rheumatischen Erkrankung auf Reha/Kur zu gehen? Macht das auch Sinn, wenn man medikamentös gut eingestellt ist und aktuell kaum Beschwerden hat?

Eine Reha oder Kur kann auch dann sinnvoll sein, wenn Sie gut eingestellt sind und wenige Beschwerden haben. Sie bietet die Möglichkeit, sich intensiv mit Ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen, Bewegung und Selbstmanagement zu erlernen und sich in einer unterstützenden Umgebung zu erholen. Es kann helfen, langfristig fit zu bleiben und Rückfälle zu vermeiden.

Wie kann ich sicherstellen, dass wir beide eine klare und offene Kommunikation haben?

Offene Kommunikation ist das A und O einer erfolgreichen Behandlung. Teilen Sie Ihre Gedanken, Sorgen und Erlebnisse offen mit und fragen Sie nach, wenn etwas unklar ist. Zögern Sie nicht, Themen erneut anzusprechen, und lassen Sie uns wissen, was Ihnen wichtig ist. So können wir gemeinsam daran arbeiten, die bestmögliche Betreuung für Sie zu gewährleisten.

Therapiemöglichkeiten bei Rheuma: Welche Medikamente gibt es?

Bei der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen gibt es heute eine Vielzahl von Therapiemöglichkeiten, die darauf abzielen, die Entzündung zu reduzieren, Schmerzen zu lindern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Die Wahl der Therapie hängt dabei von der Art und Schwere der Erkrankung, den individuellen Bedürfnissen des Patienten und den möglichen Nebenwirkungen ab. Im Folgenden stellen wir Ihnen einige der wichtigsten Medikamente und Therapien vor, die aktuell zur Verfügung stehen.

Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR)

NSAR wie Ibuprofen oder Naproxen werden häufig zur Linderung von Schmerzen und Entzündungen eingesetzt. Sie wirken, indem sie die Produktion von Prostaglandinen hemmen, die Entzündungen und Schmerzen im Körper fördern. NSAR sind in der Regel gut verträglich, können aber bei langfristiger Anwendung Magenprobleme verursachen.

Kortikosteroide (Kortison)

Kortikosteroide wie Prednison sind starke entzündungshemmende Medikamente, die bei akuten Schüben von rheumatischen Erkrankungen eingesetzt werden. Sie wirken schnell, indem sie das Immunsystem unterdrücken und so die Entzündung reduzieren. Aufgrund ihrer potenziellen Nebenwirkungen, wie Gewichtszunahme, Osteoporose und erhöhtem Infektionsrisiko, werden Kortikosteroide oft nur kurzfristig eingesetzt.

Basistherapeutika (DMARDs)

DMARDs (Disease-Modifying Antirheumatic Drugs) sind Medikamente, die das Fortschreiten rheumatischer Erkrankungen verlangsamen. Sie wirken, indem sie das Immunsystem modulieren und die Entzündungsprozesse im Körper reduzieren. Zu den klassischen DMARDs gehören:

  • Methotrexat (MTX): Eines der am häufigsten verwendeten DMARDs, das die Zellteilung hemmt und dadurch das Immunsystem dämpft.
  • Sulfasalazin: Wirkt entzündungshemmend und wird häufig bei rheumatoider Arthritis und Morbus Crohn eingesetzt.
  • Leflunomid: Reduziert die Aktivität bestimmter Immunzellen und wird zur Behandlung von rheumatoider Arthritis eingesetzt.

Biologika

Biologika sind eine fortschrittliche Form der Therapie, die gezielt auf bestimmte Komponenten des Immunsystems einwirkt. Diese biotechnologisch hergestellten Medikamente sind oft als Injektionen oder Infusionen erhältlich und werden bei Patienten eingesetzt, bei denen DMARDs nicht ausreichend wirken. Hier sind die wichtigsten Therapiekonzepte bei Biologika:

TNF-Alpha-Inhibitoren

Diese Biologika blockieren den Tumor-Nekrose-Faktor Alpha (TNF-α), ein Zytokin, das eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Entzündungen spielt.

Beispiele: Adalimumab, Infliximab, Etanercept, Certolizumab Pegol, Golimumab

IL-1-Inhibitoren

Diese Medikamente blockieren das Interleukin-1 (IL-1), ein weiteres proinflammatorisches Zytokin, das an entzündlichen Prozessen beteiligt ist.

Beispiel: Anakinra

IL-6-Inhibitoren

IL-6-Inhibitoren blockieren das Interleukin-6 (IL-6), ein Zytokin, das an der Entzündungsreaktion und an der Stimulierung der Akut-Phase-Reaktion beteiligt ist.

Beispiele: Tocilizumab, Sarilumab

B-Zell-Therapien

Diese Biologika richten sich gegen B-Zellen, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die an der Produktion von Antikörpern und an der Auslösung von Entzündungen beteiligt sind.

Beispiel: Rituximab (anti-CD20-Antikörper)

T-Zell-Kostimulationshemmer

Diese Medikamente verhindern die Aktivierung von T-Zellen, die eine Schlüsselrolle in der Immunantwort spielen.

Beispiel: Abatacept (CTLA-4-Ig)

IL-12/IL-23-Inhibitoren

Diese Biologika blockieren die Zytokine IL-12 und IL-23, die an der Differenzierung und Aktivierung von T-Zellen beteiligt sind, insbesondere bei der Psoriasis und Psoriasis-Arthritis.

Beispiel: Ustekinumab

IL-17-Inhibitoren

Diese Therapie blockiert das Interleukin-17 (IL-17), ein Zytokin, das eine Rolle bei der Pathogenese von entzündlichen Erkrankungen wie Psoriasis und ankylosierender Spondylitis spielt.

Beispiele: Secukinumab, Ixekizumab, Brodalumab

IL-23-Inhibitoren

Diese Biologika wirken spezifisch auf das Interleukin-23 (IL-23), das an der Entzündungsreaktion bei Krankheiten wie Psoriasis beteiligt ist.

Beispiele: Guselkumab, Tildrakizumab, Risankizumab

Anti-BAFF/BLyS-Therapie

Diese Medikamente zielen auf den B-Zell-aktivierenden Faktor (BAFF/BLyS), der für das Überleben und die Aktivierung von B-Zellen wichtig ist.

Beispiel: Belimumab

RANKL-Inhibitor

Dieser Inhibitor blockiert den RANK-Liganden (RANKL), der eine Rolle bei der Osteoklasten-Aktivierung und damit beim Knochenabbau spielt.

Beispiel: Denosumab

JAK-Inhibitoren

Eine neuere Klasse von Medikamenten sind die JAK-Inhibitoren (Januskinase-Inhibitoren). Diese Tabletten blockieren spezifische Enzyme, die an der Signalübertragung von Entzündungsprozessen beteiligt sind. Beispiele sind Tofacitinib, Upadacitinib, Filgotinib und Baricitinib. JAK-Inhibitoren bieten eine orale Alternative zu Biologika und sind besonders bei Patienten wirksam, die auf andere Behandlungen nicht ausreichend ansprechen.

Phosphodiesterase-4-Hemmer (PDE4-Hemmer)

Apremilast ist ein Beispiel für einen PDE4-Hemmer, der die entzündlichen Prozesse im Körper beeinflusst, indem er bestimmte Enzyme blockiert. Es wird bei Psoriasis und Psoriasis-Arthritis eingesetzt und bietet eine weitere orale Behandlungsoption.

Zusammenfassung

Die Therapie von rheumatischen Erkrankungen ist vielfältig und individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt. Während traditionelle Medikamente wie NSAR und Kortikosteroide häufig zur schnellen Linderung von Symptomen eingesetzt werden, bieten, DMARDs, Biologika und JAK-Inhibitoren langfristige Lösungen zur Kontrolle der Erkrankung und zur Verhinderung von Gelenkschäden. Die Wahl der richtigen Therapie erfolgt in enger Absprache mit dem behandelnden Rheumatologen, um die bestmögliche Lebensqualität für den Patienten zu gewährleisten.

Neurodermitis und der Einfluss der Ernährung

Neurodermitis und der Einfluss der Ernährung

Kann Ernährung Deine Neurodermitis beeinflussen?

Kurz zusammengefasst:

  • Bestimmte Nahrungsmittel können bei manchen Betroffenen zu einer Verschlechterung der Neurodermitis führen.
  • Es lässt sich jedoch nicht pauschal sagen, dass bestimmte Nahrungsmittel für Patienten mit Neurodermitis ungeeignet seien.
  • Nicht jede vermutete Nahrungsmittelallergie kann medizinisch als solche bestätigt werden.
  • Wenn Du den Verdacht hast, dass eine Nahrungsmittelallergie vorliegt, führe ein Ernährungstagebuch und dokumentiere in welchem zeitlichen Zusammenhang sich die Haut nach Verzehr bestimmter Nahrungsmittel verändert.
  • Eine fachärztliche Kontrolle und Diagnostik ist zur Bestätigung des Verdachts auf eine Nahrungsmittelallergie erforderlich.
  • Vermeide voreilige Anpassungen oder den eigenständigen Verzicht auf vermutete Nahrungsmittelallergene, um Mangelzustände zu vermeiden!

Kann meine Neurodermitis auf Nahrungsmittel reagieren?

Nahrungsmittel können bei manchen Personen zu einer Verschlechterung der Neurodermitis führen. Dabei können sich die verantwortlichen Nahrungsmittel je nach Patient unterscheiden. Wichtig zu beachten ist hierbei, dass nicht jede vermutete Nahrungsmittelallergie medizinisch als solche bestätigt werden oder eine relevante Auswirkung auf die Neurodermitis haben kann.

Es ist auch deshalb leider nicht möglich pauschal zu sagen, dass bestimmte Nahrungsmittel bei Neurodermitis vermieden werden sollten. Auch gibt es keine Diät, die zur Linderung der Hautveränderungen oder zur Vorbeugung der Schübe einer Neurodermitis dienen kann.

Tipp: Wenn Du die Vermutung hast, dass Deine Neurodermitis durch bestimmte Nahrungsmittel verschlechtert wird, ist es sinnvoll in erster Linie ein Tagebuch zu führen. Dokumentiere genau alles, was Du isst und trinkst und wie sich der Hautzustand ändert. Führe das Tagebuch am besten über mehrere Wochen. Falls die Hautveränderungen tatsächlich aufgrund einer Nahrungsmittelallergie auftreten, passiert das meistens mit einer Verzögerung von 6-48 Stunden nach Verzehr. So kannst Du potenzielle Auslöser identifizieren. Eine Abklärung durch eine Hautärztin/ einen Hautarzt (mit Zusatzbezeichnung Allergologie) ist für die Kontrolle und Diagnostik unbedingt zu empfehlen. Beachte bitte, dass der eigenständige Verzicht auf vermutliche Nahrungsmittelallergene die Gefahr von Mangelzuständen birgt!

Wurden bei Dir allerdings persönliche Trigger-Nahrungsmittel identifiziert, solltest Du diese meiden.
Neurodermitis kann nicht allein durch eine angepasste Ernährung bzw. Diät und das Vermeiden vermuteter Allergene kontrolliert werden.

Nahrungsmittelallergien kommen bei Kindern mit Neurodermitis häufiger vor als bei der Allgemeinbevölkerung. Im Erwachsenenalter spielen sogenannte Pollen-assoziierte Nahrungsmittelallergien eine Rolle: diese treten meistens bei Personen auf, die auf Frühblüher allergisch reagieren. Wenn man gegen Hasel, Erle, Birke allergisch ist, kann es passieren, dass nach dem Genuss von z.B. frischen Äpfeln die Lippen jucken oder der Gaumen kratzt.

Es gibt prinzipiell zwei Reaktionsmuster bei Nahrungsmittelallergien:

  1. Die Soforttyp-Reaktionen, die durch Antikörper vom IgE-Typ vermittelt werden und die sehr schnell nach Verzehr, in der Regel maximal 2 Stunden danach auftreten. Die Symptomatik variiert von Nesselsucht, Schwellung von Lippen/Zunge/Gaumen (sog. Angioödem), Rötung der Haut bis hin zu Durchfall, Übelkeit oder Herz-Kreislaufsymptomen.
  2. Ekzematöse Reaktionen vom verzögerten Typ treten meist innerhalb von 6-48 Stunden nach Verzehr des Allergens auf. Dabei kann es zu Hautreaktionen wie einem Aufflammen typischer Läsionen an den betroffenen Hautstellen (Prädilektionsstellen) wie bspw. Beugeseiten der Extremitäten, Hals und Wangen vorkommen. Solche Hautveränderungen treten meistens bei Säuglingen nach Änderung der Ernährung bzw. nach Einführung neuer Beikost auf.
    Zudem sind auch Kombinationen der zwei Reaktionsmuster möglich.

Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur Akzeptanz ist, deine Erkrankung zu verstehen. Je mehr du über deine rheumatische Erkrankung weißt, desto besser kannst du damit umgehen und die Kontrolle über die Situation zurückgewinnen. Hier ist es ratsam, seriöse und vertrauensvolle Quellen zu nutzen und sich bei Bedarf von medizinischen Fachkräften oder Patientenorganisationen beraten zu lassen. Ein besseres Verständnis der Krankheit verringert die Angst vor dem Unbekannten und ermöglicht dir, informierte Entscheidungen zu treffen.

Kann man eine Nahrungsmittelallergie vorbeugen?

Nahrungsmittelallergien als mögliche Trigger einer Neurodermitis spielen insbesondere im Säuglings- und Kleinkindalter eine wichtige Rolle. Demnach kann man bereits während der Schwangerschaft und Stillzeit einzelne vorbeugende Maßnahmen ergreifen: Schwangere und stillende Mütter sollen auf eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung achten. Auf potente Nahrungsmittelallergene sollte man in Schwangerschaft und Stillzeit nicht verzichten.

Stillen spielt eine wichtige Rolle in der Allergieprävention. Es wird empfohlen, nach Möglichkeit während der ersten 4 bis 6 Lebensmonate ausschließlich zu stillen. Nach Einführung von Beikost sollte weiter gestillt werden. Die Beikost-Einführung wird frühestens ab Beginn des fünften und spätestens ab Beginn des siebten Lebensmonats empfohlen. Bitte halte Rücksprache mit der Kinderärztin/ dem Kinderarzt bezüglich der Bereitschaft des Säuglings für die Beikost-Einführung. Sobald diese erfolgen kann, sollte die Ernährung vielfältig sein – dies beinhaltet unter anderem auch die Gabe von Fisch und eine begrenzte Menge Milch/Naturjoghurt und Hühnerei (verbacken oder hartgekocht). Die Meidung von Nahrungsmitteln mit potenten Allergenen im ersten Lebensjahr wird nicht empfohlen. Es gibt keine Belege bezüglich eines vorbeugenden Effekts.

Quellen:
S3-Leitlinie Atopische Dermatitis (https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/013-027);
S3-Leitlinie Allergieprävention (https://register.awmf.org/assets/guidelines/061-016l_S3_Allergiepraevention_2022-11.pdf)

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