IgG4 Diagnose und Bluttest: Wie Ärzte die IgG4-assoziierte Erkrankung feststellen
Inhaltsverzeichnis
- Das Wichtigste in Kürze:
- IgG4-RD erkennen: Was Symptome und Organbeteiligung über die Diagnose verraten
- Seltene entzündliche Erkrankung: Welche Organe die IgG4-RD befällt
- Schwellung, Ikterus, Gewichtsverlust: Symptome, die auf eine IgG4-assoziierte Erkrankung hindeuten
- MRT, CT und MRCP: Bildgebung als erster Schritt zur Diagnose
- Wenn Fibrose und Schwellung wie ein Tumor wirken: Die Verwechslungsgefahr mit Malignomen
- IgG4-Bluttest, Biopsie und Klassifikation: So sichern Ärzte die Diagnose der Immunglobulin-G4-assoziierten Erkrankung
- Der IgG4-Bluttest: Was erhöhte Immunglobulin-Werte wirklich bedeuten
- Warum der Bluttest allein nicht reicht: Abgrenzung zu anderen entzündlichen Erkrankungen und Tumoren
- IgG4-positive Plasmazellen und storiforme Fibrose: Was die Biopsie im Gewebe zeigt
- Gesichert, wahrscheinlich oder möglich: Klassifikationskriterien der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie
- Therapieansprechen als Diagnosebaustein: Was die Behandlung mit Glukokortikoiden verrät
- FAQ
Das Wichtigste in Kürze:
- Die IgG4-assoziierte Erkrankung ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die viele verschiedene Organe befallen kann – am häufigsten Bauchspeicheldrüse, Speicheldrüsen, Tränendrüsen, Nieren und Aorta. Ihre unspezifischen Symptome wie Schwellungen, Gewichtsverlust und Gelbsucht machen die Diagnose schwierig und führen oft zu jahrelangen Verzögerungen.
- Bildgebende Verfahren wie MRT, CT und MRCP sind ein wichtiger erster Schritt zur Diagnose. Charakteristische Zeichen – etwa das „Sausage Sign“ bei der Autoimmunpankreatitis – helfen dabei, die Erkrankung von anderen Erkrankungen abzugrenzen. Eine besondere Gefahr besteht in der Verwechslung mit bösartigen Tumoren, da IgG4-RD ähnliche Gewebeveränderungen erzeugen kann.
- Der IgG4-Bluttest misst den Antikörperspiegel im Blut. Ein Wert über 135 mg/dl gilt als auffällig. Allerdings schließt ein unauffälliger Wert die Erkrankung nicht aus – bei rund 30 % der Betroffenen bleiben die Werte trotz aktiver Erkrankung normal. Erhöhte IgG4-Werte können auch bei anderen Erkrankungen auftreten, weshalb der Bluttest allein keine sichere Diagnose ermöglicht.
- Die Gewebsbiopsie – also die mikroskopische Untersuchung einer Gewebeprobe – gilt als Goldstandard der Diagnose. Typische Befunde sind eine dichte Entzündung mit IgG4-positiven Immunzellen, eine charakteristische korbgeflechtartige Bindegewebsvermehrung (storiforme Fibrose) sowie der Verschluss kleiner Venen (obliterative Phlebitis).
- Die Diagnose der IgG4-RD stützt sich immer auf mehrere Bausteine zusammen: klinische Befunde, Bildgebung, Laborwerte, Histologie – und das Ansprechen auf eine Behandlung mit Kortikosteroiden. Spricht die Erkrankung rasch auf diese Therapie an, bestätigt das die Diagnose. Bleibt eine Verbesserung aus, müssen Ärztin oder Arzt die Einordnung kritisch überprüfen.
Eine unklare Schwellung hier, ein Ikterus dort – und trotzdem bleibt die Diagnose lange aus. Wenn du oder jemand, dem du nahestehst, mit unspezifischen Beschwerden von Arztpraxis zu Arztpraxis geht, ohne dass ein klares Bild entsteht, kann das zermürbend sein. Bei der IgG4-assoziierten Erkrankung – kurz IgG4-RD – ist genau das leider keine Seltenheit. Diese seltene Autoimmunerkrankung kann viele Organe befallen und täuscht manchmal sogar einen Tumor vor. Kein Wunder also, dass der Weg zur richtigen Diagnose oft lang ist.
Doch die gute Nachricht: Ärztinnen und Ärzte haben heute ein klares diagnostisches Werkzeug an der Hand – einen mehrstufigen Prozess aus Bluttest, Bildgebung und Gewebeuntersuchung. In diesem Artikel erfährst du, wie dieser Prozess funktioniert, was ein erhöhter IgG4-Wert im Blut wirklich bedeutet und warum die Kombination verschiedener Befunde so entscheidend ist. Denn je besser du verstehst, wie die Diagnose gestellt wird, desto besser kannst du den Prozess begleiten – und die richtigen Fragen stellen.
IgG4-RD erkennen: Was Symptome und Organbeteiligung über die Diagnose verraten
Die IgG4-assoziierte Erkrankung – kurz IgG4-RD – gehört zu einer Gruppe von immunologischen Systemerkrankungen, die den Körper auf sehr unterschiedliche Weise treffen können. Es handelt sich um eine seltene, entzündliche Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigenes Gewebe angreift. Das Tückische daran: Die Symptome sind oft unspezifisch und lassen sich nur schwer einem klaren Bild zuordnen. Bis zur richtigen Diagnose vergehen deshalb häufig Monate oder sogar Jahre. Umso wichtiger ist es, die typischen Zeichen und Organbeteiligungen zu kennen – und zu verstehen, wie Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose einer IgG4-assoziierten Erkrankung vorgehen.
Seltene entzündliche Erkrankung: Welche Organe die IgG4-RD befällt
Die IgG4-RD kann viele Organe im Körper befallen, was die Diagnose oft erschwert. In 95 % der Fälle sind Pankreas (Bauchspeicheldrüse), Speichel- und Tränendrüsen, Nieren oder die Aorta betroffen [1]. Damit gehören diese Organe zu den am häufigsten betroffenen Organen.
Besonders bekannt ist die Organbeteiligung der Bauchspeicheldrüse in Form der autoimmunen Pankreatitis Typ 1. Diese gilt als häufigste Manifestation der IgG4-RD. Doch auch Gallenwege, Lymphknoten und das Retroperitoneum – der Geweberaum hinter dem Bauchfell – können betroffen sein. Bei der IgG4-assoziierten Cholangitis – einer Entzündung der Gallenwege – können ausgeprägte entzündliche Veränderungen oder Pseudotumoren entstehen, die auf den ersten Blick an einen Tumor erinnern [2].
Schwellung, Ikterus, Gewichtsverlust: Symptome, die auf eine IgG4-assoziierte Erkrankung hindeuten
Die Beschwerden bei einer IgG4-assoziierten Erkrankung sind vielfältig und hängen von den betroffenen Organen ab. Gerade diese Vielfalt macht die Diagnose oft schwierig. Häufig fallen zunächst schmerzlose Schwellungen auf, zum Beispiel an den Speicheldrüsen oder Tränendrüsen. Diese Schwellungen entstehen, weil sich Immunzellen im betroffenen Gewebe ansammeln und eine Entzündungsreaktion auslösen. Sie können mit bloßem Auge sichtbar oder tastbar sein. Dazu kommen allgemeine Beschwerden wie Gewichtsverlust und Abgeschlagenheit, die für sich allein noch keinen klaren Hinweis geben.
Ein wichtiges Warnsignal ist der Ikterus – umgangssprachlich auch Gelbsucht genannt. Er entsteht, wenn die Gallenwege durch Entzündung oder Fibrose eingeengt werden und der Gallenfluss gestört ist. Vor allem Männer über 50 Jahre sind betroffen; häufig treten zusätzlich unspezifische Beschwerden wie Gewichtsverlust auf [3]. Der klinische Befund allein reicht jedoch nicht aus, um eine IgG4-assoziierte Erkrankung sicher festzustellen. Er ist immer nur ein erster Hinweis auf dem Weg zur Diagnose. Fachärztinnen und Fachärzte aus der Rheumatologie spielen dabei eine zentrale Rolle – sie haben die Expertise, das Gesamtbild aus Symptomen, Befunden und Laborwerten richtig einzuordnen.
MRT, CT und MRCP: Bildgebung als erster Schritt zur Diagnose
Wenn der klinische Befund einen Verdacht auf eine IgG4-RD weckt, sind bildgebende Verfahren der nächste wichtige Schritt. MRT (Magnetresonanztomographie) und CT (Computertomographie) liefern detaillierte Bilder der betroffenen Organe und helfen dabei, Schwellungen, Entzündungsherde und tumorartige Läsionen sichtbar zu machen.
Bei der Autoimmunpankreatitis Typ 1 zeigt sich in der Bildgebung ein sehr charakteristisches Bild: Die Bauchspeicheldrüse ist meist deutlich vergrößert und verliert ihre normale Lappenstruktur – Fachleute sprechen vom sogenannten „Sausage Sign“, also einem wurstförmigen Erscheinungsbild [4]. Ergänzend kann ein hypodenser Randsaum – das „Rim Sign“ – sichtbar sein, der die Diagnose weiter stützt [4]. Diese spezifischen Zeichen helfen Ärztinnen und Ärzten, die Erkrankung von anderen Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse zu unterscheiden.
Für die Beurteilung der Gallenwege kommt häufig die MRCP – die Magnetresonanzcholangiopankreatikographie – zum Einsatz. Dieses spezielle MRT-Verfahren macht die Gallengänge besonders gut sichtbar. Typisch für die IgG4-assoziierte Cholangitis sind lange, bandförmige Engstellen in den Gallengängen. Die Wanddicke des Gallengangs ist dabei oft deutlich verbreitert – mit einer kontinuierlichen Verdickung vom distalen Abschnitt bis zur Hilusregion. Solche bildgebenden Befunde liefern wichtige Hinweise, können jedoch die ergänzende Diagnostik mit Laboruntersuchungen und histologischer Untersuchung einer Gewebeprobe nicht ersetzen.
Wenn Fibrose und Schwellung wie ein Tumor wirken: Die Verwechslungsgefahr mit Malignomen
Eine besondere Herausforderung bei der IgG4-assoziierten Erkrankung ist ihre Ähnlichkeit mit bösartigen Tumoren. IgG4-RD führt typischerweise zu tumorartigen Läsionen in Gewebe und Organen, die auf den ersten Blick wie ein Malignom – also eine Krebserkrankung – aussehen [4]. Die Fibrose und Entzündung im Gewebe können Raumforderungen bilden, die in der Bildgebung kaum von einem Tumor zu unterscheiden sind. Das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass Patient:innen mit IgG4-RD fälschlicherweise großen operativen Eingriffen unterzogen wurden, bevor die richtige Diagnose gestellt wurde. Genau deshalb ist eine sorgfältige, mehrstufige Diagnostik so entscheidend: Sie schützt vor unnötigen Eingriffen und ermöglicht die richtige Behandlung.
IgG4-Bluttest, Biopsie und Klassifikation: So sichern Ärzte die Diagnose der Immunglobulin-G4-assoziierten Erkrankung
Wenn Ärztinnen und Ärzte den Verdacht auf eine IgG4-assoziierte Erkrankung hegen, beginnt die eigentliche Detektivarbeit. Denn die Immunglobulin-G4-assoziierte Erkrankung lässt sich nicht durch einen einzigen Test sicher feststellen. Stattdessen braucht es ein Zusammenspiel aus Laborwerten, Gewebeuntersuchung und klinischer Einordnung. Dieser mehrstufige Ansatz ist kein Umweg – er ist notwendig, um eine so vielschichtige Erkrankung wie die IgG4-RD wirklich zu verstehen und andere Ursachen sicher auszuschließen.
Der IgG4-Bluttest: Was erhöhte Immunglobulin-Werte wirklich bedeuten
Der erste Schritt in der Labordiagnostik ist die Messung der Immunglobuline im Serum – genauer gesagt des IgG4-Spiegels im Blut. Immunglobuline sind Antikörper, die das Immunsystem produziert. IgG4 ist dabei unter physiologischen Bedingungen die kleinste Fraktion unter den IgG-Untereinheiten und macht weniger als 5 % des Gesamt-IgG aus [3]. Bei Menschen mit einer IgG4-assoziierten Erkrankung kann dieser Anteil auf über 50 % ansteigen.
Als Grenzwert für einen klinisch auffälligen IgG4-Spiegel gelten im Bluttest mehr als 135 mg/dl. Zusätzlich wird die IgG4/IgG-Ratio betrachtet: Ein Wert von mehr als 8 % gilt als erhöht [4]. Noch aussagekräftiger ist jedoch eine IgG4:IgG-Ratio von über 40 % – dieser Wert hat sich in der Praxis als deutlich spezifischer für die IgG4-RD herausgestellt [5]. Der IgG4-Wert im Blut kann mit einem speziellen Laborverfahren, der sogenannten Nephelometrie, bestimmt werden. Dabei muss berücksichtigt werden, dass bei sehr hohen IgG4-Konzentrationen ein Messfehler auftreten kann: Das sogenannte Prozonenphänomen kann dazu führen, dass der Wert fälschlicherweise normal oder zu niedrig erscheint. Eine Verdünnung der Blutprobe im Labor kann diesen Fehler verhindern.
Wichtig zu wissen: Bei etwa 60 bis 80 % der Betroffenen liegt tatsächlich ein erhöhter IgG4-Spiegel vor – man spricht dann von einer seropositiven Erkrankung. Bei rund 30 % der Patient:innen sind die Werte jedoch trotz aktiver Erkrankung unauffällig, besonders häufig bei der IgG4-assoziierten Retroperitonealfibrose [4]. Ein normaler Testwert schließt die Erkrankung also nicht aus.
Warum der Bluttest allein nicht reicht: Abgrenzung zu anderen entzündlichen Erkrankungen und Tumoren
Ein erhöhter IgG4-Spiegel im Blut ist ein wichtiger Hinweis – aber kein Beweis. Das Problem: Nahezu jede entzündliche Erkrankung, aber auch Allergien, Asthma und Lebererkrankungen können zu einer unspezifischen Erhöhung des IgG4-Spiegels führen [4]. Darüber hinaus weisen etwa 7 % der Menschen mit einem Pankreaskarzinom ebenfalls erhöhte IgG4-Werte auf – ohne dass eine IgG4-RD vorliegt [5].
Auch die Zusammensetzung der Immunglobuline kann bei der Abgrenzung helfen: Bei einer IgG4-RD sind IgA- und IgM-Werte häufig unauffällig. Anhaltend erhöhte CRP-Werte sowie erhöhte IgA- oder IgM-Spiegel sprechen dagegen eher für andere systemische Entzündungserkrankungen [2]. Eine gesicherte Abgrenzung zu anderen Erkrankungen – darunter entzündliche Autoimmunerkrankungen, eine sklerosierende Cholangitis oder maligne Tumoren – ist allein über den Bluttest nicht möglich. Die Gewebeuntersuchung bleibt deshalb unverzichtbar.
IgG4-positive Plasmazellen und storiforme Fibrose: Was die Biopsie im Gewebe zeigt
Die Gewebsbiopsie gilt als Goldstandard in der Histologie der IgG4-RD. Dabei entnimmt die Ärztin oder der Arzt eine kleine Gewebeprobe aus dem betroffenen Bereich und untersucht sie unter dem Mikroskop. Die Diagnose muss anschließend immunhistochemisch durch eine IgG4-Färbung bestätigt werden. Dabei zählt man die IgG4-positiven Plasmazellen pro mikroskopischem Gesichtsfeld – kurz HPF (High Power Field).
Was Fachleute im Gewebe suchen, lässt sich in drei Kernbefunde zusammenfassen:
- Dichte lymphoplasmazytäre Infiltrate: Das Gewebe zeigt eine plasmazellreiche, chronische Entzündung mit zahlreichen IgG4-positiven Plasmazellen – den IgG4-produzierenden Immunzellen.
- Storiforme Fibrosierung: Die Bindegewebsvermehrung weist eine charakteristische korbgeflechtartige, „bastmattenartige“ Anordnung auf – Fachleute nennen das storiforme Fibrose.
- Obliterative Phlebitis: Kleine und mittelgroße Venen werden durch die Entzündung verschlossen – ein typisches, wenn auch nicht immer vorhandenes Zeichen.
Die Anzahl der IgG4-positiven Plasmazellen variiert je nach untersuchtem Organ erheblich. Das ist kein Fehler im System, sondern Ausdruck der Komplexität dieser Erkrankung:
| Organ / Biopsietyp | Schwellenwert IgG4-positive Plasmazellen |
| Kleine Biopsien (allgemein) | > 10 / HPF |
| Pankreas (Resektat) | > 50 / HPF |
| Speicheldrüsen / Tränendrüsen | > 100 / HPF |
| Haut | > 200 / HPF |
Zusätzlich zur absoluten Zellzahl gilt eine IgG4:IgG-Ratio von über 40 % im Gewebe als signifikant erhöht und diagnostisch aussagekräftig. Histologische Befunde, die nicht zur IgG4-RD passen – wie ausgeprägte neutrophile Infiltrate, granulomatöse Entzündungen oder fibrinoide Nekrosen – sprechen hingegen gegen diese Erkrankung und sollten die Ärztin oder den Arzt dazu veranlassen, die Einordnung zu überprüfen [4].
Gesichert, wahrscheinlich oder möglich: Klassifikationskriterien der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie
Um die Diagnose zu strukturieren und international vergleichbar zu machen, existieren heute mehrere anerkannte Klassifikationssysteme. Im Jahr 2012 publizierte eine japanische Fachgesellschaft folgende Kriterien, die drei Diagnosestufen definieren [4]:
- Gesichert: Alle drei Hauptkriterien erfüllt – charakteristische Organschwellung oder Raumforderung, erhöhter IgG4-Serumspiegel (> 135 mg/dl) sowie passende Histologie mit IgG4/IgG > 40 % und mehr als 10 IgG4-positiven Plasmazellen pro HPF
- Wahrscheinlich: Klinisches Bild und passende Histologie vorhanden, aber kein erhöhter Serumspiegel
- Möglich: Typische Klinik und erhöhter IgG4-Spiegel, aber keine Gewebeuntersuchung
Im Jahr 2019 verabschiedeten das American College of Rheumatology (ACR) und die European League Against Rheumatism (EULAR) – in Deutschland vertreten durch die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie – gemeinsam weiterentwickelte Klassifikationskriterien für die Immunglobulin-G4-assoziierte Erkrankung. Diese berücksichtigen einen noch breiteren, mehrdimensionalen Ansatz: Charakteristische klinische oder radiologische Befunde an typischen Organen sowie passende histopathologische Ergebnisse bilden gemeinsam die Grundlage für die Einordnung. Speziell für die IgG4-assoziierte Cholangitis hat sich zudem das HISORt-Schema etabliert, das fünf Diagnosebausteine kombiniert: Histologie, Imaging (Schnittbildgebung), Serologie, weitere Organmanifestationen sowie das Response-to-treatment, also das Ansprechen auf die Behandlung [3].
Therapieansprechen als Diagnosebaustein: Was die Behandlung mit Glukokortikoiden verrät
Ein besonderes Merkmal der IgG4-RD ist ihr Ansprechen auf eine Behandlung mit Kortikosteroiden – insbesondere mit Glukokortikoiden wie Prednison. Das rasche und deutliche Ansprechen der Beschwerden auf diese Therapie gilt selbst als diagnostisches Kriterium: Reagiert die Erkrankung gut auf Glukokortikoide, stützt das die Diagnose der IgG4-assoziierten Erkrankung erheblich. Fehlt dieses Ansprechen hingegen, macht das das Vorliegen einer IgG4-RD sehr unwahrscheinlich – und sollte Anlass sein, die gesamte Einordnung kritisch zu überprüfen. Im Rahmen einer Verlaufskontrolle lässt sich nach vier bis sechs Wochen beurteilen, ob sich die Veränderungen – zum Beispiel an der Bauchspeicheldrüse – zurückbilden. Bleibt eine Regredienz aus, müssen Ärztinnen und Ärzte auch andere Ursachen in Betracht ziehen.
Einen vielversprechenden Ausblick bietet ein neuartiger Biomarker: Der IgG4/IgG-RNA-Quotient im peripheren Blut, gemessen mittels quantitativer Polymerase-Kettenreaktion (qPCR), erreicht in Studien eine Sensitivität von 94 % und eine Spezifität von 99 %. Dieses Verfahren gilt in der Forschung als potenziell relevanter Marker für die Diagnose und Therapieüberwachung der IgG4-assoziierten Cholangitis. Es befindet sich derzeit noch in der klinischen Erprobung und ist im klinischen Alltag bislang nicht routinemäßig verfügbar [3]. Es besteht die Aussicht, dass dieses Verfahren die Diagnostik der IgG4-RD in Zukunft deutlich erleichtern kann. Für Betroffene bedeutet das: Medizin und Forschung arbeiten daran, schnellere und zuverlässigere Wege zu entwickeln, um diese seltene Erkrankung frühzeitig zu erkennen und richtig einzuordnen.
Quellen
[1] Kleger A, Schulte L (2024). Autoimmunpankreatitis und IgG4-assoziierte Erkrankungen. https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/a-2095-5220 (Stand: 04.07.2026)
- “95% der IRD betreffen Pankreas, Speichel- und Tränendrüsen, Nieren oder Aorta.”
[2] Schmalzing M, Sander O, Seidl M, Marks R, Blank N, Kötter I, Tiemann M, Backhaus M, Manger B, Hübel K, Müller-Ladner U, Henes J (2023). Castleman’s disease in the rheumatological practice. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11058943/ (Stand: 04.07.2026)
- “Die Beteiligung von Lymphknoten ist bei iMCD obligat, wird aber auch bei den IgG4-RD beobachtet – mit der potenziellen Ausbildung großer abdomineller Raumforderungen bei beiden Erkrankungen.”
- “Neben erhöhten IgG- und IgM-Spiegeln wurden persistierend erhöhte CRP-Spiegel als serologische Ausschlusskriterien für IgG4-RD vorgeschlagen”
[3] Herta T, Verheij J, Beuers U (2018). IgG4-assoziierte Cholangitis – klinische Präsentation eines lange übersehenen Krankheitsbildes. https://www.springermedizin.de/cholangitis/igg4-assoziierte-erkrankungen/igg4-assoziierte-cholangitis-klinische-praesentation-eines-lange/15768048 (Stand: 04.07.2026)
- “Patienten mit einer IAC sind zu 80–85 % Männer im Alter über 50 Jahren, die sich mit Ikterus und Gewichtsverlust vorstellen.”
- “Unter physiologischen Umständen macht IgG4 den kleinsten Anteil unter den IgG-Untereinheiten aus (<5 % des Gesamt-IgG).”
- “Die HISORt-Kriterien (Histologie, Bildgebung, Serologie, weitere Organmanifestationen, Therapieansprechen) sind der Standardalgorithmus zur Diagnose einer IAC.”
- “Dieser Test erreicht eine Sensitivität von 94 % und Spezifität von 99 % und stellt somit ein sehr vielversprechendes diagnostisches Werkzeug dar, das aktuell klinisch erprobt wird.”
[4] Antwerpes F, Ostendorf N, Mitrevski V, Nolte J, Thiele T, Fink B, van den Höfel N, Winter J, Güler I (2025). IgG4-assoziierte Erkrankung. https://flexikon.doccheck.com/de/IgG4-assoziierte_Erkrankung (Stand: 04.07.2026)
- “Bei der Autoimmunpankreatitis Typ I: meist Vergrößerung des Pankreas mit Verlust der normalen Lappenstruktur (Sausage Sign)”
- “Rim Sign: hypodenser bzw. T2w-hypointenser, diffusionsgestörter Randsaum mit Late-Enhancement nach 3 bis 5 Minuten”
- “Die Erkrankungen führen typischerweise zu tumorartigen Läsionen, die Malignome vortäuschen.”
- “Als Grenzwerte zur Diagnose wurden Serumspiegel > 135 mg/dl und eine IgG4/IgG-Ratio > 8 % festgelegt.”
- “Bei ungefähr 30 % der Patienten liegt der Spiegel im Normalbereich, vor allem bei Patienten mit einer IgG4-assoziierten Retroperitonealfibrose.”
- “Zudem können auch viele andere Erkrankungen (nahezu jede entzündliche Erkrankung, Asthma, Allergien, Lebererkrankungen) zu einer unspezifischen Erhöhung des Serum-IgG4 führen.”
- “Diagnose passende histologische Befunde sind ausgeprägte neutrophile Infiltrate, granulomatöse Entzündungen, mehrkernige Riesenzellen oder fibrinoide Nekrosen.”
- “Bisher gibt es kein einheitliches Diagnosesystem. Im Jahr 2012 wurde in Japan folgende Kriterien publiziert: Charakteristische Organschwellung oder Raumforderung in der klinischen Untersuchung oder Schnittbildgebung; Erhöhte IgG4-Serumspiegel (> 135 mg/dl); Charakteristische Histologie mit IgG4/IgG > 40 % und IgG4-Plasmazellen > 10 HPF”
[5] Agaimy A, Ihrler S (2014). Immunglobulin-G4(IgG4)-assoziierte Erkrankung. https://link.springer.com/article/10.1007/s00292-013-1848-0 (Stand: 04.07.2026)
- “Zunehmend hat sich die Bestimmung der IgG4:IgG-Ratio als aussagekräftiger und spezifischer herauskristallisiert (> 40 % = signifikant erhöht)”
- “Zudem weisen 7 % der Patienten mit Pankreaskarzinom ohne Hinweise auf eine Autoimmunpankreatitis einen erhöhten IgG4-Spiegel im Serum auf”
FAQ
Was ist eine IgG4-assoziierte Erkrankung?
Die IgG4-assoziierte Erkrankung – kurz IgG4-RD – ist eine seltene, entzündliche Autoimmunerkrankung. Das bedeutet: Das Immunsystem greift fälschlicherweise körpereigenes Gewebe an. Besonders häufig sind Bauchspeicheldrüse, Speicheldrüsen, Tränendrüsen, Nieren und die Aorta betroffen. Die Symptome sind oft unspezifisch – Schwellungen, Gewichtsverlust oder Gelbsucht können erste Hinweise sein. Bis zur richtigen Diagnose vergehen deshalb oft Monate oder sogar Jahre.
Welche Untersuchungen braucht man für die Diagnose?
Eine einzige Untersuchung reicht für die Diagnose nicht aus. Ärztinnen und Ärzte setzen auf ein Zusammenspiel aus drei Bausteinen: bildgebenden Verfahren wie MRT oder CT, einem Bluttest zur Messung des IgG4-Spiegels sowie einer Gewebeprobe, der sogenannten Biopsie. Erst das Gesamtbild aller Befunde ermöglicht eine sichere Einordnung – und schützt dich vor unnötigen Eingriffen.
Was zeigt der IgG4-Bluttest – und was sagt er nicht aus?
Im Bluttest misst die Ärztin oder der Arzt den IgG4-Spiegel im Serum. Ein Wert über 135 mg/dl gilt als auffällig. Bei 60 bis 80 % der Betroffenen ist dieser Wert tatsächlich erhöht. Wichtig zu wissen: Ein normaler Wert schließt die Erkrankung nicht aus – bei etwa 30 % der Patient:innen sind die Blutwerte trotz aktiver Erkrankung unauffällig. Außerdem können auch andere Erkrankungen wie Allergien oder Lebererkrankungen den IgG4-Spiegel erhöhen. Der Bluttest ist ein wichtiger Hinweis, aber kein Beweis.
Wozu braucht man eine Biopsie?
Die Biopsie – also die Entnahme einer kleinen Gewebeprobe – gilt als Goldstandard in der Diagnostik der IgG4-RD. Unter dem Mikroskop suchen Fachleute nach drei typischen Zeichen: dichten Entzündungszellen mit IgG4-positiven Plasmazellen, einer charakteristischen korbgeflechtartigen Bindegewebsvermehrung (storiforme Fibrose) sowie dem Verschluss kleiner Venen durch Entzündung (obliterative Phlebitis). Diese Befunde sichern die Diagnose – und helfen dabei, eine Krebserkrankung auszuschließen, die der IgG4-RD im Erscheinungsbild ähneln kann.
Warum kann die IgG4-RD mit einem Tumor verwechselt werden?
Die Entzündung und Vernarbung (Fibrose) bei der IgG4-RD kann im betroffenen Gewebe Raumforderungen bilden – also Verdickungen oder Knoten, die in der Bildgebung wie ein Tumor aussehen. Das gilt besonders für die Bauchspeicheldrüse und die Gallenwege. Genau deshalb ist eine sorgfältige, mehrstufige Diagnostik so wichtig: Sie schützt dich davor, unnötige Operationen zu durchlaufen, bevor die richtige Diagnose feststeht.
Was bedeuten die drei Diagnosestufen – gesichert, wahrscheinlich, möglich?
Um die Diagnose international vergleichbar zu machen, gibt es klare Klassifikationsstufen. Eine gesicherte Diagnose erfordert alle drei Hauptkriterien: typische Organschwellung, erhöhten IgG4-Blutspiegel und passende Gewebeuntersuchung. Als wahrscheinlich gilt die Erkrankung, wenn klinisches Bild und Histologie passen, der Blutspiegel aber unauffällig ist. Als möglich wird sie eingestuft, wenn typische Beschwerden und erhöhte Blutwerte vorliegen, aber keine Biopsie gemacht wurde.
Kann das Ansprechen auf Kortison bei der Diagnose helfen?
Ja – das Ansprechen auf eine Behandlung mit Kortikosteroiden (Glukokortikoiden) ist selbst ein diagnostisches Kriterium. Wenn die Beschwerden nach der Einnahme rasch und deutlich zurückgehen, stützt das die Diagnose der IgG4-RD erheblich. Bleibt eine Verbesserung aus, sollten Ärztin oder Arzt die gesamte Einordnung noch einmal kritisch prüfen. Das gibt dir als Betroffene eine zusätzliche Orientierung auf dem Weg zur richtigen Diagnose.