IgG4-RD Therapie: Kortison, Rituximab zur Behandlung von IgG4-assoziierten Erkrankungen
Inhaltsverzeichnis
- Das Wichtigste in Kürze:
- IgG4-RD: Pathophysiologie verstehen und richtig behandeln
- IgG4-assoziierte Erkrankung: Was im Körper passiert
- Fibrose als klinische Herausforderung bei IgG4-RD
- Kortison: Die bewährte Erstlinientherapie bei IgG4-RD
- Grenzen der Steroidtherapie: Nebenwirkungen und Rückfallrisiko
- IgG4-RD Therapie: IgG4-assoziierte Erkrankungen richtig behandeln
- Rituximab bei IgG4-RD: Wirkmechanismus und klinischer Einsatz
- Remission und Rückfallrisiko: Was die Daten zur IgG4-assoziierten Erkrankung zeigen
- Inebilizumab: Neue Hoffnung bei der Behandlung
- Weitere Therapieoptionen und Zukunftsperspektiven bei IgG4-RD
- FAQ
Das Wichtigste in Kürze:
- IgG4-RD ist eine komplexe Multiorganerkrankung, bei der verschiedene Immunzellen zusammenwirken und eine entzündliche Fibrose – also Narbenbildung im Gewebe – auslösen. Besonders herausfordernd: Der typische Blutwert ist nur bei rund 61 bis 66 % der Betroffenen erhöht, was die Diagnose erschwert.
- Kortison ist die bewährte Erstlinientherapie und wirkt bei den meisten Patient:innen gut – rund 67 % sprechen auf die erste Behandlung an. Allerdings reicht Kortison allein langfristig oft nicht aus: 71 % der Betroffenen erleiden mindestens einen Rückfall.
- Rituximab ist ein gezielter Antikörper, der B-Zellen abbaut und bei Rückfällen, schweren Verläufen oder als steroidsparende Strategie eingesetzt wird. Fast die Hälfte der behandelten Patient:innen erreichte nach 12 Monaten eine anhaltende Remission ohne Kortison.
- Inebilizumab ist ein neuer Antikörper, der noch breiter als Rituximab wirkt und in der bislang größten Studie bei IgG4-RD überzeugte: Nur 10 % der Behandelten erlitten einen Krankheitsschub – gegenüber 60 % in der Placebo-Gruppe. Im April 2025 erhielt Inebilizumab in den USA die erste offizielle Zulassung für IgG4-RD.
- Weitere Therapieoptionen wie Methotrexat, Azathioprin oder Mycophenolat-Mofetil ergänzen das Behandlungsspektrum als steroidsparende Ansätze. Auch innovative Ansätze wie CAR-T-Zell-Therapien zeigen erste vielversprechende Ergebnisse – die Forschung schreitet aktiv voran.
Eine Erkrankung, die viele Organe gleichzeitig befällt, andere Krankheiten nachahmt und manchmal jahrelang unentdeckt bleibt – das ist die IgG4-assoziierte Erkrankung, kurz IgG4-RD. Für Betroffene bedeutet das oft einen langen Weg bis zur richtigen Diagnose. Und dann? Stehen die nächsten Fragen an: Wie wird behandelt? Was hilft wirklich? Und wie lässt sich ein Rückfall verhindern?
Die gute Nachricht: Die Forschung hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Dieser Artikel erklärt dir, was bei IgG4-RD in deinem Körper passiert, warum eine frühe Therapie so wichtig ist und welche Behandlungsmöglichkeiten heute zur Verfügung stehen – von Kortison über Rituximab bis hin zu Inebilizumab, dem ersten Wirkstoff, der im April 2025 in den USA speziell für diese Erkrankung zugelassen wurde.
IgG4-RD: Pathophysiologie verstehen und richtig behandeln
Die IgG4-assoziierte Erkrankung (IgG4-RD) ist eine der komplexesten Diagnosen in der modernen Rheumatologie. Sie kann viele verschiedene Organe gleichzeitig befallen, ahmt andere Erkrankungen nach und erfordert ein tiefes Verständnis der Pathophysiologie – nur so lässt sich die richtige Therapiestrategie wählen. Dieser Überblick erklärt dir, was im Körper bei IgG4-RD passiert, warum die Fibrose eine besondere Herausforderung darstellt und welche Rolle Kortison als Erstlinientherapie spielt.
IgG4-assoziierte Erkrankung: Was im Körper passiert
Die IgG4-RD ist eine immunvermittelte, entzündlich fibrosierende Multiorganerkrankung. Im Kern handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Immunzellen: B-Zellen, IgG4+-Plasmazellen, follikuläre T-Helfer-Zellen, zytotoxische CD4+-T-Zellen (kurz: CD4+ CTLs) und M2-Makrophagen arbeiten dabei zusammen und lösen eine Entzündungsreaktion aus, die ein sogenanntes profibrotisches Zytokinmilieu erzeugt – also ein Umfeld, das die Entstehung von Bindegewebsnarben aktiv fördert [1]. Der genaue Auslöser, der B-Lymphozyten dazu veranlasst, sich zu IgG4-produzierenden Plasmazellen zu entwickeln, ist bislang unbekannt.
Die IgG4-assoziierte Erkrankung kann sich klinisch sehr unterschiedlich zeigen. Zu den häufig betroffenen Organen gehören unter anderem die Bauchspeicheldrüse, die Gallengänge, die Nieren, die Tränen- und Speicheldrüsen sowie die Lymphknoten. Diese Vielfalt macht die Diagnosestellung zur echten Herausforderung. Erschwerend kommt hinzu, dass der IgG4-Serumspiegel – also der Blutwert, der auf die Erkrankung hinweisen kann – nur bei rund 61 % der Patient:innen tatsächlich erhöht ist [2]. Seit 2019 bzw. 2020 stehen die ACR/EULAR-Klassifikationskriterien zur Verfügung, die die Diagnosestellung strukturieren und vereinheitlichen.
Fibrose als klinische Herausforderung bei IgG4-RD
Besonders folgenreich ist die Fibrose, die bei IgG4-RD entsteht. Die CD4+ CTLs tragen dabei eine doppelte Rolle: Sie wirken zytotoxisch und schädigen Gewebe direkt – gleichzeitig setzen sie profibrotische Botenstoffe frei, namentlich TGF-β (Transforming Growth Factor-beta), IFN-γ (Interferon-gamma) und IL-1β (Interleukin-1 beta). Diese Zytokine regen Fibroblasten dazu an, extrazelluläre Matrixkomponenten zu produzieren, was letztlich zur charakteristischen „storiforme Fibrose“ führt – einem narbigen Gewebemuster, das unter dem Mikroskop einem Storchennest ähnelt. Hinzu kommt eine obliterierende Phlebitis, also eine entzündliche Verstopfung kleiner Blutgefäße.
Histologisch – also im Gewebeschnitt – zeigen sich bei der IgG4-assoziierten Erkrankung drei charakteristische Befunde: eine lymphozytäre Infiltration mit einer IgG4/IgG-Ratio von mehr als 40 %, die storiform-Fibrose sowie die obliterative Phlebitis [1]. In der Praxis sind jedoch nicht immer alle drei Kriterien gleichzeitig nachweisbar: In einer retrospektiven Kohortenstudie erfüllten nur 1 von 25 untersuchten Patient:innen, bei denen eine Biopsie durchgeführt wurde, alle drei histologischen Kriterien [2]. Das zeigt, wie anspruchsvoll die Diagnosestellung im klinischen Alltag wirklich ist. Für die Therapiewahl ist die Fibrose zentral: Einmal entstandenes Narbengewebe spricht schlechter auf Medikamente an als aktiv entzündliche Veränderungen – ein Grund, warum eine frühe und gezielte Therapie so wichtig ist.
Kortison: Die bewährte Erstlinientherapie bei IgG4-RD
In der klinischen Praxis setzen Ärztinnen und Ärzte bei IgG4-RD zunächst auf Glukokortikoide, umgangssprachlich als Kortison bekannt. Bei Organmanifestationen – also wenn ein konkretes Organ betroffen ist – beginnt die Induktionstherapie in der Regel mit etwa 40 mg Prednisolon täglich, beziehungsweise rund 0,6 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Diese Dosis wird anschließend schrittweise reduziert, ein Vorgang, den Medizinerinnen und Mediziner als „Tapering“ bezeichnen. Als Erhaltungstherapie kann im Anschluss eine niedrig dosierte Steroidgabe über einen längeren Zeitraum fortgeführt werden.
Die gute Nachricht: Die meisten Patient:innen mit IgG4-RD sprechen auf Glukokortikoide an. In einer retrospektiven Kohorte sprachen 67 % der Betroffenen auf die erste Therapie an [2]. Die Entzündungsaktivität geht zurück, entzündlich bedingte Organschwellungen können sich häufig deutlich zurückbilden, und viele Betroffene erleben eine spürbare Verbesserung ihrer Lebensqualität. Kortison bleibt damit die bewährte und in der Praxis am häufigsten eingesetzte Behandlungsoption. Einheitliche, für alle Patientinnen und Patienten gültige Therapiestandards für die Behandlung der IgG4-RD gibt es bislang jedoch nicht [1].
Neben der Gabe von Kortison stehen als steroidsparende Strategien verschiedene immunsuppressive Substanzen zur Verfügung, die ergänzend eingesetzt werden können. Dazu gehören:
- Methotrexat – ein klassisches Basistherapeutikum aus der Rheumatologie
- Azathioprin – ein Immunsuppressivum, das die Immunantwort dämpft
- Mycophenolat-Mofetil (MMF) – hemmt die Vermehrung von Immunzellen
- Rituximab – ein monoklonaler Antikörper, der gezielt B-Zellen abbaut
Für diese Substanzen – mit Ausnahme von Mycophenolat-Mofetil – fehlen bislang größere prospektive, randomisiert kontrollierte Studien mit belastbarem Wirksamkeitsnachweis bei IgG4-RD [1].
Grenzen der Steroidtherapie: Nebenwirkungen und Rückfallrisiko
So wirksam Kortison in der Akutphase ist – die Langzeitanwendung bringt Risiken mit sich. In einer retrospektiven Studie erlitten 43 % der steroidbehandelten Patient:innen therapieassoziierte Schäden [2]. Das zeigt deutlich, wie wichtig es ist, die Steroidtherapie so kurz wie möglich zu halten und frühzeitig auf steroidsparende Alternativen umzusteigen, wenn dies medizinisch sinnvoll ist.
Dazu kommt das hohe Rückfallrisiko: Mit Glukokortikoiden gelingt es häufig nicht, eine langfristige, therapiefreie Remission zu erreichen [3]. In der genannten Studie erlitten 71 % der Patient:innen mindestens einen Rückfall (Relapse), ein Drittel sogar zwei oder mehr [2]. Unter Dosisreduktion oder beim Absetzen der Steroidtherapie treten Rückfälle besonders häufig auf [1]. Diese Zahlen machen eines klar: Kortison allein reicht für viele Betroffene langfristig nicht aus – und der Blick auf weiterführende Therapieoptionen wie Rituximab oder neuere Ansätze wie Inebilizumab ist deshalb ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer stabilen Remission.
IgG4-RD Therapie: IgG4-assoziierte Erkrankungen richtig behandeln
Wenn Kortison allein nicht ausreicht, stehen heute wirkungsvolle Alternativen zur Verfügung. Rituximab hat die Behandlung der IgG4-RD in den letzten Jahren deutlich verändert – und mit Inebilizumab steht nun ein noch gezielter wirkender monoklonaler Antikörper bereit, der in einer großen Phase-3-Studie beeindruckende Ergebnisse gezeigt hat. Dieser Abschnitt gibt dir einen klaren Überblick über den klinischen Einsatz dieser Wirkstoffe, die Datenlage zur Remission und das Rückfallrisiko bei IgG4-RD sowie den Ausblick auf weitere vielversprechende Ansätze.
Rituximab bei IgG4-RD: Wirkmechanismus und klinischer Einsatz
Rituximab ist ein monoklonaler Antikörper, der gezielt gegen das Oberflächenprotein CD20 auf B-Zellen wirkt. Er erkennt und bindet an CD20-tragende B-Zellen und führt so zu deren Abbau – ein Vorgang, den Fachleute als B-Zell-Depletion bezeichnen. Da B-Zellen und IgG4-positive Plasmazellen eine zentrale Rolle bei der Entstehung der IgG4-RD spielen, ist dieser Wirkmechanismus pathophysiologisch gut begründet. Bereits innerhalb von 2 bis 4 Wochen nach der B-Zell-Depletion mit Rituximab sinken die sogenannten Plasmablasten-Spiegel im Blut – und dieser Rückgang korreliert direkt mit einer klinischen Verbesserung [3].
In bestimmten Situationen kann Rituximab bei IgG4-RD eingesetzt werden, obwohl das Medikament für diese Erkrankung bisher nicht ausdrücklich zugelassen ist. Dies wird als Off-Label-Anwendung bezeichnet. Die vorhandene Evidenz basiert auf Registerdaten sowie einer Open-label-Studie – also einer Studie, bei der alle Beteiligten wissen, welche Behandlung sie erhalten. Diese Studie zeigte, dass fast die Hälfte der Patient:innen nach 12 Monaten eine anhaltende klinische Remission ohne gleichzeitige Glukokortikoidgabe erreichte [3]. Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, das den Einsatz von Rituximab insbesondere dann nahelegt, wenn Kortison nicht ausreichend wirkt oder nicht dauerhaft vertragen wird. Dabei gilt es zu beachten, dass Rituximab vor allem auf CD20-positive B-Zellen wirkt – auf reife Plasmazellen, die kein CD20 mehr tragen, hat es eine begrenzte Wirkung.
Für wen kommt Rituximab konkret infrage? Die vorliegenden Daten sprechen für den Einsatz in folgenden Situationen:
- bei Rezidiven nach Steroidtherapie
- als Erstlinientherapie in Kombination mit oder als Alternative zu Glukokortikoiden, wenn diese nicht vertragen werden
- bei schweren Organmanifestationen, bei denen eine rasche und tiefe Immunsuppression erforderlich ist
- als steroidsparende Strategie, um langfristige Kortison-Nebenwirkungen zu minimieren
Remission und Rückfallrisiko: Was die Daten zur IgG4-assoziierten Erkrankung zeigen
Das Rückfallrisiko bei IgG4-RD ist hoch – das zeigen die verfügbaren Daten klar. In einer retrospektiven Kohortenstudie erlitten 71 % der Patient:innen mindestens einen Relapse; ein Drittel der Betroffenen sogar zwei oder mehr Rückfälle. Diese Zahlen verdeutlichen, warum die Behandlung der IgG4-RD nicht nur darauf abzielt, die akute Entzündung zu kontrollieren. Ebenso wichtig ist es, die Erkrankung langfristig stabil zu halten und Rückfälle möglichst zu vermeiden. Klare, einheitlich validierte Empfehlungen für die Erhaltungstherapie fehlen dabei bis heute [2].
Wie lässt sich die Remission langfristig stabilisieren? Entscheidend ist, dass die gewählte Behandlung nicht nur die akute Entzündungsaktivität kontrolliert, sondern möglichst dauerhaft wirkt – ohne die Patient:innen unnötigen Risiken auszusetzen. Aus Sicht der rheumatologischen Forschung erfordert die Behandlung einen individuell angepassten Therapieansatz: Wer häufig Rückfälle erleidet, wenn mehrere Organe betroffen sind oder wer steroidbedingte Schäden entwickelt, profitiert von einer gezielteren B-Zell-gerichteten Behandlung. Die Entwicklung neuer Substanzen wie Inebilizumab adressiert genau diese Lücke.
Inebilizumab: Neue Hoffnung bei der Behandlung
Inebilizumab ist ein monoklonaler Antikörper, der sich von Rituximab in einem entscheidenden Punkt unterscheidet: Er richtet sich nicht gegen CD20, sondern gegen CD19 – ein Oberflächenprotein, das auf einer breiteren Palette von B-Zell-Vorläufern und Nachfolgern vorkommt. Das bedeutet: Inebilizumab erfasst nicht nur reife B-Zellen, sondern auch Plasmablasten und – im Unterschied zu Rituximab – teilweise sogar Plasmazellen. Da gerade diese Zellen bei der IgG4-RD eine Schlüsselrolle spielen, ist dieser erweiterte Wirkmechanismus klinisch besonders relevant.
Die Wirksamkeit von Inebilizumab wurde in der internationalen Phase-3-Studie MITIGATE untersucht. Die multizentrische, doppelblinde und placebokontrollierte Studie gehört zu den bislang größten klinischen Untersuchungen zur Behandlung der IgG4-RD. 135 Patient:innen mit aktiver Erkrankung nahmen an der Studie teil, die an 80 Zentren in 22 Ländern durchgeführt wurde [1]. Das Ergebnis war eindrücklich: Nur 10 % der Patient:innen in der Inebilizumab-Gruppe erlitten einen behandlungspflichtigen Krankheitsschub, verglichen mit 60 % in der Placebo-Gruppe. Signifikant mehr Teilnehmende in der Inebilizumab-Gruppe erreichten eine steroid- und schubfreie Komplettremission [1].
Diese Daten haben Konsequenzen für die Zulassungslage: Im April 2025 wurde Inebilizumab in den USA als erste offiziell zugelassene medikamentöse Behandlung der IgG4-RD zugelassen. Eine Entscheidung der europäischen Zulassungsbehörde EMA wird zeitnah erwartet [1]. Für Betroffene in Deutschland bedeutet das: Ein gezielter Therapieansatz für die IgG4-assoziierten Erkrankung steht kurz davor, auch hierzulande offiziell verfügbar zu sein – ein echter Fortschritt für Menschen, die bislang auf Off-label-Optionen angewiesen waren.
Weitere Therapieoptionen und Zukunftsperspektiven bei IgG4-RD
Neben Rituximab und Inebilizumab gibt es weitere Ansätze, die in der Behandlung von IgG4-RD eine Rolle spielen oder in Zukunft spielen könnten. Für klassische immunsuppressive Basistherapeutika wie Methotrexat und Azathioprin ist die Datenlage bei IgG4-RD begrenzt. Für Mycophenolat-Mofetil (MMF) gibt es erste Hinweise aus Studien zu einer niedrig dosierten Therapie, die bei Patientinnen und Patienten mit stabiler IgG4-RD untersucht wurde. Die Rolle von MMF als steroidsparende Behandlungsoption wird derzeit weiter erforscht. Diese Substanzen kommen vor allem als steroidsparende Ergänzung infrage, wenn eine B-Zell-gerichtete Behandlung nicht möglich oder nicht ausreichend ist [1]. Ein weiterer experimenteller Ansatz ist Obexelimab: Dieser Wirkstoff hemmt die Aktivierung bestimmter B-Zellen, ohne sie vollständig zu entfernen [1]. Dadurch könnte im Vergleich zu einer B-Zell-depletierenden Therapie das Risiko für Infektionen geringer sein und die Impfantwort möglicherweise besser erhalten bleiben.
Der Ausblick auf die weitere Forschung macht Mut. Durch die vielversprechenden Ergebnisse von CAR-T-Zell-Therapien bei anderen B-Zell-vermittelten Autoimmunerkrankungen eröffnen sich auch für die IgG4-RD neue Forschungsperspektiven. Bei dieser Therapie werden körpereigene T-Zellen im Labor genetisch so verändert, dass sie bestimmte Zielstrukturen auf krankheitsrelevanten Zellen erkennen und bekämpfen können. Erste präklinische Daten aus einem Mausmodell zeigen bereits eine Wirksamkeit einer Anti-CD19-CAR-T-Zell-Behandlung bei IgG4-RD [1]. Die Forschung schreitet voran – und mit ihr wächst die Zahl der Möglichkeiten, die Erkrankung wirksam und langfristig zu kontrollieren. Du bist mit dieser Diagnose nicht allein: Expertinnen und Experten weltweit arbeiten daran, die klinischen Manifestationen der IgG4-RD immer besser zu verstehen und neue Wege zur dauerhaften Remission zu finden.
Quellen
[1] Krusche M (2025). Anti-CD19-Therapien: der kommende Goldstandard für die IgG4-assoziierten Erkrankungen. https://www.springermedizin.de/inebilizumab/rituximab/anti-cd19-therapien-der-kommende-goldstandard-fuer-die-igg4-asso/51299834 (Stand: 08.07.2026)
- “Pathophysiologisch weiß man heute, dass ein Zusammenspiel aus B‑Zellen, IgG4+-Plasmazellen, follikulären T‑Helfer-Zellen, zytotoxischen CD4+-T-Zellen und M2-Makrophagen eine Entzündungsreaktion mit profibrotischem Zytokinmilieu induzieren, die Fibroblasten zur Sekretion extrazellulärer Matrixkomponenten stimulieren.”
- “Histologisch zeigen sich bei der Erkrankung die charakteristischen Befunde einer lymphozytären Infiltration (IgG4/IgG-Ratio > 40 %) mit storiformer Fibrose und obliterativer Phlebitis, welche sich makroskopisch in einer diffusen Organvergrößerung oder in tumorösem Wachstum widerspiegeln”
- “Auch wenn 2019 erstmalig Klassifikationskriterien für die Erkrankung definiert wurden, existieren bis heute weder zugelassene Medikamente noch einheitlich validierte Therapiestandards für die Behandlung der IgG4-RD.”
- “Für diese Substanzen – mit Ausnahme von MMF – fehlen bislang jedoch größere prospektive, randomisiert kontrollierte Studien mit belastbarem Wirksamkeitsnachweis.”
- “Allerdings treten unter Dosisreduktion oder Absetzen der Steroidtherapie häufig Krankheitsrezidive auf”
- “Die multizentrische, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-3-Studie schloss 135 Patient:innen mit aktiver IgG4-RD ein und wurde an 80 Zentren in 22 Ländern durchgeführt.”
- “Bezüglich der sekundären Endpunkte erreichten signifikant mehr Proband:innen in der Inebilizumab-Kohorte eine behandlungs- und schubfreie Komplettremission”
- “In den USA wurde Inebilizumab im April 2025 zur Therapie der IgG4-RD zugelassen; eine Zulassung durch die EMA wird zeitnah erwartet.”
- “Als steroidsparende Strategien kommen daher verschiedene immunsuppressive Substanzen wie Methotrexat, Azathioprin, Mycophenolat-Mofetil (MMF) oder Rituximab zum Einsatz.”
- “Obexelimab: Reduziert B‑Zell-Aktivierung ohne Depletion; potenziell niedrigere Infektionsraten möglich sowie Impfungen möglich”
- “Jüngste präklinische Daten aus einem Mausmodell konnten bereits eine Wirksamkeit der Anti-CD19-CAR-T-Zell-Therapie bei IgG4-RD demonstrieren”
[2] Hammitzsch A, Mayr S, Bachmann Q, Heemann U, Moog P (2024). IgG4-assoziierte Erkrankung – retrospektive Kohortenstudie mit 25 Patienten an einem tertiären Zentrum. https://www.egms.de/static/en/meetings/dgrh2024/24dgrh232.shtml (Stand: 08.07.2026)
- “IgG4 war im Serum bei 61% der Patient:innen erhöht.”
- “Bei allen Patient:innen wurde eine Biopsie durchgeführt, wobei nur in 1/25 Fällen alle 3 histologischen Kriterien erfüllt waren.”
- “In 67% sprachen die Patient:innen auf die erste Therapie an.”
- “43% der Steroid-behandelten Patienten erlitten Therapie-assoziierte Schäden”
- “15 der Patient:innen (71%) erlitten mindestens einen Relapse und 7 (33%) ≥2 Relapse”
- “Bisher werden zur Remissionsinduktion zumeist erfolgreich Steroide und/oder Rituximab eingesetzt. Klare Empfehlungen für die Erhaltungstherapie fehlen jedoch.”
[3] Perugino C A, Mattoo H, Mahajan V S, Maehara T, Wallace Z S, Pillai S, Stone J H (2017). IgG4-Related Disease: Insights into human immunology and targeted therapies. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5575969/ (Stand: 08.07.2026)
- “Most IgG4-RD patients respond to glucocorticoids, but glucocorticoids often fail to induce treatment-free remission.”
- “Plasmablast levels declined within 2–4 weeks of B cell depletion therapy, correlating with clinical improvement.”
- “Rituximab led to sustained clinical remission without concomitant glucocorticoid use at 12 months in nearly half of the subjects in the open-label trial.”
FAQ
Was ist die IgG4-assoziierte Erkrankung und welche Organe sind betroffen?
Die IgG4-assoziierte Erkrankung (IgG4-RD) ist eine seltene Erkrankung, bei der das Immunsystem verschiedene Organe gleichzeitig angreift und dort Entzündungen sowie Narbengewebe (Fibrose) verursacht. Besonders häufig betroffen sind Bauchspeicheldrüse, Gallengänge, Nieren, Tränen- und Speicheldrüsen sowie Lymphknoten. Die Erkrankung ist schwer zu erkennen, weil sie viele andere Krankheiten nachahmt und der typische Blutwert – der IgG4-Serumspiegel – nur bei etwa 60 bis 66 % der Betroffenen erhöht ist.
Wie wird IgG4-RD behandelt – und was ist die Erstlinientherapie?
Der erste Behandlungsschritt bei IgG4-RD sind Glukokortikoide, also Kortison. Die Therapie beginnt meist mit etwa 40 mg Prednisolon täglich. Diese Dosis wird dann schrittweise reduziert – ein Vorgang, den Ärztinnen und Ärzte „Tapering“ nennen. Etwa zwei Drittel der Patient:innen sprechen auf Kortison an: Die Entzündung geht zurück, Organschwellungen bilden sich zurück und die Lebensqualität verbessert sich spürbar. Kortison ist damit die am weitesten verbreitete Behandlungsoption.
Welche Nachteile und Risiken hat die Kortisontherapie?
Kortison wirkt oft gut, bringt aber bei längerer Anwendung Risiken mit sich. In einer Studie entwickelten 43 % der steroidbehandelten Patient:innen therapiebedingte Schäden. Noch wichtiger: Kortison allein verhindert Rückfälle häufig nicht dauerhaft. 71 % der Betroffenen erlitten mindestens einen Rückfall – ein Drittel sogar zwei oder mehr. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig über steroidsparende Alternativen nachzudenken.
Was ist Rituximab und wann kommt es bei IgG4-RD zum Einsatz?
Rituximab ist ein monoklonaler Antikörper – ein gezielt wirkendes Medikament –, der bestimmte Immunzellen (B-Zellen) abbaut, die bei IgG4-RD eine zentrale Rolle spielen. Er wird eingesetzt bei Rückfällen nach Kortison, als steroidsparende Strategie oder wenn Kortison nicht gut vertragen wird. Fast die Hälfte der behandelten Patient:innen erreichte nach 12 Monaten eine stabile Remission ohne gleichzeitige Kortisoneinnahme. Rituximab hat in Deutschland noch keine offizielle Zulassung für IgG4-RD und wird daher „Off-label“ – also außerhalb seiner zugelassenen Anwendung – eingesetzt.
Was ist Inebilizumab und was unterscheidet es von Rituximab?
Inebilizumab ist ein neuerer monoklonaler Antikörper, der breiter wirkt als Rituximab. Während Rituximab nur reife B-Zellen angreift, erfasst Inebilizumab auch Vorläuferzellen und teilweise sogar Plasmazellen – also genau die Zellen, die bei IgG4-RD besonders aktiv sind. In der großen Phase-3-Studie MITIGATE erlitten nur 10 % der Patient:innen in der Inebilizumab-Gruppe einen Krankheitsschub – verglichen mit 60 % in der Placebo-Gruppe. Im April 2025 wurde Inebilizumab in den USA als erste offiziell zugelassene Behandlung für IgG4-RD zugelassen. Eine Entscheidung der europäischen Zulassungsbehörde EMA wird zeitnah erwartet.
Welche weiteren Therapieoptionen gibt es bei IgG4-RD?
Neben Kortison, Rituximab und Inebilizumab gibt es weitere Möglichkeiten. Als steroidsparende Ergänzung kommen Methotrexat, Azathioprin und Mycophenolat-Mofetil infrage – also Medikamente, die das Immunsystem dämpfen. Für diese Substanzen ist die Studienlage bei IgG4-RD noch begrenzt. Ein weiterer vielversprechender Ansatz ist Obexelimab, der B-Zellen hemmt, ohne sie vollständig zu zerstören – mit dem möglichen Vorteil geringerer Infektionsrisiken. Auch CAR-T-Zell-Therapien – also im Labor umprogrammierte Immunzellen – werden erforscht.
Warum ist eine frühe Therapie bei IgG4-RD so wichtig?
Einmal entstandenes Narbengewebe – die sogenannte Fibrose – spricht schlechter auf Medikamente an als aktive Entzündungen. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser lässt sich bleibende Organschädigung verhindern. Gleichzeitig ist das Rückfallrisiko hoch, weshalb die Therapie nicht nur auf die akute Entzündung zielt, sondern auch auf den langfristigen Remissionserhalt ausgerichtet sein muss. Du bist mit dieser Diagnose nicht allein – Forschende weltweit arbeiten intensiv daran, neue und wirksamere Behandlungswege zu finden.