Die Geschichte von Marina

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Liebe Marina, du hast Neurodermitis seit deinem zweiten Lebensjahr und ein chronisches Handekzem. Kannst du dich daran erinnern, wie alles angefangen hat – von den ersten Symptomen bis zur Diagnose von Neurodermitis und chronischem Handekzem? Wurde beides gleichzeitig diagnostiziert oder kam eine der beiden Diagnosen zuerst? Hattest du Hürden auf dem Weg zu den Diagnosen zu überwinden?

Die Neurodermitis hat sich im Kindesalter bei mir zunächst ganz klassisch an den Armbeugen und Kniekehlen gezeigt. Da war ich zwei Jahre und bin gerade mit meinen Eltern das erste Mal umgezogen. Der Kinderarzt sagte mir und meiner Mutter damals, dass es Neurodermitis sei und kurz nach der Diagnose verschwanden die Ausschläge. Im pubertären Alter kamen sie allerdings zurück und manifestierten sich an den Händen. Die Ausschläge waren zum Teil auch mit Bläschen, so wie beim Dyshidrotische Ekzem. Hürden auf dem Weg zur Diagnose hatte ich also nicht direkt, aber den Eindruck, dass sich die Ärzt*innen mit den Ursachen für die Symptome nicht so richtig auseinandersetzen wollte.

Aktueller Zustand: Die Bläschen sind verschwunden, aber die Haut rötet sich hin und wieder noch zwischen den Fingern.

Wie hat sich deine Haut im Verlauf über die Jahre verändert, was ist gleich geblieben, was hat sich verschoben oder verstärkt?

Meine Haut ist generell viel weniger anfällig als früher, was gut ist. Ich muss mich zum Beispiel nicht mehr nach dem Duschen am ganzen Körper eincremen, trotzdem ist meine Haut nicht so, wie eine gesunde, schön gefettete Haut in der Regel ist. Aber ich bin zufrieden, denn die Ekzeme haben sich vom Körper auf die Hände verlagert. Und es hat sich nichts verstärkt, sondern ist eher schwächer geworden, was mir sagt, ich habe es gut im Griff.

Wie würdest du dein chronisches Handekzem in deinen eigenen Worten beschreiben?

Trockenheit, Schuppung, Rötung. Meine Haut sieht älter aus als sie ist.

Wenn du an die Anfangszeit in jungen Jahren zurückdenkst: Welche Informationen oder Unterstützung hätten dir damals besonders geholfen?

Gewünscht hätte ich mir einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem man im Prinzip mal alles beleuchtet, von der Nährstoffversorgung, Blutwerte, psychische Belastung, Darmgesundheit – das Gesamtpaket Körper.

Es gab vor Jahren auch schon einmal eine Neurodermitis-Schulung, von der mein Hautarzt wollt, dass ich sie mitmache. Aber meine Krankenkasse hat die Schulung nicht bewilligt, obwohl mein Vater sich dafür auch nochmal stark gemacht hat (da war ich noch über meine Eltern versichert). Schade, das wäre in jungen Jahren sicher gut für mich und meine Verständnis von Neurodermitis gewesen. Erst Jahre später habe ich mich selbst auf die Suche nach den Ursachen gemacht.

Du bist Apothekerin, wie wirkt sich der Berufsalltag mit mit dem ständigen Anfassen diverser Verpackungen, dem Kundenkontakt, Desinfektion oder dem Tragen von Handschuhen konkret auf dein chronisches Handekzem aus?

Meine aktuelle Tätigkeit kann ich sehr gut ausüben, ich habe keine Probleme. Außer wenn die Hände sehr viel desinfiziert werden müssen, dann tut die Haut etwas weh. Aber ich mache es dann trotzdem. Bei Handschuhen gucke ich darauf, dass diese ungepudert sind.

Welche Anpassungen im Arbeitsalltag haben für dich wirklich einen Unterschied gemacht?

In meinem Berufsumfeld funktionieren ungepuderte und latexfreie Handschuhe super, z. B. Nitrilhandschuhe. Außerdem empfehle ich, keine Flüssigseifen, sondern lieber ein seifenfreies Waschstück zu nutzen und immer gut verträgliche Handcreme aufzutragen. Mehr mache ich nicht und komme gut klar.

Welche 3 Tipps würdest du Betroffenen geben, um ein Handekzem möglichst zu stabilisieren oder gar zu vermeiden?

  • Reizende Stoffe von außen vermeiden
  • Bei Putzarbeiten immer Handschuhe tragen, ggf. mit Baumwollhandschuh darunter
  • Den Blick nach „innen“ wenden, es ist ja nur ein Symptom, aber von was? Sich der Ursachenforschung widmen

Welche 3 alltagstauglichen Routinen haben sich bei dir besonders bewährt und warum genau diese?

  • Handschuhe tragen, auch im Winter als Schutz vor der Kälte und dem Austrocknung
  • Basenbad zur Eigenfettung der Haut
  • Nicht zu viel auf die Hände gucken und sie beobachten, sondern einfach benutzen 😊

Du arbeitest heute auch als ganzheitliche Neurodermitis-Coachin, wie man auf deinem Instagram-Account @marina.hautaberherzlich und deinen Blog sehen kann. Was bedeutet „ganzheitlich“ in deiner Arbeit ganz konkret?

Für mich bedeutet es, dass man den Körper und die Seele als Ganzes betrachtet und sinnvolle Ansätze aus der ganzheitlichen Medizin mit der Schulmedizin kombiniert. Alles soll sich sinnvoll ergänzen. Ich bediene mich sozusagen der besten Ansätze aus beiden Bereichen.

Wie verbindest du medizinische Hautbehandlungen, die wissenschaftlich gut erforscht sind, mit zusätzlichen Methoden und wo ziehst du klare Grenzen?

Bei den äußerlichen Therapien kann ich mit der örtlichen Gabe von Kortison, Antibiotika und ggf. auch Calcineurininhibitoren gut leben. Im akuten Fall benötigt man häufig ein Stoppschild, um einen Teufelskreis kurzfristig zu unterbrechen. Klare Grenzen ziehe ich für mich persönlich bei Retioniden, die oral eingenommen werden. Gibt es zum Beispiel gegen Handekzem, habe ich aber damals abgelehnt. Auch beim Einsatz von Biologika wäre ich zurückhaltend.

Welche Faktoren „jenseits der Haut“ sind bei dir und deinen Klient*innen besonders relevant und wie merkt ihr das im Alltag?

Bei mir ist es Stress, Stress, Stress, zum Beispiel ausgelöst durch Veränderungen, durch schlechten Schlaf und der eigener Perfektionismus. Aber auch die eigene Empfindlichkeit der Klienten und deren Kinder führt zu einer verstärkten Wahrnehmung von Reizen mit körperlichen Symptomen, wie dem vermehrten Ausstoß von Stresshormonen.

Passt du deine Basispflege an Jahreszeiten oder Wetter an? Undwas änderst du dann konkret?

Im Sommer brauche ich so gut wie keine Handcreme, im Winter dafür schon – auch gerne reichhaltig. Ansonsten creme ich mein Gesicht ein, wobei die Rezeptur auch hier im Sommer weniger reichhaltig als im Winter ist. Aber generell bin ich wunderbarerweise nicht mehr so viel mit Cremen beschäftigt.

Welche Trigger hast du bei dir erkannt (z. B. Reizstoffe, Stress, Klima, bestimmte Tätigkeiten) und wie gehst du im Alltag damit um?

Meine Haupttrigger sind große Veränderungen im Leben, wie Umzüge oder Trennungen. Aber auch vermeintlich kleine Dinge, wie mein Zyklus wirken sich auf meine Haut aus.

Wenn du merkst, dass ein Schub kommt: Was sind deine ersten Schritte und was hilft dir schnell und zuverlässig?

Ich gehe dann an die frische Luft, denn durch leichte Bewegung kann Cortisol besser abgebaut werden. Auch Gespräche mit vertrauten Personen helfen sehr. Zusätzlich sind eine histaminarme Ernährung, ausreichend guter Schlaf sowie ein Basenbad sehr unterstützend.

Welche Strategien nutzt du gegen Juckreiz und den Juck-Stress? Was funktioniert für dich am besten?

Ich leide zum Glück nicht mehr unter Juckreiz, aber ich habe früher versucht, mit Eiswürfeln bzw. mit heißem Wasser den Juckreiz zu betäuben, genannt die 40-Grad-Methode, die ich auch auf meinem Instagram-Account beschreibe. Es ist eine eine wirksame Juckreiz-Notfallstrategie, die richtig angewendet bei Neurodermitis oder dem chronischen Handekzem als Ergänzung zur ärztlichen Behandlung sehr hilfreich sein kann.

Welche Medikamente oder Therapien nutzt du aktuell? Was daran ist für dich besonders hilfreich?

Ich nehme eigentlich nur noch Nahrungsergänzungsmittel, Kortison habe ich zum Glück schon ewig nicht mehr nutzen müssen.

Gab es Behandlungen, die nicht wie erhofft angeschlagen haben? Was hast du daraus gelernt?

Homöopathie hat bei mir leider keine positive Wirkung gezeigt. Ich habe daraus gelernt, dass Therapien sehr individuell wirken und zur jeweiligen Ursache passen müssen. Was mir nicht geholfen hat, kann für jemand anderen durchaus passend sein.

Hast du schon ergänzend alternative Methoden ausprobiert? Was hat dir geholfen und was eher nicht?

Ich war drei Wochen im Schloss Friedensburg, einem Fachkrankenhaus, das ohne Kortison arbeitet und sehr umfassend diagnostiziert. Diese Zeit war für mich ein echter Gamechanger. Danach habe ich die Sache völlig anders betrachtet und bin sie viel ganzheitlicher angegangen, nicht mehr nur symptomatisch von außen.

Wie beeinflussen Neurodermitis und/oder Handekzem deinen Schlaf, deine Energie oder deine Konzentration? Was tust du, damit es im Alltag gut klappt?

Glücklicherweise werden diese Bereiche gar nicht mehr von meinem Handekzem oder von meiner Neurodermtis beeinflusst.

Wie unterstützt du deine Psyche mit der Belastung von chronischen Erkrankungen umzugehen (z. B. Entspannung, Routinen, Gespräche)?

Ich brauche viel Zeit für mich, um meinen Gedanken Raum zu geben und in mich hineinzuhören. Gespräche sind mir wichtig, aber ebenso diese stillen Wellness-Momente: eingekuschelt auf dem Sofa liegen, ein schöner Film oder ein gutes Buch, entspanntes Wandern ohne Zeitdruck und eine genussvolle Einkehr in ein Gasthaus.

Hattest du Phasen, in denen du psychologische Unterstützung genutzt hast oder findest du eher Halt im Austausch mit anderen Betroffenen?

In der Hautklinik habe ich damals psychologische Unterstützung bekommen. Bei einem niedergelassenen Psychologen war ich selbst nie, bin aber sicher, dass das sehr hilfreich sein kann. Besonders gut getan hat mir ein Coaching mit intensivem Austausch unter Betroffenen. Deshalb kann ich nur empfehlen, den Kontakt zu anderen Betroffenen zu suchen – gerade heute, wo das über soziale Medien sehr gut möglich ist.

Welche Fragen hörst du am häufigsten zu deinem Handekzem oder deiner Neurodermitis?

Ich bekomme nur sehr selten Fragen gestellt, und wenn, dann erst in Phasen, in denen es für mich besonders schlimm ist. Dann habe ich das Gefühl, dass es anderen erst auffällt, obwohl ich selbst denke, dass es unmöglich zu übersehen ist. Das zeigt auch, wie stark sich die eigene Wahrnehmung von der der anderen unterscheiden kann.

Welche Formulierungen, Gesten oder konkrete Unterstützung aus deinem Umfeld tut dir besonders gut?

Mein Umfeld geht sehr selbstverständlich damit um, thematisiert es nicht unnötig und behandelt mich ganz normal.

Welche Unterstützung wünschst du dir gesellschaftlich, beruflich oder privat im Umgang mit sichtbaren Hauterkrankungen?

Wichtig ist, dass Menschen Bescheid wissen, dass das chronische Handekzem oder Neurodermitis nicht ansteckend ist und sich auch niemand ekeln muss. Ich glaube, das Schlimmste für die Betroffenen sind die Blicke der anderen und die Ausgrenzung einiger Menschen, weil sie nicht genau wissen, womit sie es zu tun haben.

Wenn du nochmal an deine Kindheit zurückdenkst, hättest du dir von Ärzt*innen, Schule oder sogar deiner Familie manchmal einen anderen Umgang mit dir und deinerNeurodermitisund deinem Handekzem gewünscht?

In der Schule und bei meiner Familie fühlte ich mich immer gut aufgehoben. Da war alles super. Allerdings hätte ich mir bei manchen Ärzt*innen etwas mehr Engagement gewünscht. Andererseits hat man eben auch eine Eigenverantwortung für seine Gesundheit.

Wie geht es dir aktuell?

Meine Haut fühlt sich ganz gut an, aber im Moment habe ich eine Verspannung in der Rippenmuskulatur, die hartnäckig ist. Der Trigger dieses Mal: ein Umzug. Dieses Mal reagiert mein Körper offenbar über die Muskulatur nicht die Haut.

Draußen ist es bitterkalt und verschneit. Was braucht deine Haut gerade am meisten?

Besonders gut gehts der Haut und mir mit Wärme, einem warmen Bad und einer Wärmflasche abends im Bett.

Was findet deiner Meinung nach rund um Neurodermitis und chronisches Handekzem noch zu wenig Gehör?

Punkte, die noch häufiger in Verbindung mit chronischen Erkrankungen thematisiert werden könnten, sind meiner Meinung nach die Darmgesundheit und die „optimale Mikronährstoffversorgung“, genauso wie die psychische Gesundheit von Erkrankten. Aber Schritt für Schritt sind auch diese Themen gut im Kommen, nehme ich wahr.

Was ist deine wichtigste Botschaft an Betroffene, die gerade das Gefühl haben, die Haut bestimmt ihr ganzes Leben?

Denkt immer daran, dass die Haut sich stetig regeneriert. Haut, die völlig entzündet, dehydriert und trocken aussieht, wird sich wieder regenerieren, auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst, wenn es deiner Haut gerade nicht gut geht. Sie wird wieder heilen! Vertrau deinem Körper!

Hast du einen persönlichen Wunsch in Bezug auf deine Erkrankung oder deinen weiteren Weg?

Ich freue mich immer, wenn ich bei Menschen Impulse für die ganzheitliche Gesundheit setzen kann. Und ich höre gerne zu, so dass Betroffenen sich mal den Kummer von der Seele sprechen können.

Dein Schlusswort:

Die Neurodermitis kommt von innen, also muss sie auch von innen gehen. Rein äußerliche Therapien helfen nur kurzfristig! Wagt den Blick nach innen und versucht die Ursachen aufzuspüren.

Stand: April 2026

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