
Die Geschichte von Victor
Wann sind dir die ersten Beschwerden oder Veränderungen an deinem Körper aufgefallen und wie verlief dein Weg dann bis zur Diagnosestellung? Wie viele Ärzt*innen und Untersuchungen hast du durchlaufen, bis klar war, dass es Psoriasis Arthritis (PsA) ist?
Die ersten Beschwerden traten im März 2023 auf: brennende Füße, Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Zusätzlich kamen dann Schmerzen im rechten Knie und Fuß dazu. Zunächst hatte ich zwei Termine bei meiner Hausärztin, da mich die Schmerzen in der rechten Kniekehle verwundert hatten. Die Diagnose lautete: Baker-Zyste. Die Zyste ist nach circa einer Woche gerissen, was dazu geführt hat, dass mein rechtes Bein vom Knie abwärts doppelt so dick wurde wie mein linkes.
Danach ging es zu mehreren Orthopäden, vielen MRT-Terminen und letztendlich zu dem ersten Rheumatologen, der eine erste Diagnose in Richtung Rheuma und Psoriasis Arthritis stellte. Mit der Behandlung vor Ort und der Betreuung war ich jedoch nicht zufrieden und habe dann zu meiner jetzigen Rheumatologin gewechselt.
Kannst du dich an den Diagnosemoment erinnern? Was waren deine größten Sorgen oder Fragen als du deine Diagnose zum ersten Mal gehört hast?
Meine große Frage war: „Wieso ich?“ Über zehn Jahre hatte ich mich davor schon mit Bewegung, Ernährung und Biohacking auseinandergesetzt – und trotzdem habe ich diese Diagnose bekommen. Meine größte Sorge war, glaube ich, mein Leben lang von vielen Medikamenten abhängig sein zu müssen, mich körperlich nicht mehr herausfordern zu können und im Leben „eingeschränkt“ zu sein.
Wenn du eine Psoriasis Arthritis einem Kind erklären müsstest, wie würdest du es formulieren?
Dein Körper hat eine Mauer, das ist dein Immunsystem. Und wenn diese Mauer kaputtgeht und sie nicht schnell genug repariert wird, dann kann auch das Innere dieser Mauern kaputtgehen. Das Innere sind im Fall von Psoriasis-Arthritis Teile deiner Knochen. Und diese Teile deiner Knochen können dann nicht mehr repariert werden.
Wie hat sich die Krankheit bei dir ganz konkret gezeigt – eher Haut, Gelenke, Sehnen/Enthesen, Rücken, Erschöpfung? Und was war für dich am „typischsten“?
Über mehrere Jahre hatte ich bereits starke Schuppenflechte. Anfang 2023 ging es dann mit Schmerzen in den Füßen, der Wirbelsäule und im rechten Knie los. Zudem war meine Psyche stark belastet, da ich keine Erklärung hatte, wo es „plötzlich“ herkam. Zusätzlich hatte ich das Gefühl, nicht für meine Tochter und meine damalige Frau als Vater und Ehemann da sein zu können.
Du bist sehr sportlich, wie man auf deinem Instagram-Account @victor.brendel sieht. Welche Symptome bestimmten deinen Alltag bevor du dich entschieden hast, deine Gelenke, Sehnen, Faszien und Muskeln mit Übungen aktiv und geschmeidig zu halten?
Vor allem die Schmerzen im rechten Knie und im Fuß zu Beginn haben mich stark in meiner Bewegung eingeschränkt. Schon mein Leben lang war ich immer sehr sportlich – über Judo, Badminton, Fitness und Kiten. Bewegung war schon immer Teil meines Lebens. Zum ersten Mal so stark eingeschränkt zu sein, dass ich meine Tochter nicht mehr auf dem Arm tragen konnte, hat sehr an mir gezehrt.
Wie sieht heute ein klassischer PsA-Alltag bei dir aus? Welche Symptome nimmst du im Alltag am meisten wahr – und welche Strategien oder Routinen helfen dir, damit umzugehen?
Mein Tag startet wie folgt: Ich stehe auf, gehe ins Bad, manchmal dusche ich kalt, dann geht es in die Küche, wo ich ein großes Glas lauwarmes Wasser trinke. Danach meditiere ich fünf bis zehn Minuten und mache anschließend 20–30 Minuten meine Mobility-Routine.
Dank der frühen Diagnose und des schnellen Wechsels auf das Biologikum, das ich für gut zwölf Monate genommen habe, konnte ich schnell mit Krafttraining anfangen, um meinen Körper zu stärken.
Gab es Phasen, in denen sich deine Symptome deutlich verschlechtert haben?
Tatsächlich nicht. Mit der Einnahme des Biologikums wurde es stetig besser. Jetzt bin ich seit fast einem Jahr in Remission, nehme keine Medikamente mehr und habe keine Schmerzen im Körper.
Hast du körperliche Einschränkungen, die anderen auf den ersten Blick vielleicht gar nicht auffallen, dich aber stärker beeinflussen als dir lieb ist?
Meine Kopfhaut juckt manchmal stärker, wenn ich das Leben genieße und mehr Gluten und raffinierten Zucker esse. Wenn ich auf diese Lebensmittel komplett verzichte, habe ich aktuell keine Einschränkungen.
Nimmst du gerade Medikamente oder bist in Behandlung? Was für Therapien hast du schon hinter dir – und welche davon kannst du mehr empfehlen als andere? Was war bei dir der größte „Gamechanger“ und was hat gar nicht zu dir gepasst?
Aktuell nehme ich keine Medikamente und bin auch nicht wirklich in Behandlung. Ich gehe zu einer Psychotherapie, um auch auf dieser Ebene zu arbeiten. Unverarbeitete Emotionen können langfristig zu angestautem Stress führen und sind meiner Meinung nach auch der Auslöser bei mir gewesen – auch wenn das natürlich nicht eindeutig zu sagen ist.
Du bist Rheuma-Coach und arbeitest nach der Rooted Recovery Methode. Was bedeutet das in der Praxis – wie hilfst du Menschen konkret? Wer kommt typischerweise zu dir, und welche Schritte oder Trainingsbausteine nutzt du, damit sich im Alltag spürbar etwas verbessert?
Mein Coaching konzentriert sich darauf, Menschen zu helfen, wieder zurück zu ihren Wurzeln („rooted“) zu finden. Das „Gesundheitsleben“ besteht aus vier Wurzeln: Bewegung, Ernährung, Schlaf und mentale Belastbarkeit, also Resilienz.
Da jeder Rheumaverlauf und die Symptome unterschiedlich sind und die Ursachen meist unbekannt bleiben, ist meine Arbeit stark von sehr persönlichen und individuellen Geschichten geprägt.
Zu mir kommen Menschen, die schon seit Jahren mit Rheuma leben und einen komplett anderen Ansatz ausprobieren wollen, aber auch diejenigen, die erst seit ein oder zwei Jahren diagnostiziert sind und von den Medikamenten wegkommen möchten.
Mit meinen Kund:innen erstelle ich Routinen, die zu ihrem Alltag passen und aus Krafttraining, einer antientzündlichen Ernährung sowie Lifestyle-Aspekten wie Schlaf, Stresslevel und mentalem Befinden bestehen.
Apropos Sport: Welche alltagstauglichen Bewegungsroutinen empfiehlst du als Rheuma-Coach, die realistisch durchzuhalten sind und langfristig Linderung bringen – auch für Menschen, die keine Sportskanonen sind?
Ausgiebige Spaziergänge in der Natur, kombiniert mit 20–30 Minuten Mobility-Übungen zu Hause, sind sehr empfehlenswert. Im März 2024 bin ich 270 km spazieren gegangen und habe selbst erfahren, welchen Einfluss das Gehen in der Natur haben kann. Die Komplexität des Waldes hat sich unglaublich positiv auf meine Stimmung und Stresstoleranz ausgewirkt. Die morgendliche Mobility gibt mir jedes Mal ein tolles Körpergefühl für den Tag.
Gab es einen entscheidenden Auslöser oder Schlüsselmoment, der dich dazu gebracht hat, deinen Lebensstil – etwa bei Ernährung, Bewegung sowie Alkohol- oder Rauchgewohnheiten – zu verändern?
Die Diagnose Psoriasis-Arthritis und die Trennung von meiner Frau Mitte 2024 waren zwei entscheidende Punkte, mich selbst – körperlich und mental – in den Mittelpunkt zu stellen.
Wie wichtig sind für dich Selbsthilfegruppen, Psychotherapie und Unterstützungsangebote wie Hilfevereine oder Netzwerke, wie z.B. NIK e.V.?
Online-Foren wie die Rheuma-Liga waren für mich sehr hilfreich, um einen Eindruck vom möglichen Verlauf zu bekommen. Auch die Arbeit mit meiner Psychotherapeutin hat mir sehr geholfen, meine Gedanken und Gefühle in Bezug auf das Thema zu verarbeiten.
Spielt psychologische Unterstützung für dich eine Rolle? Wenn ja: Woran merkst du, dass sie dir hilft und was würdest du anderen raten, die noch zögern?
Es spielt für mich eine große Rolle! So eine Diagnose hat Auswirkungen auf den Körper und die Psyche. Mir hilft es ungemein, einen Raum und jemandem zu haben, dem ich mich komplett öffnen kann und mit dem ich all meine Sorgen, Ängste und Gedanken zu teilen. Mein Rat an jemanden anderen: Du bist nicht allein. Es braucht Zeit, sich zu öffnen und das ist okay! Jeder sollte verschiedene Dinge ausprobieren und schauen, was für einen selbst am besten funktioniert!
Gab es einen Moment, in dem dich die Krankheit emotional hat einknicken lassen? Was hat dir damals geholfen, da wieder rauszukommen?
Mein tiefster Punkt war, als ich nicht für meine Tochter da sein konnte und mich als Vater nicht „genug“ gefühlt habe. Zusätzlich wusste ich nicht, wie mein Weg mit der Medikation aussehen würde – das war extrem frustrierend!
Geholfen hat mir die Unterstützung meiner Familie, mein Optimismus, meine positive Einstellung zum Leben und das Wissen, dass es einen Grund geben muss für diese Diagnose und all die Strapazen, die ich durchlaufe.
Wie hat die Psoriasis Arthritis dein Leben beeinflusst? Gab es etwas, das du aktiv neu mit dir selbst, deinem Umfeld oder deinem Arbeitgeber „verhandeln“ musstest?
Schon vor der Diagnose hatte ich das Ziel, mich selbstständig zu machen. Jetzt mit der Diagnose habe ich einen noch größeren Grund. Menschen nicht nur allgemein mit ihrer Gesundheit zu helfen sondern mit meiner Story Menschen mit Rheuma oder einer Autoimmunerkrankungen zu helfen. Zu Beginn meiner Diagnose haben meine körperlichen Einschränkungen definitiv mein Familienleben erschwert, da die Betreuung meiner Tochter damals komplett von meiner Ex-Frau getragen werden musste.
Wie hat Rheuma deinen Blick auf Themen wie Gesundheit, Zeit und Prioritäten im Leben verändert?
Es hat meinen Blick im Bezug auf meinen Körper und wie ich mit ihm umgehe nochmal mehr gestärkt. Stress war vorher kein großes Thema für mich und ist jetzt mein wichtigstes Augenmerk, diesen zu regulieren. Meine größte Priorität ist Zeit für mich und meinen Körper zu haben und Zeit am mit den liebsten in der Natur zu verbringen.
Gibt es Sätze oder Reaktionen von Freunden, Ärzt:innen oder gar Fremden, die dich in Bezug auf dein Rheuma besonders verletzt oder genervt haben?
Einer der ersten Aussagen von einem Orthopäden war: „Das mit dem Laufen gehen und Marathon laufen, können sie jetzt vergessen.“ Dieser Pessimismus hat mich ganz schön getroffen in dem Moment. Ich dachte mir natürlich: „Er ist der Experte.“
Und trotz dieser Aussage habe ich mir ein strukturiertes Training aufgebaut und bin bereits einen Halbmarathon gelaufen und auf dem härtesten Fernwanderweg Europas gewandert, dem GR20 auf Korsika.
Hier hätte mir eine deutlich neutralere und konstruktivere Aussage vom Orthopäden mehr geholfen. Aber das kann auch anspornen. Denn selbst wenn dir jemand aufzeigt, welche Einschränkungen es gibt, kann das trotzdem Mut machen, was zu probieren.
Was fehlt dir seitdem du Rheuma hast am meisten und was hast du vielleicht Neues für dich entdeckt?
Es fehlt mir nichts. Ich bin sehr dankbar, diese Diagnose bekommen zu haben, da es für mich ein Weckruf war, mehr in mich hinein zu lauschen und auch meinem Stress und meinen Emotionen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Außerdem habe ich jetzt die Möglichkeit, mit meinen Erfahrungen hoffentlich vielen anderen Menschen helfen zu können.
Wie geht es dir heute?
Ich sage immer gerne, dass ich mein Leben in vollen Zügen mit allen Ups und Downs genieße.
Wie stellst du dir deine Zukunft mit Psoriasis Arthritis vor?
Kraftvoll!. Mein Ziel ist es, den Glaubenssatz in vielen Köpfen aufzulösen, dass eine Rheuma-Diagnose wie Psoriasis Arthritis etwas schlechtes sei und man sein Leben lang damit zu kämpfen hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass durch die richtigen Handlungen, die Autoimmunerkrankung so weit zu „heilen“ ist, dass man ein Leben führen kann, dass sich anfühlt als hätte man die Diagnose nicht bekommen.
Welchen Rat würdest du jemandem geben, der gerade frisch die Diagnose Rheuma bekommen hat? Gibt es etwas, das du selbst gerne früher über Psoriasis Arthritis gewusst hättest?
Nutze die Netzwerke wie NIK e.V. oder Rheuma Liga und informier dich, damit du den Rheumatolog*innen alle Fragen stellen kannst, die dich beschäftigen. Die Diagnose darf der Weckruf sein, zurück zu dir zu finden und dich um deine Gesundheit zu kümmern und dich neu kennenzulernen. Das Leben hört mit einer Diagnose nicht einfach auf.
Zum Schluss: Gibt es ein persönliches Fazit, ein Motto oder einen Satz, der dir Kraft gibt und den du mit anderen Betroffenen teilen möchtest?
Hör in dich hinein. Die Welt dort draußen ist laut – aber deine innere Stimme sollte am lautesten sein. Nimm wahr, wie du dich fühlst, erkenne deine Wünsche und tue, was dein Inneres dir sagt. Die richtige Medikation ist am Anfang essenziell, langfristig gibt es jedoch auch andere Wege. Du darfst unbeschwert leben!
Stand 2026
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