Acne inversa/Hidradenitits suppurativa

Wir haben Dr. med. Lena Schön, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie, einige Fragen zur Acne inversa oder auch Hidradenitis suppurativa gestellt.

Wie erkenne ich, dass ich Acne inversa habe und nicht nur eine entzündete Haarwurzel?

Die Hidradenitis suppurativa, oder auch Acne inversa, ist eine chronisch-entzündliche, multifaktorielle Erkrankung: Neben einer Fehlleitung des angeborenen Immunsystems spielen genetische, aber auch Lifestyle-Faktoren wie Übergewicht, Rauchen und bestimmte Ernährungsweisen eine essentielle Rolle in der Entwicklung der Krankheit.

Anders als bei einer gewöhnlichen Entzündung der Haarwurzel (auch Follikulitis genannt), treten bei der Acne inversa wiederkehrend mehrfache, tiefe, ausgedehnte und sehr schmerzhafte Knoten und Abszesse im Bereich der großen Körperfalten (Achseln, Leisten, Gesäß- oder Bauchfalte) auf. Je nach Erkrankungsschwere kann es auch zu Fistelungen und der Bildung von Narbensträngen kommen.

Wie erkenne ich einen Schub rechtzeitig und wie steuere ich gegen?

Bei der Acne inversa handelt es sich um eine chronisch entzündliche Hauterkrankung, die klassischerweise in Schüben verläuft. Sie ist charakterisiert durch schmerzhafte Knoten und Abszesse in den großen Körperfalten (Achseln, Leisten, Genital/Gesäßregion, Bauchfalten). Wenn Knoten verschmelzen, können sog. Fistelgänge unter der Haut entstehen, die dauerhaft nässen und Eiter abgeben sowie Narbenstränge, die zu Bewegungseinschränkungen führen können. Seien Sie also besonders in den Sommermonaten aufmerksam, ob es zu zunehmenden Entzündungen mit schmerzhaften Knoten und Schwellungen unter der Haut an o.g. Körperarealen kommt.

Greifen Sie auf o.g. Maßnahmen zurück, verwenden Sie antiseptische Reinigungslotionen (z.B. Octenisan Waschlotion®) und legen Sie ggf. Leinenläppchen an betroffenen Arealen ein, um Reibung zu vermeiden und Feuchtigkeit aufzufangen. Kontaktieren Sie rechtzeitig Ihren behandelnden Arzt/Ärztin, damit diese/r Ihnen ggf. antibiotische, antientzündliche oder antiseptische Cremes verschreiben kann. Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, so können in der Akutphase auch Antibiotika von Innen zur Anwendung kommen.

Versuchen Sie auch, durch allgemeine Lifestyle-Faktoren die Erkrankung positiv zu beeinflussen: Verzichten Sie möglichst vollständig auf Rauchen, versuchen Sie, sich ausgewogen zu ernähren und mögliches Übergewicht zu reduzieren.

Schmerztherapie bei HS/AI?

An erster Stelle sollte eine effektive Behandlung der Entzündung erfolgen, die für die Schmerzen verantwortlich ist. Hierzu zählen neben einer antiseptischen, antibiotischen oder antientzündlichen Lokaltherapie sowie einer operativen Therapie auch systemische Antibiotika sowie langfristig vor allem zielgerichtete Therapien (sog. Biologika). Derzeit befinden sich neben den bisher zugelassenen Biologika noch viele weitere vielversprechende Präparate in der „Pipeline“.

Auch Schmerzmittel in verschiedenen Wirkstärken können bei akuten Schmerzen zum Einsatz kommen. Bei akuten Abszessen kann die operative Entlastung sinnvoll sein und eine schnelle Linderung der Schmerzen bewirken.

Im Hinblick auf chronische Schmerzen ist neben den o.g. Maßnahmen auch die Berücksichtigung der Psyche von besonderem Stellenwert. Stress, Belastungen, Ängste oder Depressionen können die Schmerzwahrnehmung verstärken. Andersherum können auch Schmerzen die Psyche belasten, Stress verstärken und zu Depressionen führen – ein klassischer Teufelskreis. Hier können gezielte Entspannungstechniken (z.B. Muskelrelaxation nach Jacobsen) oder aber eine psychotherapeutische Behandlung weiterhelfen. Sollte eine Depression vorliegen, ist es im Rahmen der Schmerztherapie wichtig, auch diese zu behandeln.

Wie geht man mit Acne inversa im Sommer um? Was kann man tun, um weitere Entzündungen zu vermeiden?

So sehr wir den Sommer nach all den kalten Monaten herbeisehnen – die Sommermonate bringen häufig warme Temperaturen mit sich und führen dazu, dass uns schnell mal der Schweiß ausbricht. Leider können Hitze und vermehrtes Schwitzen bei Menschen, die an einer HS leiden, die Symptome verschlechtern und zu einer vermehrten Bildung von Entzündungen und Abszessen führen. Die durch das Schwitzen entstehende Feuchtigkeit stellt ein optimales Reservoir für die Vermehrung von Bakterien dar, die die entzündlichen Prozesse weiter anheizen. Es gibt jedoch einige wirksame Maßnahmen, die Sie ergreifen können, um einer Verschlechterung vorzubeugen:

Legen Sie an betroffenen Arealen ggf. Leinenläppchen oder Einmalkompressen ein, die die Feuchtigkeit auffangen und mehrfach täglich gewechselt werden können.

Tragen Sie lockere, luftige Kleidung aus natürlichen Materialen (Baumwolle oder Leinen) und verzichten Sie, wenn möglich, auf synthetische Stoffe. Vermeiden Sie enge Kleidung, um Reibung vorzubeugen und wechseln Sie durchgeschwitzte Kleidung zeitnah.

Achten Sie auf eine gute Hautpflege: Reinigen Sie Ihre Haut täglich, um sie von Schweiß und überschüssigem Talg zu befreien. Verwenden Sie hierzu am besten milde, pH-neutrale Reinigungslotionen, die die Haut nicht reizen. In akuten Phasen können Sie auch antiseptische Waschlotionen verwenden. Cremen Sie Ihre Haut nur mit leichten Pflegecremes oder -gelen ein, verzichten Sie auf fettige Salben.

Leider triggern Nassrasuren die Entstehung von Entzündungen, sodass wir empfehlen, sich eher auf eine Trockenrasur bzw. optimalerweise auf ein Trimmen der Haare zu beschränken.

Legen Sie an betroffenen Arealen ggf. Leinenläppchen oder Einmalkompressen ein, die die Feuchtigkeit auffangen und mehrfach täglich gewechselt werden können.


Warum Impfungen so wichtig sind

Warum Impfungen so wichtig sind

Kaum ein Gesundheitsthema wird kontroverser diskutiert als „Impfungen“.
Fakt ist: Impfungen schützen und werden bei bestimmten Vorerkrankungen auch empfohlen.

Gerade bei einer Autoimmunerkrankung fragt man sich aber: darf ich mich impfen und wird mein Immunsystem dadurch nicht noch mehr belastet? Dr. Peer M. Aries vom Immonologikum in Hamburg gibt uns einen Überblick, welche Impfungen Standard sind, welche Auffrischungen wann erfolgen sollten und was man als Autoimmunpatient impfen darf und warum.

Warum ist Impfen wichtig?

Impfen ist der beste Schutz vor Infektionen. Gerade unsere Patienten, sowohl wegen der Erkrankungen an sich als auch durch unsere immununterdrückende Therapien sind ganz besonders gefährdet Infektionen zu bekommen. Nicht nur, dass der Verlauf länger sondern insbesondere auch schwerer sein kann, stellt dabei die besondere Herausforderung dar. Eine der wichtigsten Faktoren ist natürlich, das Kortison zu niedrig wie möglich zu behalten, um Infektionen zu vermeiden. Auch bei der Auswahl der immununterdrückenden Therapie, ist die Gefahr der Infektion zu berücksichtigen. Aber trotz dieser Punkte, die die Ärzte bei der Auswahl der Medikamente berücksichtigen, sind unsere Patient leider ganz besonders gefährdet schwer wiegende Infektion zu bekommen. Des Risiko ist häufig 1-3 mal so hoch wie bei Menschen ohne eine entsprechende Therapie. Eine nachweislich effektive Maßnahme ist die Impfung.

Welche Impfungen sollte ich als Autoimmunpatient durchführen und welche nicht?

Als wichtigste Regel ist zu beachten, dass alles geimpft werden kann, was mittels Todimpfstoff geimpft wird. Lebendimpfungen sind dagegen zumeist kontraindiziert. Lebendimpfungen bedeutet, dass sich die Infektion durch die Impfung tatsächlichem Körper verbreiten könnte, insbesondere dann, wenn man ein eingeschränktes Immunsystem hat. Im Gegensatz dazu kann der Todimpfstoff keine Infektion hervorrufen, da sich dabei nicht um einen lebenden Impfstoff handelt. Es werden also zumeist nur Teile von z.B. Bakterien geimpft, auf die das Immunsystem dann wie in einem Trainingslager reagieren soll. Zu den Tod Impfstoff gehören z.B. Tetanus Diphtherie Pertussis sowie z.B. die Impfungen wie Grippe, Pneumokokken sowie auch die neue Herpes Zoster Impfung (Shingrix).

Warum dürfen gewisse Impfungen nicht durchgeführt werden?

Wie oben bereits genannt, besteht die Sorge bei stärkeren immununterdrückenden Therapien Lebendimpfungen zu verwenden. Insbesondere bei Hochdosiskortisontherapien, Therapeutika wie Methotrexat, Azathioprin oder den Biologika sollten Lebendimpfungen generell vermieden werden. Dagegen kann bei weniger intensiven Therapien wie z.B. geringen Kortisondosen, Hydroxychloroquin oder Mesasalazin nach individueller Nutzen Risikoabwägung und in stabilen Krankheitsphasen Lebendimpfungen wie z.B. Masern Mumps Röteln erwogen werden. Es ist jedoch immer der betreuende Arzt diesbezüglich anzusprechen.

Ich habe mein Impfheft nicht mehr. Wie kann ich in Erfahrung bringen, welche Impfungen ich erhalten habe?

In der Regel sollten alle Impfungen in dem Impfheft eingetragen sein. Ebenso sollte die Praxis, die geimpft hat, ein Vermerk in der Akte haben. Als Regel gilt, Impfungen die nicht eingetragen sind oder anhand von Akteneinträgen nicht nachvollzogen werden können, gelten als nicht erfolgt. Haben sie also ihr Impfheft verloren und können bei den vorherigen Ärzten nicht in Erfahrung bringen, wann sie was geimpft bekommen haben, würde man sie erneut entsprechend der aktuellen Richtlinien impfen.

Werden die Impfungen von der Krankenkasse übernommen, wenn ja, welche?

Alle Impfungen, die von der ständigen Impfkommission (STIKO) der Allgemeinbevölkerung empfohlen werden, werden auch von der Krankenkasse übernommen. Die Arbeitgeber oder Berufsgenossenschaften übernehmen zum Teil Impfung, die im Rahmen der beruflichen Tätigkeit notwendig sind. Nur Impfungen, die aufgrund von privaten Reisen notwendig sind, übernimmt die Krankenkasse nicht.

Wann sollte ich was Auffrischen lassen?

Das kann man nicht so pauschal sagen, da es für jede Impfung entsprechend des Impfenplanes ein unterschiedliches Datum für die Auffrischung gibt. Einige Impfungen müssen heutzutage auch nur einmalig im Leben geimpft werden, z.B. Gelbfieber. Ich empfehle also, bei einem der nächsten Arztbesuche den Impfausweis einzupacken und dem betreuenden Ärzten vorzulegen mit der Bitte, einmal nachzuschauen, welche der Impfung wann wieder aufgefrischt werden müssten. Häufig schreiben die Hausärzte mit Bleistift das Datum der zukünftigen Auffrischimpfung bereits in den Pass hinein, sodass der Patient auch selber erkennen kann, wann die nächste Impfung notwendig ist.Dr. Peer M. Aries ist Facharzt für Innere Medizin / Rheumatologie und betreibt in Hamburg eine Gemeinschaftspraxis für Rheumatologie und klinische Immunologie. Wesentlicher Bestandteil ist die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Abteilungen für Lungen, Nieren und Bluterkrankungen sowie der Radiologie. Schwerpunkte sind Innere Medizin, Rheumatologie, Klinische Immunologie sowie Rheuma und Schwangerschaft.

Patienteninformation über Impfungen

Patienten mit entzündlich rheumatischen Systemerkrankung haben ein erhöhtes Risiko für Infektionen im Vergleich zu gesunden Personen. Dieses ist einerseits durch die Erkrankung selbst, anderseits jedoch auch durch die notwendigen Medikamente verursacht. Daneben ist eine Infektion nicht selten Auslöser einer erhöhten Krankheitsaktivität der entzündlich rheumatischen Systemerkrankungen. Aus diesen Gründen ist eine optimale Vorbeugung von Infektionen insbesondere durch Impfungen zu wichtig. Die nachfolgenden Empfehlungen sind die Impfempfehlungen der STIKO (Ständige Impfkommission). Diese entwickelt Impfempfehlungen für Deutschland und berücksichtigt dabei nicht nur deren Nutzen für das geimpfte Individuum, sondern auch für die gesamte Bevölkerung. STIKO-Empfehlungen gelten als medizinischer Standard. Die nationalen und internationalen rheumatologischen Fachgesellschaften empfehlen Impfungen nach Empfehlungen der nationalen Impfkommissionen (im Fall von Deutschland der STIKO):Impfempfehlung: Bei Patienten mit erworbener Immundefizienz (z.B. durch eine medikamentöse Immunsuppression) wird eine Überprüfung und Auffrischung der Grundimmunisierung empfohlen. Neben den unten dargestellten Standard-Impfungen die jeder Mensch erhalten sollte, werden aufgrund der notwenigen Medikamente bei entzündlich rheumatischen Systemerkrankungen weitere Impfungen empfohlen. Eine Impfung sollte im Regelfall die Einleitung einer notwendigen immunsuppressiven Therapie nicht verzögern. Lebendimpfstoffe (Mumps, Masern, Röteln, Gelbfieber und Windpocken/Gürtelrose (Varizella zoster)) sind unter immunosuppressiver Therapie (außer Hydroxychloroquin und Sulfasalazin) verboten. Bei den unten dargestellten Impfungen handelt es sich ausschließlich um Tod-Impfstoffe, das heißt eine Vermehrung der Erreger nach der Impfung ist nicht möglich. Die Empfehlungen sind bereits durch den Gemeinsamen Bundesausschuss umgesetzt und müssen somit von den Krankenkassen getragen werden. Es ist insbesondere auf die Notwendigkeit der Überprüfung von Standardimpfungen hinzuweisen: Tetanusimpfung (alle 10 Jahre) sowie einmalige Auffrischungsimpfung gegen Diphterie (echter Krupp) und Pertussis (Keuchhusten).Darüber hinaus sind aufgrund der Immunsuppression weitere Impfungen empfohlen:

Weiteres: Die Impfung von Kontaktpersonen (z.B. Familienmitglieder) in der Umgebung immunsupprimierter Patienten stellt eine wichtige Möglichkeit der Infektprophylaxe insbesondere bei Patienten dar, bei denen der Impferfolg mangelhaft oder schwer vorhersehbar ist und/oder bei denen bestimmte (Lebend-) Impfungen kontraindiziert sind. Die Umgebungsprophylaxe mit Lebendimpfstoffen für  Masern, Mumps, Röteln (keine Übertragungen berichtet) und Varizellen (selten Übertragung mit mildem Verlauf unter virostatischer Therapie) ist für unsere Patienten ungefährlich.

Schwangerschaft bei Morbus Bechterew

Schwangerschaft bei axialer Spondylarthritis (axSpA ) oder auch Morbus Bechterew

Eine Schwangerschaft kann bei Frauen mit axSpA (ehemals M. Bechterew) besondere Herausforderungen mit sich bringen.

Schwangerschaftsverlauf und axSpA
Der Verlauf einer Schwangerschaft bei Frauen mit axSpA kann unterschiedlich sein. Einige Frauen erleben während der Schwangerschaft eine Verbesserung ihrer Symptome, während andere keine Veränderung oder sogar eine Verschlechterung feststellen. Es ist wichtig, eng mit Ihrem behandelnden Arzt und Ihrem Geburtshelfer zusammenzuarbeiten, um eine angemessene Betreuung während der Schwangerschaft sicherzustellen.

Medikamentöse Therapie
Die Entscheidung über die Fortführung oder Anpassung Ihrer Medikamente während der Schwangerschaft und Stillzeit sollte sorgfältig abgewogen und mit den Ärzten besprochen werden. Einige Medikamente, wie z.B. Biologika können möglicherweise während der Schwangerschaft eingenommen werden, während andere möglicherweise angepasst oder abgesetzt werden müssen. Die Ärzte werden Sie dabei unterstützen, die beste Entscheidung für Ihre individuelle Situation zu treffen.

Geburt

Die meisten Frauen mit axSpA können eine normale vaginale Geburt erleben. Allerdings kann es in einigen Fällen, insbesondere bei ausgeprägter Versteifung der Wirbelsäule oder Beckengelenke, zu Herausforderungen bei der Geburt kommen. Besprechen Sie frühzeitig mit Ihrem Geburtshelfer, welche Geburtspositionen und Schmerzmanagementoptionen für Sie am besten geeignet sind.

Nachsorge
Nach der Geburt kann es einige Zeit dauern, bis sich Ihr Körper erholt und Ihre axSpA-Symptome sich stabilisieren. Physiotherapie und sanfte Bewegung können dazu beitragen, die Beweglichkeit und Muskelkraft wiederherzustellen.

Zusammenfassend ist es wichtig, dass Frauen mit axSpA während der Schwangerschaft eng mit ihren Ärzten und Geburtshelfern zusammenarbeiten, um eine optimale Betreuung sicherzustellen. Jede Frau und jede Schwangerschaft ist einzigartig, und die beste Vorgehensweise hängt von Ihrer individuellen Situation und den spezifischen Herausforderungen ab, die sich ergeben. Offene Kommunikation und proaktive Planung können dazu beitragen, eine erfolgreiche Schwangerschaft und Geburt zu gewährleisten.



Interview mit Dr. med. Erik Disteldorf – Facharzt für Nephrologie und Innere Medizin

Wenn das Immunsystem körpereigene Zellen angreift, kann dies oft auch zu Nierenschäden führen. Diese Schäden entstehen entweder durch Autoantikörper, die gegen Nieren-spezifische Proteine gerichtet sind, oder durch lokale Reaktionen bei systemischen Autoimmunerkrankungen. Dr. Erik Disteldorf, Nephrologe aus Hamburg, stellt sich als Netzwerkpartner vor und beantwortet unsere Fragen in einem Interview:

Können Sie uns einen Überblick über Autoimmunerkrankungen geben, die sich auf die Nieren auswirken können?

An den Nieren können sich sehr viele und ganz unterschiedliche Autoimmunerkrankungen zeigen.

Es gibt die bekannten „systemischen“ Autoimmunerkrankungen (wie z.B. systemischer Lupus erythematodes (SLE) und granulomatöse oder mikroskopische Polyangiitis (GPA oder MPA)), die eine Nierenbeteiligung verursachen können.
Es gibt aber auch Autoimmunerkrankungen, die sich häufig „isoliert“ an der Niere zeigen, wie z.B. die IgA-Nephritis, wenn also andere Organe nicht oder sehr selten beteiligt sind.
Die genannten Erkrankungen verursachen eine Entzündung in einem bestimmten Bereich der Nieren, den so genannten Glomeruli (Nierenkörperchen). Das sind über die Nierenrinde verteilte, zahllose, gewundenen Gefäßknäule. Hier ist der „Nierenfilter“ lokalisiert, das heißt die Struktur, wo aus der Blutgefäßkapillare das Ultrafiltrat (der spätere Urin) in die Nierenkanälchen und Sammelrohre übertritt. Schädigungen in diesem Bereich führen zu Vernarbungen und Funktionsverlust.

Eine Sonderform stellen die sogenannten nephrotischen Syndrome dar. Diese sind charakterisiert durch einen starken Verlust von Eiweiß über den Urin (über 3g pro Tag). Bei diesen Erkrankungen ist eine ganz bestimmte Region im Bereich des Nierenfilters gestört (Podozyt) und machen diesen „durchlässig“. Auch hier ist die Ursache häufig eine Autoimmunerkrankung. Diese heißen membranöse Glomerlonephritis oder Minimal Change Disease und zeigen sich auch fast nur an den Nieren und können auch sekundär durch Tumore ausgelöst oder in Kombination mit anderen Autoimmunerkrankungen bzw. Infektionen auftreten.

Autoimmunerkrankungen können (etwas seltener) aber auch andere Strukturen der Nieren, z.B. das „Tubulointerstitium“, betreffen. Das ist der Bereich durch den die Nierenkanälchen verlaufen und den primären Harn bis in das Nierenbecken transportieren. Dort finden wichtige Resorptionsvorgänge (z.B. die Konzentrierung des Urins) statt. Klassische Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Kollagenosen (z.B. das Sjögren Syndrom), können diesen Bereich entzünden. Das sind die sogenannten tubulointerstitiellen Nephritiden.

Wie häufig sind Autoimmunerkrankungen, die die Nieren betreffen, in Ihrer klinischen Praxis?

Ein Teil unserer Patienten, die entweder zur Diagnostik oder Langzeitbehandlung aufgrund einer chronischen Nierenerkrankung kommen, haben Autoimmunerkrankungen. Vom Bauchgefühl würde ich sagen es könnten ca. 20% sein. Der weitaus größte Anteil an Auslösern für Nierenkrankheiten fällt auf die „Volkskrankheiten“ Bluthochdruck und Diabetes mellitus. Diese sind also nicht „autoimmun“ verursacht. Bei einigen Patienten, die erst im Spätstadium der Nierenkrankheit zur Diagnostik kommen, weiß man häufig gar nicht was die Ursache war. Ein nicht ganz geringer Teil der Patienten hat auch Autoimmunerkrankungen, bei denen nicht die Krankheit, sondern die Begleitkomplikationen der Erkrankung oder Nebenwirkung der Therapie (v.a. bestimmte Schmerzmittel) die Nieren schädigen.

Welche spezifischen Autoimmunerkrankungen sehen Sie am häufigsten und welche Symptome treten typischerweise auf?

Tückisch bei Nierenkrankheiten ist, dass sie v.a. zu Beginn fast symptomlos verlaufen. Blut oder Eiweißbeimengungen im Urin können oft den entscheidenden Hinweis liefern. Dies ist leider oft mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen, man benötigt hierzu einen „Streifentest“ des Urins. Subjektiv bemerkbare „Alarmsymptome“, die an die Nieren denken lassen sind:
Bluthochdruck, Wassereinlagerungen (Ödeme der Knöchel oder Augenlider) und eine Makrohämaturie (also sichtbares Blut im Urin). Der Hausarzt kann dann durch Blut und Urinuntersuchung die Verdachtsdiagnose einer Nierenkrankheit stellen und überweisen.

Bei den rheumatischen Systemerkrankungen sollte immer auch auf Nierenbeteiligung „gescreent“ werden (also nach den typischen Veränderungen m Blut und Urin).

Wie wichtig ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Autoimmunerkrankungen, um Nierenschäden zu vermeiden?

Enorm wichtig!
Je früher man die Ursache der Nierenerkrankung erkennt, desto schneller kann man z.B. den Entzündungsprozess in der Niere kontrollieren.
Wenn bereits viele Niereneinheiten durch eine Entzündung vernarbt sind, kann sich die Funktion der Nieren auch trotz Remission der Autoimmunerkrankung verschlechtern. Dies nennt man Progression der chronischen Nierenkrankheit.

Welche speziellen Komorbiditäten treten häufig bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen der Niere auf?

Die typischen Komorbiditäten, sind die Komplikationen, die mit dem Verlust von Nierenfunktion einhergehen.
Relativ früh und häufig tritt Bluthochdruck auf. Da die Nieren aber im Körper sehr viele Vorgänge beeinflussen, können im späteren Stadium einige Probleme auftreten. Zu erwähnen sind Störungen des Knochenstoffwechsels (Regulation von Calcium, Phosphat und Vitamin D), Störungen der Blutbildung (EPO wird von den Nieren produziert), Störungen des Salz- und Wasserhaushaltes (Wassereinlagerungen) und viel später mangelnde Entgiftung.

Welche diagnostischen Verfahren und Labortests werden eingesetzt, um Autoimmunerkrankungen der Niere und damit verbundene Komorbiditäten zu identifizieren?

Die nephrologische Basisuntersuchung umfasst eine Untersuchung des Blutes mit Bestimmung der Nierenwerte (z. B. Kreatinin), aber auch von Blutwerten, die mit der Niere assoziiert sind (Blutsalze, bestimmte Hormone …) und Stoffwechselparameter. Eine gründliche Untersuchung des Urins (Streifentest, Eiweiß Bestimmung) inklusive einer mikroskopischen Untersuchung in der Praxis (Urinsediment) und einer Ultraschall-Untersuchung der Nieren (Sonografie). Bei Verdacht können im Labor Autoantikörper bestimmt werden.
Der Goldstandard der Diagnosesicherung bei Autoimmunerkrankungen ist die Nierenbiopsie. Bei dieser wird in einem kleinen Eingriff eine winzige Probe aus einer der Nieren (mit einer Stanze) entnommen und einem Pathologen übergeben. Dieser kann diese mikroskopisch beurteilen und die exakte Diagnose stellen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung, um die Nierenfunktion bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen zu erhalten oder zu verbessern?

Die Behandlung richtet sich nach der Diagnose der Autoimmunerkrankung. Nicht jede Autoimmunerkrankung wird gleich behandelt. Die Behandlungsprotokolle der einzelnen Autoimmunerkrankungen bieten mittlerweile ein breites Spektrum an Medikamenten. Biologika, wie z. B. Rituximab, spielen eine immer größere Rolle. Aber auch die klassischen immunsuppressiven Substanzen wie Cortison (Prednisolon) und Cyclophosphamid kommen häufig zum Einsatz.

Inwiefern ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fachgebieten wichtig, um eine umfassende Betreuung für Patienten mit Autoimmunerkrankungen und Nierenkomorbiditäten zu gewährleisten?

Gerade bei den Autoimmunerkrankungen, die sich systemisch manifestieren, bei denen neben der Niere auch andere Organe wie z. B. Lunge, Gelenke und Haut betroffen sind, erfordern eine engmaschige interdisziplinäre Kooperation und Absprache. Mit fortschreitender Nierenfunktionseinschränkung müssen auch bestimmte Medikamente an die Nierenleistung angepasst werden oder können unter Umständen gar nicht mehr gegeben werden. Auch bei bestimmten diagnostischen Schritten, bei denen z. B. Röntgenkontrastmittel benötigt wird, muss die aktuelle Nierenleistung beachtet werden.

Wie machen Sie Ihren Patienten Mut?

Die meisten Patienten sind zum Teil sehr beunruhigt, wenn sie erfahren, dass sie eine Nierenerkrankung haben. Nicht selten besteht die Vorstellung, dass man dann bald an die Dialyse muss und sich das Leben nun radikal ändern wird.
Erfreulicherweise kann man aber gerade Autoimmunerkrankungen heutzutage häufig so behandeln, dass die Erkrankung zum Stillstand kommen kann. Entdeckt man die Erkrankung früh und beginnt eine wirksame Therapie, muss es noch nicht mal zu einem höhergradigen Nierenfunktionsverlust kommen. Auch eine chronische Nierenerkrankung kann man heutzutage durch neue Therapiekonzepte und einen disziplinierten Lebenswandel so günstig beeinflussen, dass es gar nicht zum terminalen Nierenversagen und somit zur Dialyse kommen muss. Wenn dies den Patienten ordentlich erklärt wird und sie für die Therapie und den gesunden Lebensstil motiviert, hat man häufig schon viel erreicht.






5 Tipps von Julia Bierenfeld, um mehr Wasser zu trinken

Unser Körper besteht zu etwa 70% aus Wasser. Es ist erstaunlich, wie wichtig Wasser für uns ist. Es fließt durch unsere Zellen und Körperflüssigkeiten, agiert als Transportmittel und reguliert sogar unsere Körpertemperatur. Oh, und nicht zu vergessen, es hilft dabei, Giftstoffe auszuspülen und ermöglicht die Aufnahme wichtiger Vitamine. Da ist es wichtig, dass wir den Körper mit ausreichend Flüssigkeit versorgen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, dass wir mindestens 1,5 Liter Wasser pro Tag trinken sollten. Das entspricht ungefähr sechs Gläsern. Die restliche Flüssigkeit bekommen wir über unsere Nahrung. Manchmal kann es eine Herausforderung sein, genug Wasser über den Tag verteilt zu trinken. Besonders wenn die Temperaturen steigen, ist es umso wichtiger, dass du gut auf dich achtest.

Hier sind fünf super Tipps, wie du es schaffen kannst, mehr Wasser zu trinken und auf ungefähr 1,5 Liter pro Tag zu kommen:

  1. Starte den Tag mit einem Glas Wasser: morgens startet ein neuer Tag und dein Körper kann nach der Nacht sicherlich etwas Auffrischung gebrauchen. Ein Glas zimmerwarmes Wasser nach dem Aufwachen kann Wunder wirken. Es hilft nicht nur deinen Stoffwechsel auf Trab zu bringen, sondern gleicht auch den Flüssigkeitsverlust aus, den dein Körper über Nacht erlebt hat. Da wird der Start in den Tag doch gleich viel erfrischender, oder?
  2. Halte Wasser immer griffbereit: Stell dir immer ein Glas Wasser in deine Nähe. Das erinnert dich nicht nur daran, regelmäßig zu trinken, sondern es macht es auch super einfach für dich. Und wenn dein Glas mal leer ist, fülle es einfach direkt wieder auf. Auf diese Weise vergisst du nicht, deinen Flüssigkeitspegel hochzuhalten. Und wenn du unterwegs bist, solltest du immer eine Wasserflasche dabeihaben – das ist wie dein persönlicher Durstlöscher.
  3. Verleihe deinem Wasser Geschmack: Besonders im Sommer kann es echt erfrischend sein, wenn du deinem Wasser ein bisschen Geschmack verleihst. Wie wäre es mit einer großen Karaffe mit frischen Himbeeren, spritziger Zitrone, duftender Minze oder erfrischender Gurke? Das gibt deinem „normalen“ Wasser einen aufregenden Twist und macht das Trinken zu einem echten Genuss.
  4. Nicht zu eiskalt trinken: Klar, wenn es heiß ist, sehnen wir uns nach einem eiskalten Schluck. Aber hier ist eine kleine Warnung: Zu kalte Getränke können deinen Kreislauf belasten. Unser Körper muss nämlich jede Menge Energie aufbringen, um die Temperaturunterschiede auszugleichen und das Getränk auf Körpertemperatur zu bringen. Also, wie wäre es stattdessen mit Wasser, das etwa Zimmertemperatur hat? Dein Körper wird es dir danken.
  5. Iss dein Wasser: Wusstest du, dass es Lebensmittel gibt, die richtig viel Wasser enthalten? Stell dir vor, du könntest sogar 200 ml Wasser pro Tag aufnehmen, indem du bestimmte Lebensmittel isst. Zum Beispiel Gurken, Tomaten, saftige Erdbeeren, erfrischende Grapefruits, saftige Wassermelone, knackige Zucchini, gesunder Spinat, zarter Blumenkohl und leckere Ananas. Klingt doch gut, oder?

Also, los geht’s! Mit diesen fünf Tipps schaffst du es bestimmt spielend, mehr Wasser in deinen Tag einzubauen und deinen Körper glücklich und hydratisiert zu halten.

Weitere Blogbeiträge und Veranstaltungen von Julia Bierenfeld :

Beyond Inflammation Retreat

Ratgeber: Antientzündliche Ernährung leicht gemacht

Mut Mach Geschichte von Julia Bierenfeld

 Fermentieren ist…




Das Mikrobiom und Autoimmunerkrankungen

Das „Mikrobiom“ ist in aller Munde und scheint fast wie ein neuer Modebegriff in der Medizin. Aber was hat es damit eigentlich auf sich und was ist es eigentlich und welche Zusammenhänge gibt es mit Autoimmunerkrankungen? Wir haben unseren Rheumatologen Dr. Peer M. Aries gefragt:

Das menschliche Mikrobiom besteht aus einer Vielzahl von Mikroorganismen, darunter Bakterien, Viren und Pilze, die in und auf unserem Körper leben. In den letzten Jahren haben Forschungen gezeigt, dass das Mikrobiom eine wichtige Rolle bei der Regulation des Immunsystems spielt und 

dass Veränderungen im Mikrobiom mit der Entstehung von Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht werden. Autoimmunerkrankungen sind Krankheiten, bei denen das Immunsystem des Körpers fälschlicherweise gesunde Gewebe und Zellen angreift. Dies führt zu Entzündungen und 

Schäden an verschiedenen Organen und Geweben im Körper. Man geht davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen dem veränderten Mikrobiom mit der zunehmenden Anzahl an Patienten mit Autoimmunerkrankungen gibt. 

  1. Eine Studie aus dem Jahr 2013 zeigte, dass Patienten mit rheumatoider Arthritis ein verändertes Mikrobiom im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen aufweisen.
  2. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2014, untersuchte die Beziehung zwischen dem Mikrobiom und der Entstehung von Lupus erythematodes. Die Forscher fanden heraus, dass eine veränderte Darmflora bei Mäusen die Entwicklung von Lupus fördern kann.
  3. Eine Studie aus dem Jahr 2018 untersuchte die Beziehung zwischen dem Mikrobiom und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Die Forscher fanden heraus, dass eine veränderte Darmflora das Risiko für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa erhöhen kann.
  4. Eine Studie aus dem Jahr 2019 untersuchte die Beziehung zwischen dem Mikrobiom und Multiple Sklerose. Die Forscher fanden heraus, dass eine veränderte Darmflora bei Mäusen die Entwicklung von MS fördern kann.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Zusammenhänge zwischen dem Mikrobiom und Autoimmunerkrankungen komplex und noch nicht vollständig verstanden sind. 



Rheuma & Schwangerschaft – geht das?

Schwanger und Rheuma – für viele Paare mit Kinderwunsch ist dieses Thema mit vielen Unsicherheiten verbunden. Welche Komplikationen sind zu befürchten und welche Medikamente können weiterhin genommen werden um dem Ungeborenen nicht zu schaden?

Die gute Nachricht: Es hat sich die letzten Jahre in der Forschung und Behandlung einiges getan. Somit müssen Rheumapatienten nicht unbedingt die Familienplanung ad acta legen. Dr. Peer M. Aries von der Rheumatologie im Struenseehaus in Hamburg räumt mit den gängigen Vorurteilen auf und gibt hilfreiche Einblicke in das Thema Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt.

Teil 1: Kinderwunsch

Viele Patientinnen sind sich unsicher, ob Kinderwunsch und Rheuma zusammenpassen. Wie stehen Sie dazu?

Die Zeit, in der wir unseren Rheumapatienten empfohlen haben, nicht über eine Familienplanung nachzudenken, ist zum Glück vorbei. Seit nunmehr längerer Zeit haben die Rheumatologen Erfahrung mit der Interaktion von Schwangerschaften und Rheuma als auch mit den Rheumatherapien gemacht. Wir können heutzutage unseren Patienten sagen, die Umsetzung eines Familienwunsches ist heutzutage konkret möglich. Sicherlich bedarf es einiger Vorüberlegungen und eventuell auch einiger Untersuchungen im Vorfeld, jedoch gibt es nur sehr wenige Situationen, in denen wir heutzutage Patienten konkret von einer Schwangerschaft abraten.

Ist es schwieriger mit Rheuma Schwanger zu werden?

Grundsätzlich ist zu sagen, dass eine anhaltende Entzündung im Körper des Patienten als auch der Patientin zu einer verminderten Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Schwangerschaft führt. Die Spermienqualität als auch die Wahrscheinlichkeit der Einnistung der Einzelzelle ist von der Biologie her offensichtlich vermindert, solange eine anhaltende Entzündung im Körper besteht.

Gibt es Spezialisierte Rheumatologische Praxen, die auf Kinderwunsch spezialisiert sind und wenn ja, wie werden die Patientinnen dort betreut?

Das Thema Rheuma und Schwangerschaft spielt heutzutage in jeder rheumatologischen Praxis einer Rolle. Manchmal ist es nur die fehlende Kommunikation, weshalb Patienten wenig über die Möglichkeit einer Schwangerschaft erfahren. Mein Rat ist, den betreuenden Rheumatologen konkret auf den Wunsch der Familienplanung anzusprechen. Sicherlich gibt es Praxen die sich mehr oder weniger mit dem Thema beschäftigen, eine grundlegende Information sollte es jedoch in jeder rheumatologischer Praxis geben. Hochspezialisierte Praxen, die sich ausschließlich mit dem Thema Rheuma und Schwangerschaft beschäftigen, gibt es in Deutschland nicht.

Worauf sollte eine Frau mit Rheuma vor einer geplanten Schwangerschaft achten?

Als aller erstes sollten allgemeine Informationen zu dem Thema eingeholt werden. Gespräche mit der Partnerin oder dem Partner sowie der rheumatologischen Praxis sind die Grundlage für die mögliche Entscheidung für eine Schwangerschaft. Als nächstes sollte die Krankheitsaktivität vor dem Hintergrund einer möglichen Schwangerschaft noch einmal genau betrachtet werden. Auch die aktuelle Medikation sollte gegeben falls modifiziert oder umgestellt werden. Möglicherweise kann es bei einzelnen Erkrankung Sinn machen, im Vorfeld anhand von Laboruntersuchungen das Risiko einer möglichen Schwangerschaft besser einschätzen zu können. Nicht zuletzt sollte die gynäkologische Praxis ebenfalls zu dem Thema befragt werden, sodass zum Zeitpunkt der Schwangerschaft möglichst keiner der Beteiligten (werdende Eltern, rheumatologische und gynäkologische Praxis) zu von der Tatsache überrascht werden.

Teil 2: Schwangerschaft & Geburt

Kann man während eines akuten Schubs schwanger werden?

Die Wahrscheinlichkeit ist zwar geringer, bei einer aktiven rheumatischen Erkrankung schwanger zu werden, darauf verlassen sollte man sich jedoch nicht. Solange nicht die Voraussetzungen günstig sind und die aktuelle Medikation an den Schwangerschaftswunsch angepasst wurde, sollte eine effektive Verhütung gewährleistet sein. Erfahrungsgemäß sollten die Patientinnen mindestens 3 Monate eine sehr gute Kontrolle der Krankheitsaktivität haben, bevor sie schwanger werden. Dieses ist einer der besten prognostischen Marker, damit die Schwangerschaft komplikationsarm verläuft.

Gibt es Besonderheiten beim Impfen, auf die geachtet werden muss? Wenn ja, welche?

Kinder von Patientinnen, die während der Schwangerschaft intensivere Medikamente zur Immununterdrückung eingenommen haben, sollten in den ersten 5 Monaten keine Lebendimpfungen bekommen. Dieses betrifft insbesondere die Impfung von Rotaviren, die normalerweise im Alter von 6 Wochen, sowie im 2. und 4. Monat erfolgt.

Wie häufig sollten Frauen in der Schwangerschaft ihren Rheumatologen aufsuchen?

Diesbezüglich gibt es leider keine offiziellen Empfehlungen. Zum anderen hängt die Frequenz sicherlich auch von den individuellen Prognosefaktoren der Schwangeren ab. Wir sehen häufig die Patienten im 6 Wochenrhythmus bei uns in der Sprechstunde.

Vor Cortison haben viele Angst, wie stehen sie dazu, Cortison in der Schwangerschaft- ja oder nein?

Das kann man so allgemein tatsächlich nicht beantworten. Generell ist es sicherlich wünschenswert, eine Schwangerschaft ohne Medikamente führen zu können. Sollte jedoch die Krankheitsaktivität nicht ausreichende unter Kontrolle sein, mag es im Einzelfall tatsächlich sinnvoll sein, Cortison einzunehmen, um die Krankheitsaktivität zu verbessern. Dabei sollte natürlich so wenig wie möglich Cortison eingenommen werden, und gerade zu Beginn der Schwangerschaft würden wir höhere Cortisondosen gerne vermeiden.

Wie sieht es mit der Medikation aus. Raten sie dazu, die Medikamente einfach abzusetzen?

Das unkontrollierte Absetzen der Medikamente, nur wegen eines nun aktuell bestehenden Schwangerschaftswunsch oder einer eingetretenen Schwangerschaft es sicherlich nicht zu empfehlen. Auch diesbezüglich ist zunächst individuell zu schauen, welche Krankheit liegt vor, welche Krankheitsaktivität besteht zur Zeit und welche Medikamente werden zurzeit eingenommen. Durch eine rechtzeitige Kontaktaufnahme mit den betreuenden rheumatologischen Praxis vor Eintritt der Schwangerschaft lassen sich viele solcher Fragen bereits klären, sodass es gar nicht zu solchen akuten und vielleicht überstürzten Therapieumstellung kommen muss.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Gynäkologen und wer betreut die Patientin während der Schwangerschaft vorrangig?

Ich halte es für absolut wichtig, dass die Rheumatologen und Gynäkologen zusammen die Schwangerschaft betreuen. Jeder hat seinen aktiven Part in der Betreuung der Schwangerschaft. Der Rheumatologe muss dabei kein Gynäkologe sein und andersrum. Wenn aber beide ihre Erfahrung in die Waagschale legen und sich miteinander austauschen, dann bestehen die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Schwangerschaft. Es ist nicht zwingend notwendig, dass die Rheumatologen die Gynäkologen gemeinsam und gleichzeitig die Patientin sehen oder täglich miteinander telefonieren, wenn Sie jedoch sich zum Beispiel anhand von Arztbriefen regelmäßig austauschen und ihre aktuellen Empfehlung darlegen, sind alle ausreichend informiert und können falls notwendig, miteinander telefonieren um das weitere Procedere in der Betreuung der Schwangerschaft möglicherweise anzupassen.

Teil 3: Nach der Geburt

Was ist nach der Geburt für Mutter und Kind wichtig?

Während der Schwangerschaft sollte durch die Gynäkologen über die Möglichkeiten individuelle Möglichkeiten der Geburt gesprochen werden. Dabei ist die rheumatologische Erkrankung selten ein Grund, keine natürliche Geburt sich zu wünschen. Es gibt jedoch einzelne Situation, da wird den Schwangeren wahrscheinlich die Geburt mittels Kaiserschnitt empfohlen. Bei der Beurteilung der Risikosituation ist die Rolle des Rheumatologen deutlich kleiner als die des Gynäkologen.

Bezüglich der ersten Lebenstage des Kindes sollte bereits während der Schwangerschaft auf Prognosefaktoren zum Beispiel in den Laborwerten geachtet werden. Es gibt einzelne Erkrankung bei den kann anhand von Laboranalysen erkannt werden, ob zum Beispiel das Kind möglicherweise in den Tagen nach der Geburt einen Hautausschlag haben könnte, der auf die Rheumawerte der Mutter zurückzuführen sind. Dieser Ausschlag ist per se nicht gefährlich, kann jedoch zu Irritationen führen, wenn man nicht darauf gefasst ist. In den ersten Lebensmonaten verschwindet zum Beispiel dieser Hautausschlag spontan und komplett.

Wann sollte man die Therapie nach der Geburt wieder beginnen?

Sollte vor der Schwangerschaft eine rheumatologische Therapie beendet worden sein, gibt es keine Regel die besagt, dass nach der Geburt des Kindes die Therapie automatisch wieder aufgenommen werden sollte. Die Entscheidung sollte in Abhängigkeit von der Tatsache gemacht werden, wie sich die Krankheitsaktivität bei der Mutter nach der Geburt verhält und ob die Mutter stillt. Es kann gegebenenfalls sinnvoll sein, eine Therapie nach der Geburt und während des Stillens wieder aufzunehmen, diese sollte jedoch nur in Absprache mit der betreuenden rheumatologischen Praxis erfolgen.

Sollte man während dem Stillen die Therapie pausieren?

Es ist zumeist so, dass wenn die rheumatologischen Medikamente während der Schwangerschaft fortgesetzt worden, können diese Medikamente auch während der Stillzeit fortgesetzt werden. Medikamente die nur während der Schwangerschaft, aber nicht während der Stillzeit eingenommen werden dürfen, sind mir in der Rheumatologie nicht bekannt.

Fazit: Welche Erfahrungen haben sie bei/mit ihren Patienten gemacht?

In Anbetracht der Tatsache, dass wir eine Sprechstunde für Rheumaerkrankte mit Kinderwunsch anbieten, betreuen wir viele Patienten vor, während und nach der Schwangerschaft. Unsere Erfahrung ist, dass allein die Tatsache, dass ein Familiengründung und generell realisierbar erscheint, trotz einer rheumatologischen Erkrankung, bei den meisten Patienten zur Erleichterung führt. Wenn man dann die oben beschriebenen Konzepte mit den Patienten und deren Partnern durch spricht, erkennen die meisten zumeist selber, wann ein möglicher richtiger Zeitpunkt für die konkrete Umsetzung des Familienwunsches sein könnte. Zudem ist unsere Erfahrung, dass die Komplikationen während der Schwangerschaft nicht unbedingt mit der Art der rheumatischen Erkrankung eng assoziiert sind, sondern die ausreichende Kontrolle der Krankheitsaktivität in den ersten drei Monaten vor der Schwangerschaft eigentlich die beste Vorhersage gibt, wie viel Schwierigkeiten während der Schwangerschaft auftreten können.

Wichtig ist uns auch, dass wenn eine Schwangerschaft nicht erfolgreich war es eher selten rheumatologische Gründe sind. Auch bei gesunden Müttern brechen Schwangerschaften in den ersten zwölf Wochen nicht selten ab. Das Gefühl, dass die Patientin selber daran schuld sei oder sie nicht alles dafür getan hätte, um die Schwangerschaft erfolgreich fortzusetzen, darf bei den Patientinnen nicht aufkommen.

Wofür ist ein Rheuma-Schwangerschafts-Register?

Das Schwangerschaftsregister Rhekiss dient dazu, noch mehr über die Schwangerschaften bei Rheumapatienten zu lernen. Alles das was wir heute dazu wissen, resultiert aus der Betreuung der Schwangerschaften in den vorherigen Jahrzehnten. Es gibt nahezu keine Studien zur individuellen Prognosefaktoren oder der Anwendung von Medikamenten während der Schwangerschaft, da sich dieses ethisch auch nicht vertreten ließe. Um in Zukunft aber noch besser unsere Patienten betreuen zu können, ist es unser Ziel individuelle Prognosefaktoren kennen zu lernen, die noch mehr erfolgreiche Schwangerschaften zur Folge haben.



Krankenkassenleistungen bei Rheuma

Wenn es um die Behandlung von Rheuma geht, spielen die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen eine entscheidende Rolle.

Rheuma ist eine chronische Erkrankung, die eine sorgfältige medizinische Betreuung erfordert und vielen Patienten ist gar nicht klar, was alles von ihrer Krankenkasse übernommen wird und wo es sich vielleicht lohnt noch weitere Maßnahmen zu ergreifen, die aber selbst bezahlt werden müssen.

Wir haben für diesen Blogpost Rheumatologe Dr. Peer M. Aries gefragt, welche Leistungen die gesetzliche Krankenkasse im Rahmen der Rheumabehandlung abdeckt und welche nicht.

Die Leistungen, die von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im Rahmen der Rheumabehandlung übernommen werden, können je nach individuellem Fall und Krankenkasse variieren. In der Regel sind jedoch folgende Leistungen von der GKV abgedeckt:

Nicht alle Leistungen, die im Rahmen einer Rheumabehandlung anfallen, werden von der GKV übernommen. Hierzu können beispielsweise Kosten für alternative Heilmethoden, wie Akupunktur oder Homöopathie, zählen. Auch bestimmte Hilfsmittel, wie zum Beispiel spezielle Einlagen oder Orthesen, müssen gegebenenfalls privat bezahlt werden. Es empfiehlt sich daher, im Vorfeld mit der eigenen Krankenkasse Kontakt aufzunehmen und sich über die genauen Leistungen und Kosten zu informieren.

Dr. Peer Aries: Ernährung bei Autoimmunerkrankungen – Warum geben Ärzte keine klaren Empfehlungen?

 Wenn man unter einer chronischen Erkrankung leidet, geht man viele Wege in der Hoffnung auf Linderung. Häufig liegt diese Hoffnung in einer Ernährungsumstellung. Doch viele Ärzte zögern dabei, Ernährungsempfehlungen abzugeben bzw. verweisen lieber auf eine ausgewogene Ernährung und wollen sich nicht festlegen. Aber warum ist das eigentlich so? Wir haben dazu mal unseren Rheumatologen Dr. Peer M. Aries befragt.

Es gibt mehrere Gründe, warum Ärzte möglicherweise ungern spezifische Ernährungsempfehlungen für Autoimmunerkrankungen abgeben und in den Augen der Patienten „lediglich“ auf die mediterrane Kost verweisen:

Insgesamt kann eine gesunde und ausgewogene Ernährung, wie sie in der mediterranen Kost vorgesehen ist, eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen spielen. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die Ernährung allein nicht ausreicht, um die Erkrankung zu heilen oder zu lindern. Eine individuelle, auf den Patienten abgestimmte Behandlung, die auch medikamentöse Therapien und andere Maßnahmen umfassen kann, ist in der Regel erforderlich.

Leben mit EGPA

Leben mit EGPA

 Die EGPA ist nicht nur selten, die Krankheit ist auch sehr komplex. Ihr Verlauf ist schwer vorhersagbar. Es handelt sich hierbei um eine seltene und chronisch verlaufende Autoimmunkrankheit, bei der der normale Ablauf des Immunsystems gestört ist. So kommt es zu Entzündungen der kleinen und mittleren Blutgefäße, diezu Organschäden führen können – vorübergehende oder auch bleibende. Oft sind Lungengewebe, Herz, Verdauungstrakt oder Nieren betroffen. Die Ursachen für die Erkrankung sind noch nicht geklärt. Was man aber weiß: Die Anzahl der eosinophilen Granulozyten im Blut ist bei Menschen mit EGPA stark erhöht. Dabei scheint ein allergischer Mechanismus eine Rolle zu spielen, bei dem Gewebe direkt durch Eosinophile und Abbauprodukte der Neutrophilen geschädigt wird. Die Aktivierung von T-Lymphozyten trägt offenbar zur Aufrechterhaltung der Entzündung bei.
Dr. Tobias Alexander der Charité Berlin und Dr. Christina Düsing vom Universitätsklinikum Düsseldorf sprechen im Live-Webinar über Symptome und mögliche Verläufe der Erkrankung. Außerdem werden zwei Betroffene über ihre Erfahrungen und den Umgang mit EGPA berichten.
Wer weitere Informationen haben möchte, findet unter www.lebenmitegpa.de detaillierte Informationen für Betroffene und Angehörige.

Mit freundlicher Unterstützung von:
GSK

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